Kaffee mit…

Brittany Kaiser, Whistleblowerin

Brittany Kaiser trinkt kurz ein Wasser. Für mehr reicht die Zeit nicht. Nach ihrem Auftritt am Worldwebforum in Zürich hat Kaiser, die in der Netflix-Doku «The Great Hack» als Whistleblowerin im Skandal um Cambridge Analytica bekannt wurde, ein Interview nach dem anderen. Der Fragemarathon stört sie nicht. Sie habe zwölf Stunden vor dem britischen Parlament ausgesagt, meint sie. Geduldig beantwortet Kaiser sämtliche Fragen der Journalistin. Allzu viel gibt sie trotzdem nicht von sich preis. Das gilt auch für ihr Privatleben. Je nach Quelle ist Kaiser entweder dreiunddreissig- oder zweiunddreissigjährig. Politik habe sie schon immer interessiert, sagt die gebürtige Amerikanerin. Die studierte Anwältin engagierte sich bei NGO für Menschenrechte und bei der Wahlkampagne von Barack Obama.

Die Veranstaltung in Zürich fällt nicht als besonders technologiekritisch auf. Unter den Rednern und Sponsoren finden sich die grossen Namen der Branche. Wie sieht sie ihre Rolle hier? «Als ich meine Arbeit bei Cambridge Analytica begonnen habe, war ich sehr optimistisch, was mit der richtigen Analyse von Daten alles gemacht werden kann. Das bin ich immer noch.» Der Arabische Frühling, die Wahlkampagne von Barack Obama – all dies habe sie davon überzeugt, dass Facebook und Twitter positive Veränderungen herbeiführen können. Bei Cambridge Analytica habe sie jedoch gesehen, was alles schief gehen kann, wenn die Datenindustrie nicht oder nur ungenügend reguliert wird. Ihr Ziel ist nun, sicherzustellen, dass sich so etwas nicht mehr wiederholen kann.

Bei der Firma war Kaiser an politischen Kampagnen beteiligt. Das bestens vernetzte Datenanalyseunternehmen, das vom ultrakonservativen US-Milliardär Robert Mercer finanziert wurde und bei dem Präsident Trumps Wahlkampfstratege Steve Bannon als Vizepräsident amtierte, hatte sich auf politische Werbung in sozialen Netzwerken spezialisiert. Nutzer wurden nach ihrer Persönlichkeit und politischen Überzeugung in möglichst kleine Gruppen eingeteilt und mit passenden Informationen versorgt. Angewandt wurde das «Microtargeting» im US-Wahlkampf 2016. Nutzern wurden immer genau diejenigen Botschaften von Donald Trump eingespielt, die bei ihnen für grösstmögliche Zustimmung sorgten. Potentielle Wähler der Demokraten sahen in ihrem Newsfeed dagegen negative Nachrichten, welche sie vom Urnengang abhalten sollten. Das Problem: Cambridge Analytica kam ohne Wissen der Nutzer in den Besitz ihrer Daten. Rund 87 Mio. Datensätze flossen so von Facebook zu der Firma.

Berichte über die Manipulationen der Firma kamen 2017 kurz nach der Wahl von Trump ans Licht. Ein bestimmtes Erlebnis, das sie zur Whistleblowerin gemacht hat, gab es nicht, erzählt Kaiser. Zwischendurch gab es immer wieder Alarmlichter, die aufgeleuchtet hätten. Wollte sie sich zum Beispiel bei den Anwälten der Firma zu Projektbeginn über den Datenschutz in einem bestimmten Land erkundigen, wurde sie zurückgepfiffen, erzählt sie. Ihre Anfragen würden hohe Kosten verursachen, bekam sie zu hören. Um zu wachsen, wurden Regeln verletzt oder nicht beachtet.

Dass sie über explosive Daten verfügte, war Kaiser nicht bewusst. In ihrem Besitz waren E-Mails, in denen Strategien oder Verträge zur Beeinflussung von Wahlen vorgeschlagen wurden, oder Kalendereinträge zu Meetings mit Entscheidungsträgern. Die Regisseure des Films «The Great Hack» mussten erst eine gewisse Überzeugungsarbeit leisten, bis Kaiser ihnen erzählte, was sie über die Machenschaften von Cambridge Analytica wusste. Für sie war es eine kritische Zeit. Nachdem der Skandal aufgeflogen war, flüchtete sie erst mal nach Thailand. «Ich habe nicht Staatsgeheimnisse, aber die Geheimnisse eines Unternehmens verraten.» Das machte ihre rechtliche Situation zwar einfacher, setzte sie aber trotzdem der öffentlichen Aufmerksamkeit aus. Tatsächlich meldeten sich kurz nach ihrem ersten Interview mit der britischen Zeitung «The Guardian» die amerikanischen und britischen Behörden mit Fragen bei ihr.

«Mein Leben seit damals ist eine Achterbahnfahrt.» Kaiser hat ein Buch über ihre Zeit bei Cambridge Analytica geschrieben, als Aktivistin hält sie Vorträge an Universitäten und Schulen und hat auf Twitter die Kampagne #ownyourdata ins Leben gerufen. Mit der Tech-Branche ist sie nach wie vor als Beraterin verbunden. Um ihre Unabhängigkeit zu behalten, nimmt sie dafür aber kein Geld. Zeit für einen Kaffee hat Brittany Kaiser erst nach dem Interview. «Kaffee, schwarz», bestellt sie bei der Assistentin, bevor sie die nächsten Journalisten begrüsst.

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