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Annette Gigon, Architektin

Der Prime Tower ist unter anderem auf Basis ihrer Pläne entstanden. Auf die Frage, wie bedeutend Prestigebauten im Dossier einer Architektin seien, sagt Annette Gigon: Natürlich sei es wichtig und schön, solche Wettbewerbe zu gewinnen. Es bedeute aber auch mehr Verantwortung, da diese Gebäude viel Aufmerksamkeit bekämen. Das könne auch eine Bürde sein. «Die Baubranche ist unglaublich kompetitiv.» Die Auftragsvergabe läuft hauptsächlich über Wettbewerbe. «Das bedeutet, man fängt immer wieder bei null an.» Im Architekturbüro in Zürich, das sie mit ihrem Büropartner Mike Guyer führt, arbeiten rund 35 Angestellte. Und wie viele Wettbewerbe machen sie im Jahr? «Manchmal haben wir übertrieben, dann waren es etwa fünfzehn. Normalerweise sind es zwischen sechs und acht, vielleicht zehn.» Es sei auf jeden Fall kein Nine-to-Five-Job. «Ehrlich gesagt habe ich schon vor ein paar Jahren aufgehört, Stunden aufzuschreiben», so Gigon in unserem Gespräch via Webcam.

Die Wahl des Studiums sei für sie damals nicht so klar gewesen. Sie hat keine Architekten in der Familie. Ihr gefiel es zu gestalten. «Zu Beginn des Studiums war auch eine ganze Portion Naivität dabei. Ich hatte die Hoffnung, mich frei entfalten zu können.» Sie musste dann schnell merken, dass dem nicht so war. Nach einem oder zwei Semestern, in denen sie ­gezweifelt habe, sei der Bann aber gebrochen gewesen. 1984 schloss sie das Studium an der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich ab. Drei Jahre später gründete sie ihr eigenes Büro. «Das war ein Glücksfall.» Ein Studienkollege wollte in Davos eine Liegenschaft für seine Mutter umbauen und habe ihr die Planung dafür angeboten. Es sei eine gute Zeit gewesen. «Ich konnte erfinden, ausprobieren und umsetzen.» Der Erfolgsdruck sei auch nicht enorm gewesen, da sie daneben noch eine Anstellung in Basel gehabt habe. So kam es, dass das junge Büro «Gigon/Guyer» am Wettbewerb um das Kirchner Museum in Davos teilnahm und gewann. Heute ist das Büro über die Landesgrenzen hinaus bekannt und tätig.

Neben der Arbeit im Architekturbüro lehrt Gigon an der ETH. Sie habe eine Weile gezögert, die Berufung anzunehmen, da sie die Arbeit im Büro nicht habe aufgeben wollen. Eingestiegen ist sie mit einer Gastprofessur in ­Lausanne 2001 bis 2002. Heute teilt sie sich den Lehrstuhl am Architekturdepartement der ETH mit Mike Guyer zu je 50%. Zu bereuen scheint sie den Schritt nicht. An der Hochschule könne sie die Themen selbst ­setzen, und die Arbeit mit den Studenten sei für sie eine Horizonterwei­terung. Dieses Semester leitet Gigon einen Kurs zum Thema «Home and Office». Die Studenten haben die Aufgabe, ein bestehendes Bürogebäude so umzubauen, dass es sowohl als Arbeitsplatz wie auch als Wohnraum dienen kann. In der Praxis seien solche Planungen aber (noch) nicht ­gefragt. «So was geschieht immer phasenverzögert», sagt Gigon. Ob das Arbeiten von zu Hause aus eine bleibende Erscheinung sei, werde sich erst nach der Pandemie weisen.

Ein anderes Thema, dem sich die Architektin widmet, ist das energiesparende Bauen. Jahrzehnte für Jahrzehnte wollte man immer besser werden. «Zu Beginn meines Studiums wurde mit einer Wärmedämmschicht von 5 cm geplant, heute ist man bei 30 bis 35 cm.» Der Energieverbrauch sollte gesenkt werden. Fragen, mit denen man sich aber lange nicht ­beschäftigt habe, seien: Was sind dabei die Treibhausgasemissionen über den Lebenszyklus des Gebäudes? In welchen Mengen werden sie ausgestossen? Und wie kann man sie verringern oder gar vermeiden? Beispiele für einen ökonomischeren Umgang mit Ressourcen zeigte schon ihre Planung beim Kirchner Museum in Davos. Dort beschwerten sie das Dach mit geschreddertem Altglas, das dem Recycling-Prozess entnommen wurde. Oder das Verkehrshaus in Luzern, dort verwendeten sie Altmetall für die Gestaltung der Fassaden. Technische Neuerungen, wie digitale Pläne, 3-D-Modelle und Renderings, helfen bei der Planung. «Es sind ­Mittel, um näher an Lösungen heranzukommen, wenn die physischen Modelle zu ungenau oder zu aufwendig sind.»

Neben solchen Veränderungen stellt die 61-Jährige auch Kontinuität fest. Seit Ende Achtzigerjahre bestehe hierzulande eine Offenheit gegenüber engagierter Architektur. In der Schweiz gebe es zudem eine grosse Wertschätzung für handwerkliche Berufe respektive für gutes Handwerk. «Das ist sehr wichtig für gelungene Architektur.»

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