Kaffee mit…

Christoph Mayr, Co-Gründer und CEO von Mirai Foods

Hoch oben über dem Zürichsee mit herrlicher Aussicht liegt die Fachhochschule Wädenswil, Departement Life Sciences. Das Leben spielt in diesem Gespräch tatsächlich eine wichtige Rolle. Bevor wir uns darüber unterhalten, zeigt mir Christoph Mayr (37) das Labor, wo an der Zukunft der Fleischindustrie geforscht wird. Mirai Foods hat sich hier eingemietet, mit dem Ziel, bis 2024 Laborfleisch zu konkurrenzfähigen Preisen herzustellen – ohne ein Tier zu töten. Das käme einer kleinen Nahrungsmittel-Revolution gleich. Revolutionär ist an den Kühlgeräten, Mikroskopen und Stickstoffflaschen noch wenig, sie erinnern an den Chemieunterricht an der Mittelschule. Dann geht es – coronakonform – an die frische Luft. Den Kaffee gibt es, wie an der Universität üblich, für günstige 3 Fr.

Es war die Entstehung von neuem Leben, die den weit gereisten Manager Mayr veranlasste, zurück ins universitäre Umfeld und ins finanzielle Risiko zu gehen. «Ende 2018 war meine Frau schwanger mit unserem ­ersten Kind. Als werdender Vater machte ich mir Gedanken, wie die Welt, in der meine Tochter aufwachsen wird, künftig aussieht.»

Damals lebte der Süddeutsche noch in Südkorea, wo er für den Dax-Konzern Delivery Hero den lokalen Essenslieferdienst Yogiyo aufbaute. Da die Fleischindustrie für rund 15% der Treibhausgasemissionen verantwortlich und auch sonst sehr umweltschädlich ist, wollte er konventionell hergestellte Schnitzel und Burger möglichst vermeiden und erinnerte sich an die Idee von kultiviertem Fleisch.

Dabei werden Tieren Stammzellen entnommen und mit einer Nährlösung im Bioreaktor vermehrt. Am Ende wird daraus Muskel- und Fettgewebe, was dann zu Fleisch kombiniert wird. «Unsere Produkte werden 80 bis 90% weniger umweltschädlich sein als herkömmliches Fleisch», sagt Mayr. Die Idee existierte bereits, aber Laborfleisch war noch weit von der Marktreife entfernt, als Mayr 2019 den Entschluss fasste, ­Mirai zu gründen. Mirai bedeutet im Japanischen Zukunft. «Der Name ist wichtig, weil wir eine Konsumentenmarke werden wollen, die man im Supermarkt oder im Restaurant bekommt.»

Heute boomt die Szene. Start-ups sammeln fleissig Investorengelder ein, Mirai erhielt in der letzten ­Finanzierungsrunde 4,5 Mio. $. «Die meisten unserer Geldgeber sind ­direkt aus der Schweiz oder zumindest aus Europa. Das Stereotyp, dass nur die Amerikaner voll ins ­Risiko gehen, kann ich nicht bestätigen», sagt Mayr.

Für die Schweiz hat sich der studierte Wirtschaftsingenieur entschieden, weil von seiner Zeit an der ETH bereits ein Kontaktnetz vorhanden war. Zudem sei das Umfeld für Start-ups hier sehr gut: «Wir haben direkten Kontakt zu den Hochschulen, die Lage ist zentral und es ist genügend ­Kapital vorhanden.» Das Team umfasst derzeit zehn Leute, bis Ende Jahr sollen es fünfzehn sein und bei Marktreife des In-Vitro-Fleisches über ­hundert. Mayr hat viel eigenes Geld investiert und möchte die Firma über die nächsten Jahre Schritt für Schritt aufbauen. «Ein baldiger Exit ist nicht geplant. Idealerweise machen wir in ein paar Jahren einen Börsengang und behalten die Firma eigenständig.»

Dass der Markt für Laborfleisch sehr ­zukunftsträchtig ist, davon sind viele Beobachter überzeugt. Die Investmentfirma Blue Horizon geht davon aus, dass bis 2035 mindestens 11% der weltweit konsumierten Proteine aus alternativen Quellen stammen, auf Pflanzen und Mikroorganismen basierte Produkte eingeschlossen.

Die Konkurrenz schläft nicht. Der israelische Mitbewerber Meatech 3D ist bereits kotiert und in Singapur gibt es Chicken Nuggets aus dem Labor zu kaufen. Bis die Burger von Mirai im Regal von Coop oder Migros liegen, müssen zwei grosse Hürden übersprungen werden: Die Kosten müssen runter und der Produktionsprozess muss den zukünftigen Dimensionen angepasst werden. Die ersten Mini-Burger aus der Mirai-Küche wurden im letzten Sommer verköstigt. Sie würden aber noch mehrere tausend Franken kosten. Dereinst soll der Preis mit Bio-Rindfleisch vergleichbar sein. «Wir fahren eine Tesla-Strategie, indem wir mit Premiumprodukten anfangen und mit zunehmendem Wachstum die Kosten senken und das Angebot günstiger machen», sagt Mayr.

Mit Hackfleisch oder einem Steak wird die Produktpalette von Mirai nicht abgeschlossen sein. Denn wer Rindfleisch kann, kann auch anderes. Poulet oder Fisch seien bedeutend einfacher zu kultivieren. Thunfisch etwa wäre vom Nährwert her sehr interessant, sagt Mayr bevor er zurück ins Labor geht.

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