Kaffee mit…

Andreas Lusser, Mitgründer und CEO von theScreener

Eines der ältesten Unternehmen der Schweizer Finanztechnologie (Fintech) liegt unscheinbar in einem Wohnhaus an der Zugerbergstrasse im gleichnamigen Kantonshauptort. Im Eingangsbereich steht eine fast ­lebensgrosse Plastik eines Stiers, den Kaffee liefert die Maschine in der ­Büroküche, im Sitzungszimmer vergleicht Andreas Lusser (59), Mitgründer und CEO, sein vergangenes Jahr zwanzig Jahre alt gewordenes Fintech namens theScreener mit einem Quarzuhrwerk. «Als das in der Branche Einzug hielt, haben sich viele traditionelle Uhrmacher dagegen gesträubt», sagt Lusser. Es dauerte eine Zeit, aber heute existieren die Quarzuhren Seite an Seite mit den mechanischen Werken. Selbst Edelmarken, die zuvor nur auf mechanische Uhrwerke setzten, haben heute Modelle mit Quarz hinter der noblen Fassade.

Eine ähnliche Entwicklung erfuhr der ETH-Ingenieur Lusser mit theScreener. Das Ur-Fintech macht Aktienresearch, nicht aber mit einer Schar von Analysten, sondern mit dem Computer. Nach zwanzig Jahren Entwicklung kann die Plattform heute rund 6000 Aktien, Wertschriften und Fonds aus aller Herren Länder miteinander vergleichen, analysieren und darüber in Sekundenschnelle Berichte verfassen. Auch Branchenstudien sind für theScreener kein Problem. Zweimal die Woche bewertet die Plattform alle von ihr erfassten Unternehmen neu.

Doch wie das Aufkommen des Quarzwerks stiess auch Lussers vollautomatisiertes Research in der Branche zunächst auf Skepsis. Grosse Banken und Finanzgesellschaften sahen zunächst keinen Bedarf für theScreener, haben sie doch eigene Analyseabteilungen, die teils fürchteten, von solchen Anwendungen komplett ersetzt zu werden. Diese Angst versuchte Lusser zu zerstreuen: «Es macht total Sinn, Schweizer Aktien von den eigenen Experten abdecken zu lassen, aber beispielsweise für einen Nebenwert aus einem fernen Land gibt es ergänzend unser Angebot.»

Anfänglich waren es kleine Geldhäuser und unabhängige Vermögensverwalter, die selbst keine eigene Research-Abteilung haben, die auf den Service von Lusser und seinem Mitgründer Alain Farwagi setzten. Zu Beginn der 2010er-Jahre erkannten dann auch grosse Institute die Vorteile. «Es brauchte aber erst die Finanzkrise und die Verschärfung der Vorschriften für Banken», sagt Lusser. Heute zählen rund 200 Finanzgesellschaften weltweit zu seinen Kunden, darunter auch grosse namhafte internationale Privatbanken und Asset-Manager. Menschliche Analysten und theScreener arbeiten hier erfolgreich Seite an Seite.

Lusser und Farwagi waren damals die Ersten in der Schweiz, die ein System entwickelten, das vollautomatisch Aktien analysiert und Einschätzungen gibt. Die Gründung passierte zur Jahrtausendwende auf dem ­Höhepunkt der Dotcom-Blase. Gründungskapital war in diesem Umfeld der Euphorie leicht zu bekommen. «Ich musste als Tech-Gründer zu der Zeit nie für ein Bier zahlen», scherzt Lusser, der zuvor in leitender Position bei UBS im Bereich der strukturierten Finanzierung und im Management des Telecomanbieters Sunrise tätig war. Auf dem Höhepunkt der Blase ­luden die Gegenüber ihn ein, weil sie dachten, sie hätten es mit einem Tech-Millionär zu tun. Nach dem Platzen der Blase bekam Lusser ­Getränke spendiert, weil die Leute Mitleid mit ihm hatten.

«Erst war die Stimmung himmelhochjauchzend, dann zu Tode betrübt», sagt Lusser. Doch theScreener überlebte den Crash und entwickelte sich bis Mitte der Nullerjahre «zu einem ganz normalen KMU». Und das soll theScreener laut Lusser auch bleiben. Die Gesellschaft gehört heute ihm und Mitgründer Farwagi. «Wir wollen uns nicht mehr in Abhängigkeit von Investoren begeben, wir schätzen unsere Unabhängigkeit sehr.» Im Zweifelsfall würde man langsamer wachsen. Darum sorgt sich Lusser momentan aber nicht, denn das Geschäft läuft. Er und seine Kollegen haben ihre Plattform konstant weiterentwickelt und wollen auch in Zukunft innovativ bleiben. Zuletzt haben sie auch Daten zur Nachhaltigkeit auf die Plattform dazugenommen. TheScreener kann nun also auch Unternehmen auf ihren ökologischen und sozialen Fussabdruck hin analysieren. Zwanzig Mitarbeiter arbeiten heute in Zug und Nyon sowie im Ableger in Singapur – theScreener Asia. In dieser Weltregion wachsen die Vermögen am schnellsten, und auch hier werde der Bedarf an Aktien­research steigen, ist sich Lusser sicher.

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