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Angelica Kohlmann, Gründerin Bloom Diagnostics

Als Angelica Kohlmann sich für ein Medizinstudium entschied, tat sie es, weil sie zur Erforschung und zur Heilung von Krankheiten beitragen wollte. Heute, mehr als dreissig Jahre später, ist sie als Unternehmerin, Investorin und Verwaltungsrätin tätig. Schritt für Schritt baute sie nach ihrem Umzug von München nach Zürich vor sieben Jahren ihr Leben neu auf. Das Gespräch mit der gebürtigen Brasilianerin mit deutschen Wurzeln findet mitten im Lockdown statt und deshalb ausnahmsweise nicht in einem Café, sondern per Videokonferenz. Das Bild vom Münsterhof hat Kohlmann nachgeliefert.

Schon vor dem Umzug nach Zürich, heute ihre Wahlheimat, hatte sie eine beachtliche Karriere hingelegt. Bei Hoechst (heute Teil von Sanofi) musste sie in jungen Jahren unzählige Projektvorschläge der sechzehn Sparten und Länder­organisationen bündeln und ein Paket schnüren, das einen jährlichen ­Investitionsplan über eine halbe Milliarde darstellte. «Um den Überblick zu behalten, war meine Lösung, alles in kleinere Einheiten zu segmentieren. Die habe ich einzeln analysiert und dann die passenden Teile zu einem Ganzen zusammengefügt», erklärt sie ihr Vorgehen.

Kohlmann hat also viel Erfahrung mit Multitasking und immer neuen Herausforderungen. Trotzdem sei nach einer privaten Veränderung der Neuanfang mit über fünfzig Jahren nicht leichtgefallen. «Meine erste Idee war, wie bisher, weiter in Biotech zu investieren.» Zuerst tat sie das als kleines Family Office zusammen mit den drei Söhnen. Diese sind aber mehr technologie- als pharmaaffin. So sind auch Engagements in Tech-Start-ups dazugekommen. «Seit einigen Jahren investieren wir erfolgreich», erklärt Kohlmann. «Keines der Unternehmen ist bisher eingegangen, einige haben wir verkauft, 2019 eines an Facebook.» Bei grösseren Investitionen nimmt sie Einsitz im Verwaltungsrat. «Es macht mir Freude, mit jungen, kreativen Menschen zusammenzuarbeiten.»

Kohlmann sieht sich als Mentorin. Wichtig für den Erfolg seien nicht nur gute Ideen, sondern auch Ausdauer. «Wenn wir investieren, geht es in erster Linie immer um die Menschen, die dahinterstecken.» Zurzeit nimmt aber ein eigenes Projekt immer mehr Raum ein. Zusätzlich kommt als gewichtigstes Mandat der Sitz im Verwaltungsrat des Pharmazulieferers Lonza, wo Kohlmann seit drei Jahren wirkt. Die Tätigkeit für Jungunternehmen und einen Konzern, dessen Aktien im Schweizer Leitindex SMI enthalten sind, ist für sie kein Widerspruch. «Im Gegenteil: Die ­grossen und die kleinen Unternehmen nähern sich immer mehr an und arbeiten zusammen.» Lonza sei etwa mit Gentherapie oder dem Coronaimpfstoff von Moderna in Bereichen tätig, in denen sich auch viele Jungunternehmen bewegten.

Selbst hat sie Bloom Diagnostics ins Leben gerufen. Mit einem handlichen Gerät soll man zu Hause in wenigen Minuten medizinische Tests durchführen können. Es sieht ein bisschen aus wie einer dieser trendigen runden Lautsprecher, in den man aber einen länglichen Einsatz mit dem Teststreifen stecken kann. Das Bloom System hat denn auch bereits einen Designpreis gewonnen. Es kann zurzeit fünf Tests mit je einem Blut­tropfen durchführen, darunter einen Coronatest und einen, der Ferritin (Eisen) misst. Die Zukunft sieht Kohlmann aber in der Verknüpfung mit der Software, die weitere Fragen zum Befinden stellt und Ratschläge erteilt. Das System wird von einem medizinischen Team und Software­entwicklern, die bei Bloom Diagnostics angestellt sind, mit Wissen gefüttert. Gleichzeitig lernt es aus der Diagnose und der Behandlung von Zehntausenden Patienten. «In ein paar Jahren würde Ihnen die App beispielsweise sagen, Sie brauchen ein Antibiotikum. Das Bloom System würde automatisch ein Rezept erstellen und das Medikament in der Apotheke bestellen.» So skizziert Kohlmann ihre Vision.

«Schon heute ist es möglich, zu geringeren Kosten schnellere und bessere diagnostische Ergebnisse zu erzielen.» Zudem würden mit zunehmender personalisierter Medizin Diagnose und Therapie nicht mehr voneinander zu trennen sein. «Das geht nur digital», ist die Unternehmerin überzeugt. Sie will weitere Tests für das System entwickeln lassen, etwa Indikatoren für virale oder bakterielle Infektionen oder gewisse Tumorarten, wie Darm-, Brust oder Prostatakrebs. Dazu sind grosse Investitionen und wohl noch einiges an Ausdauer nötig.

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