Kaffee mit…

Adrian Gerny, Berufsfischer auf dem Zürichsee

Beim Treffen am frühen Nachmittag ist sein Arbeitstag schon fast zwölf Stunden alt. Doch Adrian Gerny, seit dreizehn Jahren Berufsfischer am unteren Zürichsee, ist sich das Frühaufstehen gewöhnt. Er wirkt auf jeden Fall nicht müde an diesem Sommertag auf der Terrasse des kleinen Ladens vom Campingplatz Wollishofen, auf dessen Areal sich auch Gernys Fischbetrieb befindet. Soeben hat er noch die letzte Lieferung zu einem Kunden gefahren. Nach dem Kaffee werden dann schon bald die Netze vorbereitet, bevor er wieder lostuckert mit seinem kleinen grünen Fischerboot.

Sechsmal die Woche setzt Gerny am frühen Abend seine Netze dort in den See, wo sich erfahrungsgemäss die Fische tummeln, und hofft auf einen guten Fang. Manchmal warten um 8 Uhr abends, wenn er nach Hause kommt, noch administrative Arbeiten. Dann kann während der Hochsaison die Wochenarbeitszeit auch mal 100 Stunden betragen. Um 2 Uhr früh klingelt der Wecker. Eine Stunde später fährt er zu den Netzen hinaus und zieht sie ein – bei jeder Witterung, ohne Begleitung, so will es das Gesetz. Doch für diese Momente in der frühen Morgendämmerung, allein auf dem See, liebt Gerny seinen Beruf. «Natürlich freue ich mich am meisten über einen guten Fang, aber diese Stimmungen, das Naturspektakel, das ist unbezahlbar.»

Nach der Rückkehr an Land beginnt die Verarbeitung gleich hinter dem Camping-Shop, wo Gerny von seinen Mitarbeitern unterstützt wird. Bei der Fischverarbeitung kommen einige Maschinen zum Einsatz, doch ist noch vieles Handarbeit. «99% wird zu Filet.» Das sei der Kundenwunsch. Mehr als die Hälfte ist für das See-Restaurant Fischers Fritz nebenan bestimmt, mit dem Gerny eng zusammenarbeitet. Als der Gastronom Michel Péclard die Idee für ein Fischrestaurant auf dem Campingplatz hatte, suchte er eine Art Hausfischer, der für möglichst frischen Fische sorgen würde. So kam Gerny, der zuvor in Küssnacht gefischt hatte, 2010 nach Wollishofen.

Aber auch ohne Fischers Fritz würde Gerny seinen Fisch locker loswerden. «Die Nachfrage ist nicht das Problem.» Die entscheidende Frage sei eher, wie viele Fische er aus dem See zieht. An guten Tagen sind es 80 bis 100 kg, an schlechten weniger als 10 kg. Deshalb arbeitet Gerny seit 2013 mit Berufskollege Rolf Ruf von Oberrieden zusammen. Und falls der gemeinsame Fang selbst dann nicht ausreicht, können sie immer noch auf ein Netzwerk von Fischern anderer Seen zurückgreifen. So hat der Kunde zumindest Schweizer Seefisch auf dem Teller, wenn der untere Zürichsee zu wenig hergab.

Doch ein «Problemsee» mit rapid sinkenden Fischbeständen ist der Zürichsee nicht. Zwar häufen sich auch hier die mageren Jahre. «2016 und 2017 waren schwierig», so Gerny. Aber im vergangenen Jahr zogen die 18 Berufsfischer 240 Tonnen aus dem Zürich- und dem Obersee, so viel wie seit sechs Jahren nicht mehr. Dank der grossen Agglomeration sei der Nährstoffgehalt noch einigermassen okay, erklärt Gerny. In anderen, grösseren Seen ist das anders. Im Bodensee fehlt es wegen der immer besseren Kläranlagen und der strengeren Gewässerschutzvorschriften mittlerweile an Grundnährstoffen im Wasser, die für das Leben im See zentral sind. «Das ist wie eine Pflanze, die kein Dünger bekommt.» Die Erträge gehen zurück, immer mehr Berufsfischer geben auf. Auf dem Zürichsee ist ihre Zahl hingegen seit Jahren recht stabil.

«Der unterschiedliche Phosphatgehalt hat nichts mit sauber oder dreckig zu tun», sagt Gerny. Auch der Zürichsee sei eines der grössten Trinkwasserreservate. Aber das Beispiel vom Bodensee zeige, dass man es mit Gewässerschutz auch übertreiben könne. «Es kann ja nicht sein, dass deswegen die Fischbestände leiden und wir auf Importe mit zweifelhafter Ökobilanz angewiesen sind.» Die zweite grosse Herausforderung für die Fischer ist der Klimawandel. Die wärmeren Winter führen zu einer schlechteren Durchmischung, wodurch weniger Phosphat vom Seegrund nach oben gelangt. Damit das Wasser nahe der Oberfläche absinken kann, muss es auf vier Grad abkühlen. Auch kräftige Stürme fördern die Durchmischung. Das Ausbleiben der Winterstürme wirkt sich negativ auf den Fischertrag in drei bis fünf Jahren aus.

Überfischung hingegen, das sei auf den Schweizer Seen kein Thema. Die Netzmaschengrösse ist für jede Fischsorte und jeden See exakt vorgeschrieben. Das sorge dafür, dass nur genug grosse, ausgewachsene Fische ins Netz gehen. Das Hochwasser machte den Fischern zu schaffen. Zwar konnten sie zumindest auf dem Zürichsee auch bei höchstem Pegel noch rausfahren, aber es verfingen sich kaum Fische im Netz. «Durch das viele Wasser und die schlechte Witterung sind die Wasserschichten durcheinander gekommen,» erklärt Gerny. Die Fische seien dann überall und nicht mehr hauptsächlich in der Sprungschicht. So wird die Wasserschicht ab etwa acht Meter Tiefe genannt, die besonders reich an Plankton ist, und wo auch die Netze gesetzt werden.

Das sei ärgerlich, weil der Sommer eigentlich Hochsaison für den Felchenfang sei. Der beliebte, fettarme Speisefisch gilt als «Brotfisch» für die Berufsfischer. Im Zürichsee macht er mehr als die Hälfte des gesamten Fischfangs pro Jahr aus. Im Herbst beginnt dann die Egli-Zeit. Im Winter folgt der Weissfischfang, die ersten Hechte gehen im Januar ins Netz. Doch schon vor dem Hochwasser habe sich ein schwaches Fischerjahr abgezeichnet: Zuerst ein kalter und nasser Frühling, und als endlich wärmer wurde, kamen die Unwetter und der Starkregen.

Mit elf war Gerny zum ersten Mal mit dem Onkel eines Freundes auf einem Fischerboot und hatte fortan nur noch ein Berufsziel vor Augen. Nach einer Lehre in Freienbach und einer Fischerausbildung in Bayern übernahm er 2008 einen Fischereibetrieb in Küssnacht. Seither lebt er vom Fischen, aber auf seinem Teller landen die lokalen Spezialitäten nicht allzu oft. Es ist in der Regel seine Freundin, die ihn erinnere, mal wieder ein schönes Exemplar nach Hause zu bringen. Vorlieben für bestimmte Fische hat er nicht. Nur mit Egli könne er nichts anfangen.

Über die Zukunft macht sich der 33-Jährige keine Sorgen. Lokale Produkte seien im Trend, für die Gastronomie sei Seefisch unverzichtbar. Man müsse halt ein bisschen mit der Zeit gehen, bei der Verarbeitung auf die Bedürfnisse eingehen und Synergien nutzen, wie er das mit der Kooperation mit Rolf Ruf getan habe.

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