Kaffee mit…

Bertrand Piccard, Solarpionier

Eigentlich wollte ich mich mit Bertrand Piccard in einem Lausanner Café treffen, um mit ihm über seine Vision und seine Aktivitäten zu ihrer Realisierung zu reden. Doch die Anti-Coronavirus-Massnahmen haben das verunmöglicht. Deshalb spreche ich mit Piccard am Telefon. Er sitzt zu Hause im Home Office, wie die Mitarbeiter seiner Stiftung Solar Impulse auch. Piccard ist kein grosser Kaffeetrinker, wie er erklärt. Er nimmt zwei, drei Espressi pro Tag, immer mit koffeinfreiem Kaffee und immer schwarz. Koffein­haltiger Kaffee mache ihn abhängig, sagt ­Piccard. Beim koffeinfreien Kaffee sei das nicht so, aber er schmecke noch gut nach Kaffee.

Piccard will mit seinen Aktivitäten Ökologie und Ökonomie versöhnen. Die Weltumrundung 2015/16 zusammen mit seinem Co-Piloten André Borschberg in einem einzig von Sonnenenergie angetriebenen Flugzeug sei «der symbolische Teil» seiner Arbeit gewesen, erklärt er. Er habe zeigen wollen, dass sich mit Technologien der erneuerbaren Energien auch scheinbar Unmögliches erreichen lasse. Jetzt sei er «am konkreten Teil» seiner Aktivitäten. Dabei gehe es darum zu demonstrieren, dass es effiziente, saubere und profitable Technologien gebe, mit denen Umwelt und Klima geschützt und die Lebensqualität der Menschen verbessert werden kann.

Piccard hat sich zum Ziel gesetzt, im Rahmen seiner Stiftung Solar Impulse 1000 solche Lösungen zu versammeln. Dabei hat er ein Label geschaffen, das von unabhängigen Experten vergeben wird und garantieren soll, dass die Lösungen rentabel sind und gleichzeitig Umweltverschmutzung und Klimaerwärmung reduzieren. Bis jetzt sind gemäss Piccard 482 Lösungen mit diesem Label ausgezeichnet worden. Sie betreffen Bereiche wie sauberes Wasser und Abwasser,  erschwingliche und saubere Energie, Industrie, Innovation und Infrastruktur, nachhaltige Städte und Gemeinden oder verantwortungsvolle Konsumation und Produktion.

Das Ziel von 1000 Lösungen will Piccard bis Mitte des nächsten Jahres erreicht haben. «Es muss schnell gehen. Es besteht Dringlichkeit: Umwelt und Klima können nicht warten.» Was macht Piccard, wenn das Ziel erreicht ist? «Dann geht es darum, mit Regierungen und Unternehmen zu reden, um sie zu überzeugen, die Lösungen tatsächlich anzuwenden.»

Die Coronaviruspandemie betrachtet Piccard nicht nur als Gefahr für seine Pläne, sondern vor allem auch als Chance. «All die vielen Milliarden, die jetzt zur Stützung der Wirtschaft eingesetzt werden, sollten gebraucht werden, um eine neue, sauberere Welt zu schaffen», fordert er.  Eine Rückkehr zur alten, nicht nachhaltigen Welt sei nicht wünschbar. «Alte, ineffiziente Produkte und Technologien, die Umwelt und Klima belasten, sind jetzt durch neue, effiziente und saubere zu ersetzen.»

Mit seiner Stiftung will Piccard zeigen, dass das heute schon möglich ist. Die Stiftung beschäftigt 45 Mitarbeiter und verfügt über ein ­Budget von 3 Mio. Fr. pro Jahr. Das Geld kommt von vielen zumeist ­grossen und namhaften Unternehmen sowie einer kleinen Anzahl pri­vater Mäzene. Piccard selbst arbeitet ehrenamtlich in der Stiftung mit. «Ich beziehe keinen Lohn», sagt er.

Zusammen mit Brian Jones hat Piccard noch eine zweite Stiftung, mit dem Namen Winds of Hope, gegründet. Mit dem Briten als Co-Piloten ­gelang ihm 1999 die erste Non-Stop-Weltumrundung in einem Ballon. Mit der Stiftung will er vergessene Krankheiten bei Kindern bekämpfen helfen. Im Vordergrund steht die vor allem in Subsahara-Afrika verbreitete Noma-Krankheit, die bei betroffenen Kindern das Gesicht entstellt. Die Hilfe sei aber sehr schwierig, da viele der Länder in diesem Teil Afrikas von Bürgerkriegen und Terrorismus geplagt würden.

Piccard ist in eine Familie von Forschern und Pionieren hineingeboren worden. Sein Vater Jacques (1922 bis 2008) tauchte 1960 mit einem Bathyscaphen im Marianengraben 10 916 Meter unter den Meeresspiegel und brach dabei den Tiefseetauchrekord. Sein Grossvater Auguste (1884 bis 1962) stieg 1931 mit einem Ballon bis auf 16 940 Meter Höhe in die Stratosphäre. Piccard selbst zählte in jungen Jahren zu den europäischen Wegbereitern im Deltafliegen und im Fliegen von Ultraleichtflugzeugen, erzielte dabei mehrere Rekorde und erreichte mehrere Weltpremieren. ­Später absolvierte er ein Medizinstudium und liess sich zum Psychiater und Psychotherapeuten ausbilden. Piccard ist verheiratet und hat mit seiner Frau drei Töchter. Er lebt in der Nähe von Lausanne.

Piccard hat den Beinamen «Inspioneer» erhalten. In der Tat: Seine Art und seine Taten wirken inspirierend. Mit seinen Aktivitäten, zu denen auch das Schreiben von Artikeln für Zeitungen und Zeitschriften, das ­Auftreten in Radio- und Fernsehsendungen, das Halten von Vorträgen und das Beraten von Politikern und Unternehmern gehören, versucht er auch tatsächlich zu inspirieren. Und als Weltumrunder mit einem Ballon und einem Solarflugzeug hat er Pioniertaten vollbracht.

Piccard ist jetzt 62 Jahre alt. Zum Schluss unseres Telefongesprächs frage ich ihn, ob er gedenke, mit 65 in den Ruhestand zu treten. «Ich kenne das Wort Ruhestand nicht», antwortet er scherzend. «Ich höre noch lange nicht auf. Es gibt noch so viel zu tun in Politik und Wirtschaft zugunsten von Umwelt und Klima.»

Martin Gollmer

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