Kaffee mit…

Therese Fässler, Gründerin von Invested

Therese Fässler bringt ihre Botschaft beim Frühstückskaffee mit Intensität rüber: «I want people to own it! Die Leute sollen ihre Lieblingsfirmen besitzen und nicht nur ­deren Produkte kaufen.» Zu diesem Zweck hat sie 2016 begonnen, die Internetseite ­Invested.ch aufzubauen. Seit 2017 ist sie online. «Die US-Wahlen 2016 gaben für mich den Ausschlag. Damals wurde mir bewusst, wie ernst das Thema Ungleichheit nicht nur zwischen Staaten, sondern auch innerhalb von Ländern wie den USA geworden war. Bernie Sanders redete damals über eine Erhöhung des Mindestlohns. Aber darum geht es nicht! Es geht um die Frage, warum manche Leute viel reicher sind als andere. Und das ist, weil sie beispielsweise über Aktien Unternehmen besitzen und davon profitieren, wenn es der Wirtschaft gutgeht.» Das Gleiche gelte in der Schweiz. «Ein kleiner Teil der Bevölkerung besitzt einen sehr grossen Teil der Wirtschaft. Da hilft ein höherer Mindestlohn nichts, denn dieses Geld sitzt dann einfach auf dem Bankkonto mit Negativzinsen und Gebühren. Die Lösung ist, dass alle, auch Leute mit weniger Ersparnissen, in Aktien investieren.»

Der Weg dahin ist allerdings noch weit. Fässlers Zielgruppe sind vor ­allem jüngere Personen mit circa 6000 Fr. frei verfügbarem Investitionsbudget, womöglich aber auch lediglich 1000 Fr. «Derzeit sind die Mitglieder jedoch zwischen 55 und 65 Jahre alt und investieren im Schnitt knapp 200 000 Fr. – oft das Kapital der dritten Säule.» Für diejenigen mit tieferem Einkommen dürfte die Jahresgebühr von 180 Fr. ein Hindernis sein. Pro Kauf oder Verkauf bis zu einem Volumen von 15 000 Fr. verlangt Fässlers Partnerbank 18 Fr. Handelsgebühr. Zum Vergleich: Die Handelsplattform Swissquote verlangt 60 Fr. Depotgebühr, wobei dieser Jahresbetrag bei ­inaktiven Investoren auf bis zu 200 Fr. steigen kann. Pro Geschäft fallen bei Swissquote an der SIX je nach Volumen nochmals zwischen 9 und 55 Fr. an. «Ich habe siebzehn Banken abgeklappert auf der Suche nach tieferen Gebühren. Auf meine Frage, welche Kosten die Gebühren decken müssten, sagte mir der Mitarbeiter einer Bank, keine, sie seien einfach 10 Fr. günstiger als die Konkurrenz.» Ein anderes Beispiel, wie die Geldinstitute aufgrund der Negativzinsen nach neuen Einnahmequellen graben, seien die steigenden Gebühren bei Transaktionen am Bankomaten, sagt Fässler. Sie selbst müsse mit den 180 Fr. Jahresgebühr von 180 zahlenden Mitgliedern Internetkosten und Programmierer in der Ukraine bezahlen.

Die 59-jährige verheiratete Mutter eines Sohnes war schon mit vielen Leuten über ihr Projekt im Gespräch. Warren Buffett habe ihr einen Brief zurückgeschrieben und gemeint, es sei eine gute Idee. Das habe auch Michael Bloomberg vom Finanzdatenportal Bloomberg gesagt. Fässler hätte für ihre Webseite gern ein «Bloomberg light» gehabt, aber zu so einem Deal sei der New Yorker nicht bereit gewesen.

Mit Bloomberg verbindet Fässler New York, wo sie in einem Vorort als viertes von fünf Kindern aufgewachsen ist. Die Mutter, eine gebürtige St. Gallerin, emigrierte 1938 in die USA, wo sie ihren späteren Ehemann kennenlernte. Mit 22 Jahren wollte Tochter Therese ihre Schweizer Wurzeln ergründen, verliebte sich in einen Ostschweizer und blieb. Nach dem Studium in Mathematik, Statistik und Wirtschaft arbeitete sie 26 Jahre lang als Programmiererin. «Das ergab sich in den Achtzigerjahren so, weil ich als Amerikanerin die Anleitungen auf Englisch lesen konnte.» Mit vierzig Jahren habe sie sich gefragt, ob es das nun gewesen sei – eine Laufbahn als Programmiererin? Und hat an der Hochschule St. Gallen nochmals ­studiert, danach in der Forschung und als Unternehmensberaterin gearbeitet. «In der Zwischenzeit wuchs mein Verlangen, in der Welt etwas zu verändern.» Und so entstand die Plattform.

Das alles erzählte Fässler beim Kaffee in den Tagen vor dem Lockdown im März. Es galt schon der Ellbogen-Gruss, Corona bei den Optimisten aber noch als chinesisches Problem. Auch Fässler hätte nicht gedacht, dass sich die Grippe zur weltweiten Pandemie entwickelt. Nun, etwa drei Monate später, sagt sie am Telefon: «Die rasche Kurserholung ist irrational. Ich verstehe, dass Zoom und Amazon hoch bewertet sind. Auf viele andere Unternehmen kommt ein Schock zu.» Den Mitgliedern rät sie derzeit zur Zurückhaltung. Mancher Geringverdienende dürfte jetzt froh sein, das verbleibende Geld nicht im Aktiendepot zu haben – damit er wenigstens die Produkte seiner Lieblingsunternehmen kaufen kann.

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