Kaffee mit…

Edgar Weber, CEO von PayrollPlus

Als versprühte der Mann nicht schon ­genug Energie, bestellt er sich, kaum abgesessen, einen Kaffee und eine Cola. «Die volle Dosis Koffein», sagt Edgar Weber. Wir sitzen auf der Terrasse des Café Knobel in Altendorf, Schwyz, am linken Ufer des Zürichsees. Weber bezeichnet das Knobel nicht als sein Stammcafé. Es ist einfach eines der wenigen Lokale hier in Altendorf, wo er wohnt. Fünf Kilometer weiter, in Pfäffikon,  arbeitet der 53-Jährige. Sein Unternehmen heisst PayrollPlus – und stellt Selbständige an.

Ein Widerspruch? «Eine Marktlücke», sagt er. Was diese Anstellung bringt, wurde zuletzt offensichtlich: Webers «Mitarbeiter» – so bezeichnet er die bei ihm angestellten Selbständigen – konnten während der Pandemie Kurzarbeitsentschädigungen beim Staat beantragen. Etwas, was anderen Selbständigen nicht möglich war. Zwar hatte der Bund schliesslich auch noch Entschädigungen für Selbständigerwerbende gesprochen. Sie fielen teilweise aber absurd niedrig aus, etwa wenn im Vorjahr wegen hoher Investitionen ein geringes Einkommen erzielt wurde. Die «Mitarbeiter» von PayrollPlus fuhren da besser: «Die freuen sich jetzt natürlich», sagt Weber. Ich hake nach: Ist die Sache rechtskonform? Weber zieht einen Brief von Rechtsprofessor Ueli Kieser hervor. Er hat diesen beauftragt, sein Anstellungsmodell zu begutachten. Im Brief bezeichnet Kieser es als «wertvolle und sinnvolle Institution». «Das hat mich gefreut», sagt Weber.

Er ist selbst kein Jurist. Ursprünglich hat er eine kaufmännische Lehre absolviert und sich dann mit 22 als Personalvermittler selbständig ­gemacht. Ein Geschäft, das lange gut funktionierte: «Im ersten Monat konnte ich direkt drei Leute vermitteln und habe damit 15 000 Fr. verdient.» Als Jobs und Leute aber immer häufiger über das Internet ver­mittelt wurden, suchte er ein neues Geschäftsmodell. Er stiess auf eine Studie, die zeigte, dass immer mehr Leute auf Abruf arbeiten und somit keinerlei rechtliche Sicherheit haben.

Daraufhin änderte er sein Geschäftsmodell komplett: Aus der Fair-Play Personalberatung wurde vor fünf Jahren PayrollPlus, die Weber als «Start-up in der Insurtech-Branche» bezeichnet: «Wir suchen rechts­konforme neue Anstellungslösungen, damit Selbständige und Freelancer abgesichert sind.» Unterdessen sind rund 1200 Selbständige bei PayrollPlus angeschlossen. Es sind freischaffende Fotografen darunter, Programmierer mit Aufträgen verschiedener Unternehmen oder Berater, die auf Mandatsbasis arbeiten. PayrollPlus übernimmt für sie die Rechnungsstellung an den Kunden, zahlt ihnen den Lohn aus und kümmert sich um die Abrechnung von AHV- und Sozialbeiträgen. Somit wird Webers Unter­nehmen faktisch zur Arbeitgeberin der Selbständigen, wodurch sie ­Anspruch auf eine Pensionskasse und Arbeitslosengelder erhalten. PayrollPlus finanziert sich, indem sie 3% des Rechnungsbetrags behält.

Kann sich ein Selbständiger jetzt noch bei PayrollPlus anmelden und Kurzarbeitsentschädigungen beziehen? «Nein», sagt Weber. «Dazu ist nur berechtigt, wer bereits über uns abgerechnet hat.» Ein Inhaber einer AG oder einer GmbH, der seinen Lohn über PayrollPlus beziehe, müsse dies zudem seit mindestens sechs Monaten getan haben, um Anspruch zu haben. Zu diesem Fazit kam eine Studie der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Ein Urteil zu einem solchen Fall gab es indes noch nie. Es ist daher unklar, ob ein Gericht das ebenso sehen würde.

Weber zieht ein weiteres Dokument hervor: Es zeigt das Wachstum ­seines Unternehmens. PayrollPlus hat es in den vergangenen Jahren sogar in die Statistik der grössten Arbeitgeber der Zentralschweiz geschafft. Unterdessen wurde das Unternehmen aber aus der Liste gestrichen: «Der Verantwortliche sagte mir, dass es um die Zahl der Arbeitsplätze gehe und nicht darum, für wie viele Leute man den Lohn abrechne.» Im Büro von PayrollPlus in Pfäffikon arbeiten nur neun Personen. «Wir haben alle Prozesse digitalisiert.»

Bevor er aufbricht, nach Hause, zu seiner Frau, dem dreijährigen Sohn und der zehn Monate alten Tochter, skizziert er seine Ambitionen: 40 000 Personen sollen sich in den kommenden Jahren PayrollPlus anschliessen. «Es gibt 350 000 eingetragene Einzelunternehmer. Wenn 10% davon zu uns kommen, haben wir das Ziel erreicht.» Das Wachstum beschleunigen soll ein TV-Werbespot, der bald ausgestrahlt wird. «Wann, wenn nicht jetzt?», fragt Weber. Absicherung sei nun ein Bedürfnis.

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