Kaffee mit…

Beat Schlatter, Komiker

Abgesagte Konzerte, halb leere Theatersäle. Die Coronakrise trifft den Schweizer Kulturbetrieb besonders hart. Beat Schlatters Miene wird bei diesem Thema so ernst, wie man sie sonst von seinen Figuren kennt, einst als entrüsteter Konsument in der SRF-Sendung «Kassensturz» oder als Lehrer Baltasar Näf in seinem jüngsten Film «Flitzer». «65 Auftritte mussten wir absagen», sagt der 59-jährige Schauspieler und Autor und nimmt einen Schluck «Red Cool». Der Mix aus Espresso, Sanbitter und Eis ist eine von vielen ausgefallenen Kaffee-Kreationen auf der Karte des Café Henrici – unserem Treffpunkt im Niederdorf, wo Schlatter seit über zwanzig Jahren lebt und arbeitet. Es ist Mittagszeit an einem heissen Augusttag. Der Platz vor dem Café ist belebt, auch ein paar Touristen ziehen vorbei, aber zu nahe kommt man sich auch hier nicht.

«Zuerst ging es noch darum, Verschiebedaten zu finden», erzählt Schlatter. Bald aber sei klar geworden, dass sie mit dem Schlimmsten rechnen müssten. Doch ohne Auftritte kein Einkommen. Das ist die bittere Realität vieler Kunstschaffenden. «Das ganze Ensemble und die Techniker, sie werden pro Vorstellung bezahlt.» In Zürich hätten sie mit der Bingo-Show noch Glück gehabt. Sie durften vom Bernhard-Theater mit seinen rund 400 Plätzen ins Opernhaus um die Ecke ausweichen. Das habe recht gut funktioniert, obwohl nur jeder dritte Platz belegt werden durfte. «Aber so war das Publikum bis in den obersten Rang verteilt, und es fühlte sich einigermassen voll an.» Beklagen will sich Schlatter nicht. Als freischaffender Künstler sei er sich gewohnt, dass manchmal weniger laufe und dass ein Projekt nicht vorwärtskomme. Kreative Prozesse seien von Hochs und Tiefs geprägt.

Doch ein bisschen mehr Wertschätzung und Anerkennung für die Kunstschaffenden hätte er sich in dieser Phase schon gewünscht, auch von der Stadtpräsidentin, die sonst immer so stolz auf die Kulturstadt Zürich sei. In der Schweiz arbeiten über 200 000 Menschen im Kultursektor. «Wir sind zahlreicher als die Bauern», sagt Schlatter. «Es heisst halt schnell, wir seien faul und verdienten zu viel.» Dabei sei es im Kunstbereich wie bei den Fussballern: Ein paar wenige verdienten extrem gut, der grosse Rest müsse schauen, wie er über die Runden kommt.

Langweilig wird es ihm auch ohne die regelmässigen Bingo-Auftritte nicht. Gerade ist ein Buch mit ausgewählten Ansichtskarten seiner Sammlung erschienen. Sie sind eine seiner grossen Leidenschaften. Er schreibt selbst noch regelmässig an seine besten Freunde, wenn er verreist. Auf Social Media dagegen kann er gut verzichten, auch beruflich nutzt er diesen Kanal im Gegensatz zu anderen Künstlern wenig. «Ich beantworte nicht einmal E-Mails», sagt er. Das brauche alles zu viel Zeit und die nutze er lieber für etwas Kreativeres. Aktuell arbeitet Schlatter hauptsächlich als Co-Autor am Drehbuch für eine Eigenproduktion für das Theater am Hechtplatz. «Ab die Post» heisst die Komödie und soll im Januar 2021 Premiere feiern. Doch Corona trübt die Vorfreude. «Wir kalkulieren in der Regel mit einer Auslastung von 60%, um die Kosten decken zu können», erklärt Schlatter. Wenn aber ein paar Monate lang nur jeder dritte Platz verkauft werden könnte, kämen sie niemals auf die 60%. «So können wir das Darlehen der Stadt nicht zurückzahlen und wir verschulden uns.»

Er könne von Glück reden, dass er über die Jahre etwas auf die Seite legen konnte. Und eine Familie müsse er auch nicht ernähren. Schlatter ist seit 2011 verheiratet, lebt aber nicht im gleichen Haushalt wie seine Partnerin. Doch seine Ersparnisse sind auch seine Vorsorge. Von den Finanzmärkten verstehe er nichts, auch wenn er für eine Werbekampagne der Migros-Bank das Vokabular gelernt hat. Das Anlegen überlässt er gerne der Bank, obwohl er in der Finanzkrise 2008/09 sehr schlechte Erfahrungen gemacht hat. Sein damaliger Berater einer Grossbank habe ihm Absolute-Return-Produkte angedreht, weil sie zu seinem konservativen Anlegerprofil passten. Er habe viel Geld verloren und die Bank gewechselt. Jetzt ist er rundum zufrieden.

Zum Kabarett kam Schlatter über Umwege. Seit er in der Turnhalle Rüschlikon ein Konzert von Polo Hofers Band «Rumpelstilz» gesehen hatte, wollte er nur noch Musiker werden. Seiner ersten Band, den Rotkäppchen, war kein langes Leben beschieden. Mehr Erfolg hatte er als Schlagzeuger der Frauen-Punk-Band Liliput, mit der er Anfang der Achtzigerjahre durch Europa tourte. Ausschlaggebend für seine Abzweigung zum Humoristischen war jedoch das Strassenmusikprojekt «Die Reisenden» mit dem damals noch unbekannten Stephan Eicher. Schlatters Ansagen der Stücke stiessen auf mehr Begeisterung als die Musik selbst. «So wurde mir geraten, ich soll doch nur noch Ansagen machen und das Musizieren dazwischen sein lassen.»

, Closing Bell / Kaffee mit

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