Kaffee mit…

Daniel Gasteiger, Blockchain-Unternehmer

Der Mann redet ruhig. Doch die Gedanken müssen in seinem Kopf rasen, so dicht hintereinander sprudeln sie aus ihm heraus. Wie sich der Café crème vor ihm dennoch leert, bleibt ein Geheimnis. Daniel Gasteiger sitzt um 8 Uhr morgens im noch leeren Granh Caphê an der Bahnhofstrasse 3. Im Herzen der alten Bankbranche – im Gebäude residierten einst die VP Bank und eine Anwaltskanzlei – baut Gasteiger mit seinem Projekt Trust Square an der Zukunft des Finanzplatzes. «Wir haben vierzig Blockchain-Start-ups auf drei Stockwerken, insgesamt 200 Arbeitsplätze und eine lange Warteliste», sagt der 45-Jährige.

Das Granh Caphê im Erdgeschoss des Gebäudes ist Café, thailändisches Restaurant, Bar und Begegnungsstätte in einem. «Unser Krypto-Café», nennt es Gasteiger, bald soll auch ein Bitcoin-Automat installiert werden. Wenig erinnert bei Gasteiger – nackenlange dunkelblonde Haare, Polohemd und Jeans – an den Banker, der er die längste Zeit seines Berufslebens war. Auf eine Lehre bei der Credit Suisse folgt ein Studium der Wirtschaftsinformatik. Anfang der Neunziger startet er im Währungshandel der CS. «Das war ein ähnlicher Hype wie die Emission der Kryptowährungen heute», sagt der gebürtige Solothurner.

1998 wechselt er zur UBS in das Team, das den Devisenhandel der Grossbank digitalisiert. «Damals habe ich gemerkt, mit welcher Macht die Digitalisierung ein altes Geschäftsmodell komplett verändern kann.» Binnen vier Jahren steigt UBS im Devisenhandel vom sechsten Platz zur weltweiten Nummer eins auf. Auch für Gasteiger geht es nach oben, 2012 wird er mit 39 Jahren Büroleiter von UBS-Präsident Axel Weber. Er hat sein Karriereziel erreicht. Plötzlich scheint eine weitere Laufbahn bei der Grossbank nicht mehr attraktiv. Zwei Todesfälle im engsten Umfeld haben ihn längst nachdenklich werden lassen, sein 40. Geburtstag und der Drang nach etwas Eigenem lassen ihn den Absprung wagen. «Am Abschiedsapéro konnte niemand verstehen, wie ich so einen Job aufgeben kann.»

Mit privaten Ersparnissen und weiteren Geschäftspartnern gründet er den Think Tank Nexussquared. Im September 2015 erscheint ein viel beachtetes White Paper zur Zukunft des Finanzplatzes. Die Botschaft: Der Schweizer Finanzplatz soll zu einem globalen Standort der neuen Finanztechnologie (Fintech) werden. Und dazu gehört die Blockchain. In Zug beginnt sich damals bereits eine vitale Szene an jungen Blockchain- und Kryptowährungsunternehmen zu entwickeln. Doch Gasteiger ist überzeugt: «Die müssen auch nach Zürich. Der Finanzplatz, die Universität, die ETH, alle können nur profitieren davon.» Mit Trust Square scheint Gasteiger einen guten Schritt vorwärts gemacht zu haben. Das Flaggschiff: B3i, das Blockchain-Konsortium der internationalen Versicherer, darunter Allianz, Münchener Rück, Swiss Re und Zurich Insurance. Es ist das Vorzeige-Start-up und mit fünfzig Arbeitsplätzen das grösste im Trust Square.

Mit Nexussquared hat es sich Gasteiger zur Aufgabe gemacht, zu erklären, was die Technologie überhaupt kann. Überall da, wo sich heute noch mehrere Akteure in komplexen und langwierigen Prozessen auf gemeinsame Aktionen oder Ergebnisse einigen müssen, kann die Blockchain effizient Abhilfe schaffen. Sie ist ein digitales Register, von allen angeschlossenen Akteuren einsehbar, fälschungssicher und kommt ohne die Verwaltung einer zentralen Instanz aus. Die meisten Blockchains, die heute weltweit im Einsatz sind, sind die der diversen Kryptowährungen. Allen voran Bitcoin, eine Blockchain, die seit zehn Jahren erfolgreich funktioniert. Daneben gibt es unzählige Start-ups und Projekte innerhalb von Banken und Versicherungen auf der ganzen Welt oder von ihren Zusammenschlüssen, dem erwähnten B3i (Versicherungen) oder dem Banken-Pendant R3.

«Einige Dinge im Banking – etwa der Zahlungsverkehr – werden in einigen Jahren dank Blockchain fundamental anders ablaufen», sagt Gasteiger. Weltweiter Geldtransfer werde durch die Blockchain kostenlos und eine Sache von Sekunden. Bereits stehen reine Blockchain-Banken in der Schweiz in den Startlöchern und wollen die traditionelle Szene aufrütteln. Zuletzt hat sogar die Schweizer Börse mitgeteilt, sie wolle 2019 verschiedene Vermögenswerte auf eine Blockchain-Handelsplattform bringen.

Doch nicht nur die Finanzbranche werde durch die Blockchain eine andere werden, ist Gasteiger überzeugt. Mit seinem eignen Start-up Procivis geht er noch einen Schritt weiter. Es bietet eine Blockchain-Plattform für die Verwaltung persönlicher Daten in Form einer digitalen Identität an. Der Kanton Schaffhausen hat die Lösung bereits eingeführt und bietet seinen Bürgern so einen benutzerfreundlichen digitalen Zugriff auf verschiedene Behördendienstleistungen. Aber Gasteiger will noch mehr: «Die Schweiz hinkt im Vergleich mit anderen Ländern zwanzig Jahre hinterher.» Jeder kann seine persönlichen Daten zum Beispiel von Facebook zurückfordern, selbst verwalten und vermarkten. «Der Missbrauch von persönlichen Daten soll ein Ende finden.»

Sein «Herzensprojekt»: Er will mit der Blockchain das Wahlverfahren revolutionieren. Eine Anwendung steht bereits, zunächst will Gasteiger sie mit Universitäten und Unternehmen testen. Später könnte sie bei politischen Abstimmungen angewendet werden und die geplanten E-Voting-Systeme des Bundes ablösen. «Seit 2002 arbeitet Bern an der digitalen Abstimmung, diese Systeme sind veraltet und unbrauchbar.»

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