Kaffee mit…

Christina Kehl, jüngste Bankverwaltungsrätin

Christina Kehl entspricht nicht dem Durchschnitt eines Schweizer ­Verwaltungsrats. Sie ist nicht männlich und sie ist nicht sechzig Jahre alt. Sie ist nicht nur eine der wenigen Verwaltungsrätinnen hierzulande, ­sondern mit 36 Jahren auch noch das jüngste Mitglied eines Banken-VR Ende April wurde sie ins Aufsichtsgremium der ­Globalance Bank gewählt. Ein nicht gewöhnliches VR-Mitglied für eine nicht gewöhnliche Bank.

Wir treffen Christina Kehl aufgrund der Coronapandemie nicht im ­Lieblingscafé, sondern erreichen sie via Videoanruf zu Hause. Kaffee trinkt sie sowieso nicht, vor ihr steht eine dampfende Tasse Earl Grey Tee. «­Einfach eine Frau in den VR zu wählen, damit eine Frau im VR sitzt, bringt nichts», sagt Kehl. Auch dürfe man nicht Männer gegen Frauen oder Junge gegen Alte ausspielen. «Es geht schlicht darum, verschiedene Lebensläufe und Erfahrungswelten zusammenzubringen», sagt Kehl. Das allein ­bedinge schon den Einbezug von Frauen und jüngeren ­Menschen. «Denn unsere Kunden sind schliesslich auch nicht alle ­sechzig Jahre alt und männlich.»

Was Kehl an Erfahrung mitbringt, ist auf dem Finanzplatz Zürich in weiten Kreisen bekannt. Sie ist seit Jahren eine der prominentesten Figuren der immer noch jungen Finanztechnologiebranche (Fintech). 2013 gründete sie zusammen mit Dennis Just den ersten digitalen Versicherungsbroker Knip. Es sollte das erfolgreichste Projekt der noch jungen Schweizer Fintech-Start-up-Szene werden. Später fusionierte es mit der niederländischen Komparu und zog sich Ende 2019 aus der Schweiz ­zurück. Da war die ehemalige operative Chefin aber schon längst weitergezogen. Seit 2015 ist sie Geschäftsführerin des Verbands der jungen Fintech-Unternehmen, Swiss Finance Start-ups (SFS). In kurzer Zeit und mit kleinem Team verschaffte sie sich in Bundesbern Gehör. Mittlerweile sitzt sie im Beirat für digitale Transformation des Bundesrats.

In der Krise gehören die Fintech-Start-ups zu den Gewinnern. Laut einer Umfrage unter den Verbandsmitgliedern gibt eine grosse Mehrheit an, jetzt stärkere Nachfrage zu erfahren. «Die Digitalisierung der Finanzindustrie erhält durch die Krise einen Schub.» Das hilft den innovativen Jungunternehmen in diesem Bereich, auch wenn es laut Kehl in der Schweiz immer noch unnötig schwer sei, ein Unternehmen zu gründen.  «Hier braucht es einfachere, elegantere Lösungen», sagt Kehl. Aufgrund ihres Wissens um die Digitalisierung der Bankenwelt wurde im vergan­genen Jahr dann die Globalance Bank – namentlich VR-Präsident Felix ­Ehrat – auf Kehl aufmerksam. Nach sorgfältigem Auswahlprozess soll sie nun «unsere Pionierrolle auch im digitalen Bereich verstärken», lässt sich Globalance-Gründer und CEO Reto Ringger zitieren. Denn als Vorreiter der Digitalisierung hat sich Globalance bisher nicht hervorgetan. «Es ­werden in absehbarer Zeit coole Sachen kommen», verspricht Kehl.

Vorreiter ist die kleine Privatbank in einem anderen Bereich – der Nachhaltigkeit. Ringger gründete 1995 einen der ersten auf nachhaltige Investments ausgelegten Asset Manager namens SAM. 2011 gründete Ringger dann die Globalance Bank, in der Nachhaltigkeit und Zukunftstauglichkeit Priorität haben. Damit war Ringger der Zeit voraus. Heute ist Nach­haltigkeit zum Hype geworden. Jeder Asset Manager will sein Angebot mit dem Zusatz schmücken. «Im Banking sieht man zurzeit auch viel Greenwashing», sagt Kehl. Das Terrain ist für den Anleger unübersichtlich, ­einheitliche Standards in dem Bereich sind kaum vorhanden. Globalance könne laut Kehl hier mit einem eigenen jahrelangen Leistungsausweis Kunden überzeugen. Diese können zum Beispiel den Nachhaltigkeitsfussabdruck ihrer Investments verfolgen. Und genau das will Kehl zusammen mit dem Globalance-Team auf eine neue digitale Stufe heben.

Doch Kehl doziert und lobbyiert heute nicht nur in Sachen Digitalisierung. Sie ist im Metier auch Unternehmerin geblieben. Vergangenes Jahr gründete sie ihre Gesellschaft Pixpolitico, mit der sie Institutionen bei ihrer digitalen Strategie berät. Denn die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung steckt hierzulande oft noch in den Kinderschuhen. «Die ­Coronakrise zeigt uns schonungslos, wo es bei Ämtern, Schulen oder im Gesundheitssystem immer noch hapert.» Zurzeit arbeitet sie mit den ­Kantonen an einem Projekt im Bereich Bildung. «Das ist eine grosse Herausforderung, aber ich mag grosse Herausforderungen.»

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