Kaffee mit…

Christian Jungen, Artistic Director des ­Zurich Film Festival

«Während des Festivals habe ich von einem Produzenten zwei edle, kubanische Zigarren, quasi aus dem Nachlass von Fidel Castro, geschenkt bekommen. Die habe ich mir dann Sonntagnacht – nach dem letzten Festivaltag – zusammen mit einer Flasche Cognac geschnappt und allein zu Hause auf dem Balkon genossen», schildert Christian Jungen seinen ganz persönlichen Ausklang des diesjährigen Zurich Film Festival (ZFF). Die Erleichterung des neuen Direktors über den gelungenen Ablauf ist gross. Weder gab es grössere Zwischenfälle, noch sind die Ver­anstaltungen zu Super-Spreader-Events geworden. Ausserdem überraschte die Zuschauerzahl mit fast 70 000 überaus positiv.

Selbst der Glam-Faktor konnte durchaus mit den Veranstaltungen vergangener Jahre mithalten. Juliette Binoche, Johnny Depp, Til Schweiger, Moritz Bleibtreu und Iris Berben sind grosse Namen in der Filmindustrie und sind dem Ruf nach Zürich gerne gefolgt. Musikgrössen wie Ray Parker Junior und Shania Twain waren während des gesamten Festivals anwesend. «Auch grosse Stars vermissen den Draht zum Publikum. Auf Netflix klatscht keiner Beifall», meint Jungen dazu lakonisch. Im Vorfeld des Festivals wurden gute Ratschläge gegeben, die gesamte Veranstaltung doch einfach virtuell durchzuführen. Das kam für den Artistic Director aber nie in Frage. «Wir leben von den Emotionen und vom Live-Erlebnis», meint er dazu. Auch ein Reicher an der Goldküste könne sich nicht mal eben einen Abend mit Juliette Binoche kaufen. Die Aura solcher Filmgrössen live zu erleben, sei auf Streaming-Diensten nicht möglich.

Networking ist überaus wichtig in einem Job, wie Christian Jungen ihn in diesem Jahr übernommen hat. Wer ein gut gefülltes Adressbuch mit einschlägigen Namen aus London, Paris, Berlin und Hollywood sein Eigen nennt, kommt deutlich schneller und direkter voran, wenn es darum geht, das Programm eines Filmfestivals auf die Beine zu stellen. Der normale Dienstweg via E-Mail an Agenturen oder Studios ist hingegen deutlich ­beschwerlicher. Zudem besucht man in der Regel auch andere Festivals früher im Jahr – wie etwa das Sundance Festival von Robert Redford oder die Berlinale – und führt bei dieser Gelegenheit Gespräche mit Vertretern der Filmstudios und den Produzenten. Schön ist es dabei immer, Premieren an Land zu ziehen. Dieses Jahr feierte «The Courier», ein Spionagethriller mit Benedict Cumberbatch, Europapremiere in der Limmatstadt.

Um auch künftig ein attraktives Programm für das ZFF auf die Beine stellen zu können, wird Jungen nicht umhinkönnen, öfters den Tennisschläger zu schwingen. «Ich werde mir jetzt Tennisstunden nehmen, denn um in Hollywood ins Geschäft zu kommen, muss man in der Lage sein, die Verhandlungspartner auf dem Tenniscourt zu treffen», erzählt er bei einem Espresso in der Bederbar in Zürich. Idealerweise macht man dabei auch noch eine gute Figur. Doch sein Herz schlägt für den Fussball. Daher freut er sich, bald wieder im Letzigrund-Stadion «fanen» zu dürfen.

Eigentlich hätte Jungen auch in diesem Jahr als Newcomer sehr viele Dienstreisen unternehmen müssen, um sich vorzustellen und entsprechend Goodwill in der Filmindustrie zu schaffen. Doch dann kam der Lockdown, und die Gespräche wurden primär per Telefon geführt. Die Studios in Hollywood halten aus Sicherheitsgründen keine Zoom-Meetings ab. Wegen der Zeitverschiebung bedeutete dies lange Arbeitstage.

Die Liebe zum Kino und zu den Filmen erblühte eher zufällig und aus finanziellen Gründen. Als Schüler ergatterte sich Jungen den Job als ­Kassierer beim neu eröffneten Kino Loge in Winterthur. Dadurch durfte er auch alle Filme gratis anschauen. Da war’s um ihn geschehen. Daraus ergab sich schliesslich eine Karriere als Filmkritiker, zuletzt auch als Kulturchef bei der «NZZ am Sonntag». Die Antwort auf die Frage nach dem Lieblingsfilm kommt wie aus der Pistole geschossen. «Before Sunrise» lautet der Filmtitel, mit Ethan Hawke und Julie Delpy. So hatte er auch seine Frau damals kennengelernt. Im Palavrion am Bleicherweg sprach er sie an, da sie der Hauptdarstellerin des Films sehr ähnlich sah, was er ihr auch ­sofort gestand. «Ah, die Hauptdarstellerin aus ‹Before Sunrise›, meinem Lieblingsfilm», war die spontane Antwort. Seither sind sie ein Paar. Als Hommage an den Film wurde ihre Tochter auf den Filmnamen Delpys, ­Céline, getauft. Ein Drehbuch, das Hollywood alle Ehre machen würde.

So richtig daran geglaubt, dass das Festival wie geplant durchgeführt werden kann, hat Jungen dank der CEO Spaghettata des Swiss Economic Forum. Er war spät dran und erschien nach den anderen Gästen zu diesem Dinner. Ein Platz war an der Tafel noch frei, und zwar derjenige gegenüber von Daniel Koch, dem Mr. Corona der Schweiz. Dieser versicherte ihm, dass er kein Problem sehe, solange klar sei, wer wo gesessen habe.

Einundzwanzig Festangestellte beschäftigt das Zurich Film Festival das ganze Jahr über. Während der Festivaltage wächst diese Zahl auf 550. Dank Corona gab es Team A und B, sodass im Notfall nicht alle in Quarantäne hätten gehen müssen. Doch langes Ausruhen gibt es nun nicht. «Nach dem Spiel ist vor dem Spiel», gibt Jungen in Analogie zum Fussball zu bedenken. Gefeiert wird noch mit der Crew, aber die Sponsoringverträge für das nächste Jahr müssen bald schon aufgegleist werden.

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