Kaffee mit…

Andrea Fopp, Chefredaktorin von «Bajour»

Es ist nicht leicht, sich in einer fremden Stadt durchzusetzen. Dort zu einer bedeutenden politischen Stimme zu werden, darf man gar als Kunststück bezeichnen. Andrea Fopp ist das in Basel gelungen, wo die Bündnerin seit siebzehn Jahren lebt. Wir erreichen die 37-Jährige per Video-Anruf zu Hause in Basel, wohin sie aus Chur damals zum Studium kam. Gerade hat sie noch einen Espresso getrunken, nach 12 Uhr gibt es dann nur noch Schwarztee.

Fopp ist Chefredaktorin von «Bajour» – eine der wenigen Chefredaktorinnen der Schweiz und dazu noch beim wohl jüngsten Medienprojekt des Landes. Das Online-Medium «Bajour» ist gerade rund ein Jahr am Start und das unverhofft erfolgreich. «Es läuft megagut, ich kann es manchmal gar nicht glauben», sagt Fopp. Ende 2020 habe «Bajour» die bisher höchsten Zugriffszahlen verzeichnet und liege laut Fopp nun über dem Businessplan.

Die Basler Stiftung für Medienvielfalt, einst finanziert von Roche-Erbin Beatrice Oeri, leistet jährlich jeweils 1 Mio. Fr. über drei Jahre als Anschubfinanzierung. «Danach wollen wir diesen Betrag selbst erwirtschaften», sagt Fopp. Dass «Bajour» jemals selbsttragend wird, sei aber zu bezweifeln. «Wir glauben nicht, dass man mit Medien heute noch Rendite erwirtschaften kann», sagt Fopp in Kontrast zu den Verlegern des Landes. Ebenfalls im Gegensatz zu vielen Medien bietet «Bajour» seine Inhalte gratis und werbefrei an. Das als Verein organisierte Projekt setzt auf Drittmittel, die es bei Stiftungen einwerben will und auf Beiträge der fast 2500 Vereinsmitglieder und Gönner. «Sie zahlen bewusst, um ein Teil von uns zu sein und uns zu unterstützen», sagt Fopp. «Für diese Community wollen wir nützlich sein. Jeder Franken fliesst in den Journalismus.» Das macht «Bajour» heute mit einem laufend wachsenden Team von Festangestellten und vielen Freien.

Vor einem Jahr ging es noch zu viert los. «Wir hatten keine Ahnung, wo wir anfangen sollten, und hatten eine Selbstbewusstseinskrise», sagt Fopp. Ein erster «Rettungsanker» waren Events wie Podiumsdiskussionen und redaktionell begleitete Stadtrundgänge. Eingeschlagen hat dann das «Basel Briefing», ein morgendlicher Newsletter, der Nachrichten verschiedener Medien zusammenfasst und die Relevanz für Basel aufzeigt. Heute hat das «Basel Briefing» über 5600 Abonnenten. Dann kam der Lockdown und die Events fielen weg. Dafür rief Bajour das Projekt «Gärngschee» ins Leben. Eine rege genutzte Facebook-Gruppe mit mittlerweile über 16 700 Mitgliedern, über die sich die Stadtbewohner gegenseitig unterstützen und Dinge austauschen. «Es ist Wahnsinn, wie hilfsbereit sich die Baslerinnen und Basler zeigen», sagt Fopp.

Auch journalistisch konnte «Bajour» Pflöcke einschlagen. Zuletzt wurde Redaktor Daniel Faulhaber als «Newcomer» mit dem Zürcher Journalistenpreis für seine Reportage über Erotikmessen ausgezeichnet. Zudem erregten die Beiträge der Redaktion zu einem der kontroversesten Themen in Basel Aufmerksamkeit: Bettler, die in grosser Zahl seit Monaten in der Stadt zu beobachten sind. Zu Beginn machte hier die Behauptung die Runde, es handle sich um organisierte Kriminalität und irgendwo gebe es einen Bettelboss. «Alle haben nur über sie geredet, wir haben mit ihnen geredet», sagt Fopp. Der Bettelboss habe sich als Mythos herausgestellt.

Auf der einen Seite will «Bajour» urban und frech sein, auf der anderen ist es in Person von Chefredaktorin Andrea Fopp zu einer politischen Stimme Basels geworden. Das zeigte sich jüngst bei den Wahlen zur Kantonsregierung. Sachlich seriöse Interviews mit den Kandidierenden auf der einen Seite, messerscharfe Kommentare auf der anderen. Fopp schrieb: «Basel-Stadt wählt mit Stephanie Eymann und Esther Keller zwei Kandidatinnen, die gut reden, aber wenig Inhalte präsentieren.» Eymann habe laut Fopp «keine Ahnung von lokaler Politik» und «Esther Keller? Wechselt ihre Haltungen wie andere die Socken und verkaufte das als Stärke.»

Fopps Haltung wird in Basel wahrgenommen. Christian Keller, wie Fopp Ex-Redaktor der «Basler Zeitung» und heute selbst mit seinem Onlinemedium «Prime News» unterwegs, hat seine Berufskollegin unlängst zu einer von zehn Personen gekürt, die Basel 2020 geprägt haben. «Pointiert, unterhaltsam, kritisch, streitbar», schreibt der Bürgerliche Keller. Auch wenn er ihre «stramm linken Positionen» als «verlässliche Wegleitung in den Abgrund» kritisiert, sei sie doch «ein Gewinn für die Debatte in dieser Stadt».

, Closing Bell / Kaffee mit

Leser-Kommentare