Kaffee mit…

Dirk Müller, «Mr. Dax»

«Keine Eile, wir haben Zeit» – obwohl der Veranstalter ihn eigentlich bald zum Mikrofoncheck mitnehmen will. Der ehemalige Börsenmakler Dirk Müller sitzt entspannt lächelnd mit seinem Espresso im Café im Volkshaus. In etwas mehr als einer Stunde werden sich nebenan mehrere hundert Personen einfinden, um seinen Vortrag zu hören. Eine Karte kostet bis zu 70 Fr.

Bekannt wurde Müller, weil Kameraleute und Pressefotografen ihn auf dem Parkett der Frankfurter Börse gerne ablichteten. Es folgten Interviews und Auftritte in Talkshows. Von den Medien mit dem Ehrentitel «Mr. Dax» bedacht, galt er als vertrauenswürdiger Finanzexperte. Sein erstes Buch «Crashkurs» im Nachzug der Finanzkrise brachte ihm treue Anhänger ein. Nun hat er schon seinen vierten Bestseller («Machtbeben») veröffentlicht. Neben Vorträgen verbreitet er seine Ideen auf einer Webseite. In seinem Premium-Aktien-Fonds liegen über 150 Mio. € an Kundengeldern.

Vermisst er seine Zeit auf dem Parkett? «Es war eine gute Zeit, aber heutzutage würde ich es nicht mehr machen wollen», sagt Müller. Zu sehr sei der Aktienhandel nun von Computern bestimmt. «Mir macht es viel mehr Spass mit Menschen umzugehen – das fehlt dort heute.»

Wegen seines Fonds muss er sich immer noch täglich mit dem Finanzmarkt auseinandersetzen und messen lassen. Er war zunächst heftiger Kritik ausgesetzt, als der Dax seinen Fonds 2016 für einige Monate  abgehängt hat. «Wir haben erwartet, dass der Brexit kommt und Trump gewählt wird», schaut der 1968 in Frankfurt geborene Müller zurück. «Doch es war zu unsicher, wie die Märkte darauf reagieren werden. Deswegen haben wir die Positionen abgesichert.» Er betont, dass niemand die Börse genau vorhersehen kann – «wer etwas anderes sagt, ist ein Scharlatan». 2018 widerstand Müllers Fonds dem Abwärtstrend an den Weltbörsen.

Er glaube zwar daran, in «die besten Unternehmen» zu investieren. Aber grosse Kursverluste will er vermeiden: «Ich will nicht, dass eine Frau vor meiner Haustür steht, weil ihr Mann sich wegen Kursverlusten erhängt hat.» Dagegen könne er gut gegenüber seinen Anlegern vertreten, wenn er einmal nicht die Performance des Index mitmache. Für eine schwere Krise, bei der Finanzinstitute kollabieren, hat Müller besondere Vorkehrungen getroffen: «Im Gegensatz zu anderen Fonds erlauben wir keine Wertpapierleihe – so können wir sicher sein, dass die Aktien immer bei uns im Depot liegen.» Später im Vortrag fragt jemand, über welche Schweizer Bank man seinen Fonds kaufen kann. «Die Frage kommt doch von einem Staatsanwalt! Ich habe keine Vertriebszulassung für die Schweiz», ruft er mit gespielter Entrüstung, das Publikum lacht.

Doch nicht seine Anlageempfehlungen oder die Fondsperformance bringen Müller die heftigste Kritik ein, sondern seine Beschäftigung mit grossen politischen Fragen. Stört es ihn, wenn er als Verschwörungstheoretiker betitelt wird? «Ich ärgere mich darüber nicht», verneint Müller. Er vermisse jedoch den Respekt vor anderen Meinungen. Man müsse sich gegenseitig zuhören. «Ich sage nicht, dass ich immer richtigliege», betont er. Wenn Journalisten ihm aber unbelegte Behauptungen vorwerfen, verstehe er das nicht: «In meinem Buch sind über dreihundert seriöse Quellenangaben aufgeführt – viele davon aus etablierten Medien.»

Dirk Müller will «die Puzzleteile zusammensetzen», nicht jedes Teil bis ins Kleinste analysieren. Es sei nicht bestreitbar, dass im Hintergrund des Weltgeschehens «mächtige Interessengruppen agieren». Das sei aber keine Verschwörungstheorie, sondern es sei natürlich, dass solche Gruppen versuchen, ihren Einfluss auszuspielen.

Dabei gehe es um oft ausgeblendete Machtfragen: «Wir in der Wirtschaft glauben immer, dass wir der Nabel der Welt sind – aber wirtschaftliche Gesichtspunkte werden immer durch Machtinteressen dominiert.» Das müssten Anleger durchschauen: «Die Börse ist ein Schmelztiegel aller wichtigen Trends und Entwicklungen.» Die Wahl von Trump sei ein Beispiel dafür: «Angesichts der enormen Summen, die im US-Wahlkampf ausgegeben werden, ist es doch naiv zu glauben, dass Trump nur gewählt wurde, weil sich ein paar Menschen in Oklahoma verwählt haben.»

Der Bestsellerautor warnt vor dem immer heftiger ausgetragenen Konflikt zwischen den Machtblöcken China und den USA. Die Volksrepublik wolle durch das gigantische Infrastrukturprogramm «One Belt, One Road» (neue Seidenstrasse) die Vormachtstellung über Europa und Asien erlangen. Der bisherige Hegemon Amerika würde dagegen vorgehen – und die «riesige chinesische Blase» zum Einstürzen bringen. «Die USA ziehen China die Daumenschrauben an», beobachtet Müller. Dazu gehören die Zinserhöhungen durch das Fed und die Zölle auf chinesische Importe.

Die Welt – und gerade auch Europa – werde ein Kollaps der chinesischen Wirtschaft stark belasten. In solch einem Szenario würde Trumps Politik, die eigene Wirtschaft abzuschotten, die heimische Industriebasis zu stärken sowie Unternehmen dazu zu bewegen, liquide Mittel in die USA zurückzuholen, plötzlich Sinn ergeben. «Ich will mich vom Schwarz-Weiss-Denken verabschieden. Wenn beispielsweise jemand sagt, Trump sei schlecht, dann will ich wissen: Was meinst du genau? Welche seiner Handlungen findest du schlecht?»

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