Kaffee mit…

Alberto Alessi, Präsident der Designfabrik Alessi

Amerikanische und japanische Konzerne haben sich alle Designer einverleibt. Nur einer lässt sich nicht kaufen und bleibt einer kleinen Manufaktur in Italien treu. Als dieser Designer ein Gemälde in Barcelona ausstellt, wird es gestohlen – und damit auch seine Idee. Denn in der Ecke seines Bildes hatte er ganz klein eine noch nie produzierte Kaffeemaschine skizziert.

So erzählt Alberto Alessi die Geschichte seines Romans, der nie veröffentlicht wurde. «Die schönste Espressomaschine der Welt», lautet der Titel des Thrillers, den er um 1990 ­geschrieben hatte. «Aber die Novelle ist nicht gut», schüttelt Alessi den Kopf, «und sie passt ins letzte Jahrhundert: Design hat seine Bedeutung verloren und ist zum Geschäft geworden.»

Das Einzige, was Alessi heute bedauert, ist, dass er nicht Schriftsteller geworden ist, denn gleich einen Tag nach seinem Jusstudium ist er mit 23 Jahren in den Familienbetrieb eingestiegen. «Das war mein Schicksal, ich habe das nie in Frage gestellt» sagt der 75-Jährige. «Und ich hoffe, dass ich dort bis zu meinem letzten Tag arbeiten kann.» Vom Geschäft mit Haushaltsgeräten ist er aber nicht nur väterlicherseits geprägt, sondern auch mütterlicherseits. Seine Mutter ist eine Bialetti, Schöpferin der weltbekannten Mokka-Kanne.

Den Kaffee braut Alessi selbst mit seiner Pulcina, dem bekannten Espressokocher Namens Hühnchen, und serviert ihn in seinem Landsitz im italienischen Pratolungo oberhalb des Lago d’Orta. Am liebsten trinkt er ihn schwarz. Dabei zieht er an seiner Zigarillo und offeriert kleine Süssigkeiten namens Giraudo al Rhum. Mit seinen auffällig hellen Augen und seiner ruhigen Art entspricht er nicht dem Klischee des Italieners. Seine Gastfreundschaft und Offenheit sind aber mediterran geprägt.

Das stattliche Landgut auf dem Hügel von Pratolungo hat Alessi vor zehn Jahren erworben, komplett saniert und renoviert. Als Einziges stehen noch die Grundmauern eines alten Gebäudes aus dem 18. Jahrhundert. Ein riesiges Schwimmbad, ein luxuriöser Weinkeller, alte Bücherschätze – alles ist auf dem Landgut untergebracht. Küche, Ess- und Arbeitszimmer befinden sind in einem geschätzt dreissig Meter langer Raum. Der Blick schweift über seine Weinberge hin zum Ortasee. Seit einigen Jahren ist er auch Bioweinbauer. «Das macht vor allem meine Frau.» Er führt in den Keller, wo die Flaschen «La Signora Eugenia e il passero solitario» stehen.

Täglich fährt er zum Sitz des Unternehmens in Crusinallo, wenige Autominuten entfernt vom Ortasee. Alessi ist verantwortlich für das Designlabor, die Marketingstrategie und die Kommunikation. Bereits ist die vierte Generation mit zwei Neffen in der Designfabrik tätig. 2021 feiert Alessi ihr hundertjähriges Bestehen. Die Gesellschaft beschäftigt 300 ­Angestellte und erzielte 2020 einen Umsatz von 52 Mio. €. Auf dem Höhepunkt waren es noch 110 Mio. €. 2019 hat sich das Familienunternehmen mit der Private-Equity-Firma Oakley zusammengeschlossen, die nun 40% an Alessi hält. «Wir mussten einen Bruder und seine Söhne auszahlen. Dafür brauchten wir Geld. Mit Oakley hoffen wir, den Sprung nach Asien und Amerika besser zu schaffen.» Bis jetzt sei diese Strategie aber noch nicht aufgegangen, erklärt er. 85% der Produkte werden in Europa verkauft.

Alessi hat die Firma bekannt gemacht dank der Zusammenarbeit mit berühmten Architekten und Designern, deren Produkte es bis ins Museum of Modern Art in New York oder ins Pompidou Centre in Paris geschafft haben. Architekten wie Frank Gehry, Zaha Hadid, Jean Nouvel, Aldo Rossi waren für Alessi tätig. So entstanden zum Beispiel die wohl umstrittenste Zitronenpresse Namens Juicy Salif von Philippe Starck, die wie eine Qualle aussieht, oder der Wasserkessel von Michael Graves, auf dessen Ausguss ein kleiner Vogel aus Metall sitzt, der pfeift, wenn das Wasser im Kessel kocht. «Es ist immer eine Gratwanderung zwischen Form und Funktion, aber ohne das Risiko abzustürzen, wären unsere Produkte mittelmässig und austauschbar», sagt der Meister.

«Das Ideal für Form und Funktion ist das Ei, aber das ist keine menschliche Kreation, sondern kommt aus dem Arsch.» Humor spielt eine wichtige Rolle bei den Produkten, etwa beim WC-Beseli, das wie eine Topfpflanze aussieht und Scheisserchen heisst, oder bei dem Clown als Korkenzieher und dem starken Mann als Nussknacker. Die Grenzlinie zwischen Möglichem und Unmöglichem verändere sich stets. Alessi ist auch schon abgestürzt, etwa mit dem Kochkessel von Frank Gehry, der zwar wie ein Kunstwerk aussieht, aber an dessen Holzgriff man sich verbrennen kann. «Es braucht dieses Labor des Experiments, des Ausprobierens. Design ­berührt die Fantasie und die Emotionen.» Aber wichtig sei natürlich auch, ob sich ein Produkt am Markt verkaufen könne.

Dass ausgerechnet Schweizer mit Nespresso die Welt der Kaffeeliebhaber erobert haben und nicht ein italienisches Produkt, schmerzt ihn nicht. Bei Nespresso stehe nicht die Maschine im Vordergrund. Alessi habe anfänglich eine Maschine für Nestlé produziert, die nach zehn Jahren aber eingestellt worden sei, weil sie zu teuer gewesen sei und das Management gewechselt habe, erklärt er. Nun ist er aber wieder im Gespräch mit einer neuen Maschine für Nespresso. Man darf gespannt sein.

, Closing Bell / Kaffee mit

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