Kaffee mit…

Andrea Neri, Chef Campari Schweiz

Ach, wie schön war Italien doch damals, als Italianità nicht viel anderes hiess als Dolcefarniente am Strand, rassige Italienerinnen auf knatternden Vespas und Flirts mit romantischen Latin Lovers an der Bar. Keine Marke setzt dieses heitere Retrogefühl besser in Szene als Campari.

Für den Aperitivo hat Andrea Neri die Caffe & Cocktailbar «Bovelli» in der Nähe der Zürcher Bahnhofstrasse gewählt. Hier fühlt sich der 49-jährige Italiener wie daheim. Kein Wunder: Wer in der hohen, luftigen Bar seinen Cappuccino schlürft, könnte ebenso gut in einer modernen Bar in Novara sitzen – in der Stadt, wo vor 160 Jahren Gaspare Campari seinen Bitterlikör erfunden hatte.

Das bis heute geheim gehaltene Rezept sei immer noch das gleiche wie damals, behauptet das Campari-Marketing. Wobei wir beim Kernthema dieses Kaffeegesprächs sind: beim überaus erfolgreichen Marketing des Konzerns. Andrea Neri ist seit September Schweizer Länderchef der Campari Group. «Die Schweiz ist das erste Exportland von Campari, und das geschah bereits 1897», erzählt Neri. Er hat einen alkoholfreien Crodino bestellt. «Wir werden Crodino in der Schweiz stark pushen», sagt Neri, «denn alkoholfreie Getränke werden immer gefragter, auch am Abend.»

Cynar oder Cinzano sind ebenfalls bekannte Marken der Gruppe, die insgesamt fünfzig Spirituosen-Labels und alkoholfreie Getränke unter ihrem Dach vereinigt. Zurzeit am beliebtesten ist Aperol. «Damit sind wir in der Schweiz, Italien und Österreich die Nummer eins unter den Spirituosenanbietern», sagt Neri stolz. Dieser fast ebenso wie Campari berühmte Cocktail feiert dieses Jahr bereits den hundertsten Geburtstag. Neri bestellt nun auch einen Aperol Spritz. Weshalb wurde eigentlich gerade dieser Drink zum Kassenschlager? «Aperol Spritz passt bestens zum Aperitivo lungo.» Vor zehn Jahren breitete sich diese italienische Form der Happy Hour von Mailand über ganz Italien aus. Viele Italiener lieben es, diesen Moment des Zusammenseins auszudehnen, und der Aperitivo lungo ersetzt auch mal ein Abendessen mit Freunden auswärts, aber auch zu Hause.

«Aperol hat Campari allerdings nicht verdrängt», betont er. Auch der etwas bittere und alkoholreichere Campari bleibe gefragt. Den melodiösen Gassenhauer «I nime no en Campari Soda» hatte Dominique Grandjean 1977 komponiert. Später wurde das Lied bekannter durch Stephan Eicher. Neri kennt den Song nicht. Noch nicht. «Leider ist mein Deutsch noch schlecht», entschuldigt er sich, rasselt als Marketingmann aber sofort die verschiedenen Drinkformen runter: «Campari Spritz, Campari mit Prosecco. Campari Americano, Campari mit rotem Wermut. Und natürlich Campari Soda.»

Neri hat an der Statale di Milano Philosophie studiert und sein Studium mit einem Doktortitel abgeschlossen. Eine eher ungewöhnliche Basis für einen Mann der Wirtschaft. Vorher hatte er am Gymnasium Griechisch und Latein gepaukt. Von daher sei der Schritt ins Philosophiestudium nicht weit gewesen. Sein Elternhaus hat ihn in dieser Hinsicht nicht geprägt: Sein Vater war prosaischer Finanzchef eines US-Konzerns.

Nach dem Philosophieabschluss kam die «Gewissheit der Ungewissheit», dass es mit seinem Studium schwierig werde, genügend Brötchen zu verdienen. So bewarb er sich für ein Praktikum in einem Wirtschaftsunternehmen. Dabei wurde die Eignung von Kandidaten mit Interviews abgeklärt. Er hatte Glück, denn sein Interviewer unterhielt sich mit ihm praktisch nur über den österreichisch-britischen Philosophen Karl Popper und dessen Wissenschaftstheorie des Positivismus. Er war begeistert von Neri. Prompt erhielt Neri eine Stelle im Marketing beim Batterienhersteller Duracell. Dass der verstorbene Fiat-Chef Sergio Marchionne ebenfalls Philosophie studiert hatte, wusste Neri nicht.

Seit 2008 arbeitet Neri nun für die Campari Group. Für ihn war der Wechsel in die Schweiz ein Karrieresprung. Hier gefielen ihm «die multikulturelle Umgebung, die komplexe Diversität und natürlich die Alpen». Das klingt alles noch etwas inhaltsleer für einen Marketingmann. Aber er lernt die Deutschschweiz ja auch erst kennen. Das Tessin und auch Genf hat er zuvor schon öfters besucht.

In seiner Freizeit wandert er gern und freut sich auf neue Wanderwege in den Schweizer Bergen. Seine dreizehnjährige Tochter und seine Frau sind in Monza geblieben. «Meine Tochter muss sich bald entscheiden, welchen Weg sie im Gymnasium einschlagen will, da möchte ich sie nicht aus der Schule reissen und nach Zug holen. Zug ist für mich bequemer als Zürich, da unser Schweizer Hauptsitz in Baar liegt.» In Zug hat er eine Wohnung gemietet. Meist pendelt er über das Wochenende nach Monza. «Die Ferien wird meine Tochter aber bei mir in Zug verbringen», hofft er.

Seine Frau ist beruflich in Italien sehr engagiert und qualifiziert Lehrer für die Montessori-Schule. «Wir arbeiteten schon früher einmal zwei Jahre lang an verschiedenen Orten, ich in England und sie in Italien, und das hat gut geklappt», sagt Neri. Und eines ist klar: Praktisch jeden Sonntag kocht er für die Familie. Das letzte Mal war es Risotto alla Monzese, ein Risotto mit Safran, Würstchen und Parmesankäse. Und vorher haben sie natürlich einen Crodino getrunken.

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