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Ben Moore, Mondforscher

«Der Mond ist meine erste Erinnerung», sagt Ben Moore. Der Professor für Astrophysik an der Uni Zürich nimmt einen Schluck seines Cappuccinos und schaut im Schatten des Restaurants Neubühl hinaus auf den sonnigen Irchelpark. Es war 1972, eine Winternacht in der englischen Grafschaft Northumberland. Moore war sechs Jahre alt, als ihn sein Vater mit nach draussen nahm, auf den Dreiviertelmond zeigte und sagte: «Sohn, da oben spazieren gerade Menschen.» Es war die Nacht, als sich die Astronauten der bisher letzten Mondmission, Apollo 17, auf den Weg zurück nach Hause machten.

Der Gedanke an den Mond lässt Moore bis heute nicht los. Sein aktuelles Buch heisst denn auch: «Mond – Eine Biografie». Der Himmelskörper, sagt Moore, sei weit mehr als nur unser stiller, ständiger Begleiter. «Ohne den Mond wäre der Mensch wohl nie entstanden.» Die Erde würde chaotisch um die eigenen Achsen schlingern. In Zeitabständen, die zwar immer noch riesig wären – alle 100 000 Jahre. Das hätte aber drastische Klimaveränderungen zur Folge. Zu kurz wäre die Zeit, als dass sich in einem stabilen Ökosystem intelligentes Leben entwickeln könnte.

Moore hat in seiner eigenen Forschung herausgefunden, dass rund 10% der rund 100 Mrd. Planeten in unserer Galaxie so einen stabilisierenden Trabanten haben. Damit wird ausserirdisches Leben nochmals wahrscheinlicher. Das Leben auf der Erde beeinflusst der Mond indes auf vielfältige Weise und nicht nur, indem er qua seiner Gravitation Ebbe und Flut herbeiführt. «Viele Spezies haben ihr Leben an das wechselnde Mondlicht oder die Gezeiten angepasst, weil es ihnen einen Überlebensvorteil gibt.» Gewisse Korallenarten pflanzen sich zum Beispiel nur bei Vollmond fort.

Wie ein Uhrwerk umrundet uns der Mond, weshalb jede menschliche Zivilisation bisher einen Mondkalender nutzte. «Die Mondphasen haben eine Dauer von 29,5 Tagen, das Jahr lässt sich einteilen in zwölf dieser Zeitabschnitte.» Tatsächlich kommen das deutsche Wort Monat und das englische month vom althochdeutschen bzw. altenglischen Wort für Mond. Dass der Mond die Psyche der Menschen beeinflusse, «ist dagegen nichts als Folklore». Auch wenn das englische Wort lunatic (dt.: geistesgestört) vom lateinischen Wort für Mond (luna) abstammt und vom Glauben, der Wechsel der Mondphasen würde zu negativen Verhaltensänderung führen. «Dafür gibt es keinen wissenschaftlichen Nachweis.»

Zurzeit arbeitet Moore daran, den Ursprung des Mondes zu bestimmen. Zwar herrscht die Theorie vor, der Mond sei vor rund 4,5 Mrd. Jahren durch die Kollision der noch jungen Erde mit einem kleineren Planeten entstanden. Dies soll erklären, dass Mond und Erde aus dem gleichen Gestein bestehen, wie Proben der Apollo-11-Astronauten von ihrer ersten Mondlandung zeigen. Aber wie genau sich aus diesem gigantischen Zusammenprall letztlich der Mond geformt hat, ist bis heute ungeklärt. Moore und Team haben darum Zehntausende Kollisionssimulationen durchgespielt. «Wir analysieren die Ergebnisse jetzt und hoffen, in sechs Monaten eine Antwort publizieren zu können.»

Doch es bleiben unbeantwortete Fragen. «Wir wissen zum Beispiel nicht, warum die Rückseite des Mondes so anders aussieht als die uns zugewandte Seite.» Trotz mehreren Mondlandungen bis 1972 hat man aber auch nur wenige Bodenproben vom Trabanten. «Das ist, als würden Sie in der Sahara eine Handvoll Sand nehmen und versuchen, daraus die Geschichte der Erde herauszulesen.» Allein deswegen müsste die Menschheit zum Mond zurückkehren. Darüber hinaus kann er ein Sprungbrett für bemannte Flüge zu anderen Planeten sein. Denn näher wird uns der Mond nicht kommen – ganz im Gegenteil. Knapp vier Zentimeter jährlich bewegt er sich von uns weg. Demzufolge war er der Erde bei seiner Entstehung zehnmal näher als heute. Atemberaubende Vollmondnächte müssen das gewesen sein. Man will sie dennoch nicht miterlebt haben. Wegen der krassen Nähe waren die Tage kürzer und die Gezeiten weitaus stärker. «Stellen Sie sich Fluten mit kilometerhohen Wellen vor.»

Der Mond wird der Erde also irgendwann abhandenkommen. «In Dutzenden von Milliarden von Jahren wird der Mond doppelt so weit weg und unser Tag über tausend Stunden lang sein.» Davor wird die Menschheit aber ein ganz anderes Problem haben. «Bereits in rund sieben Milliarden Jahren wird die Sonne zu einem roten Riesen und wird Erde und Mond gemeinsam verschlingen.»

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