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Billy Cobham, Drummer-Legende des Fusion Jazz

Manch eine Pop-, Rock- und Jazz-Legende lebt in der Schweiz: Phil Collins am Genfersee und Tina Turner am Zürichsee etwa, Deep-Purple-Bassist Roger Glover im Baselland – oder Billy Cobham in Bern.

So ist es gar nicht so schwierig, den Jazz-Schlagzeuger im Studio zu treffen. Dann braucht es allerdings ein wenig Geduld, zunächst muss er die schätzungsweise dreissigteilige Trommel- und Beckenlandschaft für Aufnahmen zusammenstellen. Ewas, was eine Stunde dauern kann. Ebenso lang nimmt er sich dann allerdings Zeit für ein Gespräch, das sich über mehr als fünf Jahrzehnte Jazz-Geschichte spannt – eine Reise in ein spezielles Universum.

Sämtliche Aufnahmen aufzulisten, an denen der in Panama geborene Musiker als stilprägender Teil einer Combo oder als Bandleader mitwirkte, würde den Platz dieser Kolumne sprengen. Darum hier nur eine Auswahl: Zusammen mit Miles Davis schrieb er mit dem 1970 veröffentlichten ­Album «Bitches Brew» Jazz-Geschichte; es verknüpfte Jazz mit Rock- und Funk-Elementen und gilt als Initialzündung des Jazz-Fusion-Genre.

Meilensteine setzte Billy Cobham auch im Mahavishnu Orchestra von John McLaughlin. Unter anderem spielten sie «Love Devotion Surrender» mit Carlos Santana ein, mit dem der Latinrock-Gitarrero seine Fangemeinde verstörte. Wem all diese Namen wenig oder nichts sagen: Möglicherweise erinnern sich ältere Semester an die Erkennungsmelodie des Fernseh-Politmagazins «Rundschau» in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Sie stammt aus dem Album «Crosswinds» von Cobham. Zusammen mit «Spectrum» schuf er 1973 und 1974 zwei gemäss der Kritik «epochale» Aufnahmen der frühen Fusion-Ära.

Wie kommt es, dass ein derart berühmter Jazz-Musiker das brodelnde New York verlässt und in die beschauliche Schweiz zieht? Cobham kannte Zürich seit einem Konzert im Volkshaus mit dem Mahavishnu Orchestra. Er wollte zwei Wochen bleiben – geworden sind daraus mehr als vier Jahrzehnte.

In New York verdiente er zwar viel Geld, unter anderem mit Werbejingles für Kellogg’s: «Aber ich hetzte von Studio zu Studio und hatte kaum ein eigenes Leben.» New York war ihm zu rau und hektisch geworden, er fühlte sich durch die Disco-Manie Ende der Siebzigerjahre an den Rand gedrängt: «Wenn du da nicht mitgemacht hast, warst du ein Nichts.»

Nach dem Umzug in die Schweiz machte er wie David Bowie und viele andere die Erfahrung: «Hier wird man in Ruhe gelassen.» Er habe die Staaten verlassen, aber nicht die Erfahrung verloren, sondern neue hinzugewonnen. Zum Beispiel die, mit dem Zug durch Deutschland zu touren, nicht nur in Städten, sondern auch in Dörfern, und dabei auf ein offen-kritisches, aber erstaunlich sachverständiges Publikum zu stossen.

Seit zwei Jahrzehnten wohnt er im Kanton Bern, nunmehr am Ostrand der Hauptstadt. Mit Ausnahme des Kontrabassisten Heiri Känzig und des Tessiner Trompeters Franco Ambrosetti, beide auch internationale Grössen, hat er kaum mit hiesigen Jazzern gespielt. Dabei liebe er es, seine Erfahrung mit jungen oder «im Herzen jung gebliebenen Jazz-Musikern» zu teilen, ihnen zu helfen, ihren Stil und ihr eigenes Tempo zu finden.

«Über das Instrument kann ich Geschichten erzählen, meine Persönlichkeit und all die Einflüsse, die ich im Leben gesammelt habe, wiedergeben», erklärt Cobham. «Es ist die klangliche Übersetzung von all dem, was ich seit der Geburt gemacht habe.» Seinen Erfahrungsschatz wollte er einst auch den Studenten der Jazz School Bern weitergeben. Doch das Direktorium habe abgelehnt, weil Cobham kein qualifizierter Jazz-Musiker sei.

Eine Konzertreihe unlängst im Berner Jazzlokal «Marians» hat freilich gezeigt, dass Cobham nichts von seiner Wucht verloren hat und immer noch über viel explosive Energie verfügt. Ein Musikkritiker beschrieb ihn mal als «perkussiven Pyrotechniker». Talent sei wichtig, sagt die Jazz-Legende, doch um ein Niveau zu erreichen, das über dem «natürlichen» Potenzial liege, seien harte Arbeit und Lust vonnöten, neue Wege auszuprobieren.

Am Schlagzeug üben tut er nicht jeden Tag, doch in seinem Kopf spiele er ständig. Seit mehr als zehn Jahren unterrichtet er auch ­online, zu den aktuellen Projekten zählt «Billy Cobham’s Guide to Stress-Free Drumming», ein Podcast. Musik – dies eine seiner Botschaften – muss letztlich Spass machen und Emotionen wecken.

Der Vater von vier Töchtern ist dieses Jahr nach der Coronapause wieder auf Tour, im Sommer in Skandinavien, im Herbst mit einem Quintett in den USA. Anfang November hoffe er dann, meint er mit Blick auf seine 78 Jahre verschmitzt, am «Jazznojazz Festival» in Zürich auftreten zu können – «das wäre die Kirsche auf der Torte».

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