Kaffee mit…

Adrian Margelist, Kreativchef Burton

«Das ist also sozusagen mein erweitertes Wohnzimmer», sagt Adrian Margelist und lacht. Da sind Cappuccino und Croissant längst verzehrt, die Lebensgeschichte im Eiltempo erzählt. Er tat es wohl nicht zum ersten Mal. Italien, Deutschland, Grossbritannien, Südkorea. Dank seiner Tätigkeit als kreativer Kopf bei grossen Mode- und Luxusmarken hat der 45-Jährige in den vergangenen Jahren an vielen Orten dieser Welt gelebt. «Mein Job ist mein Leben», sagt er, angesprochen auf die hohe Arbeitsbelastung. Nun hat auch ihn die Covid-Pandemie ausgebremst. Statt für die Snowboard- und Lifestylemarke Burton zwischen der US-Ostküste, China und Europa zu pendeln, sitzt Margelist in seiner Wohnung in der Nähe der Zürcher Langstrasse fest – oder eben im grossen Wohnzimmer im Kosmos an der Europaallee.

Ein Walliser Naturbursche und Snowboarder erster Stunde bei Burton? Wen wundert’s. Doch derart war Margelists Karriere keineswegs vorgespurt. Aufgewachsen ist er in einer Eisenbahnsiedlung in Brig, in einer, die er als Arbeiterfamilie bezeichnet – «Kreativität gab es in diesem Umfeld nicht». Er habe früh gespürt, dass er eine besondere kreative Begabung habe. «Mit sechzehn Jahren kam es mir wie eine Eingebung: Ich will Designer werden.» Der dreizehn Jahre ältere Bruder arbeitet da schon auf der Bank in Zürich. Sie schmieden bereits einen Plan, wie Adrian es unter die Grossen schaffen kann. Die renommierte Modeschule Central St. Martins in London liegt nicht drin. Stattdessen ein Studium in Zürich, für den Masterabschluss zieht es Margelist dann nach Mailand ans Istituto Maragoni. «Wir hatten Geld für acht Monate, der kürzeste Studiengang dauerte dreizehn. Ich habe Tag und Nacht gearbeitet.» Er schliesst in Rekordzeit mit voller Punktzahl ab – an der in diesem Jahr besten Schule der Welt.  

Das öffnet dem jungen Designer viele Türen. Mit Mitte zwanzig landet Margelist als Assistent doch noch in London, bei Vivienne Westwood, und arbeitet sich von dort zwölf Jahre klassisch hoch. Die Designindustrie ist in den Nullerjahren sehr hierarchisch geprägt. Er wird kreativer Chef bei der Luxusmarke MCM – nimmt Einsitz in der Geschäftsleitung. Schon davor bei Esprit kommt er mit der unternehmerischen Seite in Kontakt. «Auf C-Level geht es nicht mehr länger nur um das Visuelle, sondern auch um die Rendite.» Das liegt Margelist, der eine in der Designwelt rare Kombination von Fähigkeiten auf sich vereint: Kreativität und Zahlenaffinität.

Von MCM geht es zu Liebeskind. In Berlin umweht die Marke ein Nimbus. Ruhm und Geld fliessen. «Ich gebe es zu. Ich habe viel verdient und wollte auch zeigen, dass ich viel verdiene.» Diese Welt habe ihm nicht entsprochen, aber der Mensch «ist nun mal ein Gewohnheitstier». Just als er den Boden unter den Füssen zu verlieren droht, kommt ein Anruf aus Zürich. Oliver Pabst, Mammut-Chef, will mit seiner Hilfe die traditionsreiche Outdoor-Marke in Schwung bringen. «Drei Stunden später sagte ich zu.» Obwohl Teil von Conzzeta, geniessen die beiden eine grosse Freiheit, es gibt wenig zu verlieren: Mammut erlebte davor nach mehr als hundert Jahren eine Krise. Doch das Fundament stimmt, der Turnaround gelingt. Der Verkauf sei auf gutem Weg gewesen. «Dann kam Corona.» Margelist hat seine weitere Karriere schon lanciert: Burton-Chefin Donna Car­penter kennt er von früher. «Am 15. März hätte ich nach Burlington fliegen sollen.» Doch es kommt anders. Ausser Carpenter und einigen aus Europa habe er seine Kolleginnen und Kollegen nur über Zoom kennengelernt.

Die Kultmarke Burton ist wieder ein anderer Fall. «Wir sind wie Coca-Cola unserer Branche.» Klar ist auch: Die Nummer eins am Markt arbeitet solide, steht aber unter Druck. Zu Mainstream für die eingefleischten Snowboarder, zu sehr Snowboardmarke für den Rest. Doch Margelist ist spürbar Optimist. Der Brettsport erlebe – wie auch das Surfen und das Skaten – wahrhaftig eine zweite Welle. Die Jungen von damals, die Firstmover wie er, ziehen die nächste Generation gross. Die Rückkehr zum ­Natürlichen, zum Flow, zum Nachhaltigen sei überall spürbar. «Wohl eine Reaktion auf das Tempo, mit dem die Welt an die Wand gefahren wird.» Das verkörpere Burton: Produziert wird nachhaltig, bis 2030 will das Unternehmen emissionsneutral wirtschaften. Weniger Konsum, dafür gute Qualität, sei die Losung. Margelist muss es wissen, sein vierzehnjähriger Sohn lebt nahe Zürich. In dem Sinne ist das coronabedingte Festsitzen statt unzähliger Flugmeilen im Jahr doppelt gut.

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