Kaffee mit…

Emil Steinberger, Kabarettist

Emil «schnäderet». Und er hört und hört nicht auf. Mit ruhigem, wachem Blick sitzt er in «seinem Eggli», wie er die dunkle ­Nische im Basler Restaurant Kunsthalle nennt, in der er öfters Journalisten trifft. Sitzt da und erzählt aus einem Leben, das für die Dauer eines gemeinsamen Kaffees viel zu vollgepackt ist. Mit Menschen, Gedanken – und vor allem witzigen Geschichten. Wie der, als er sich eines Nachts auf Tournee aus Angst vor Räubern haufenweise Bargeld in den Pyjama gesteckt hat. Der, als er Schauspiellegende Gert Fröbe überreden musste, auf die Bühne zu gehen, weil dieser befürchtete, man starre ihm von den Balkonrängen auf die Glatze. Oder wie aus seinen Vorstellungen schon mehrfach schwangere Frauen zur Entbindungsstation eilen mussten, weil vor lauter Lachen die Wehen einsetzten. Von einem der Kinder ist Emil Steinberger Götti geworden.

Die Kunst, mit einem Wortschwall zu fesseln, ist dem 88-Jährigen nicht abhanden gekommen. Seit fünfzig Jahren redet er sich mit dem Charme eines lieben Kerls von nebenan und dem Schalk eines Schulbuben in die Herzen seines Publikums. Dank seiner Kabarettprogramme, Kinofilme und nicht zuletzt dank den legendären Emil-Schallplatten gehört der gebürtige Luzerner zu den kultigsten Figuren, die die Schweizer Kulturgeschichte hervorgebracht hat. «Die Schweizermacher» von 1978, in dem er einen jungen Einbürgerungsbeamten mimte, ist noch immer der erfolgreichste Schweizer Film aller Zeiten. «Ich bin ein richtiges Glückskind», sagt Emil über seine Karriere. «Seit der ersten Vorstellung waren die Kritiken immer positiv, die Säle immer ausverkauft.» Der Höhepunkt? «Mein erster Auftritt, seit da ging es nie abwärts.»

Ein Kellner eilt am Tisch vorbei und grüsst. Man kennt sich. Vor sieben Jahren haben der «waschechte Luzerner», wie er sich bezeichnet, und seine Frau Niccel, die ihn zum Treffen begleitet, am Rheinknie ein neues Zuhause gefunden. Nach sechs Jahren in New York und fünfzehn Jahren in Montreux war es für sie eine Rückkehr in die sprachliche Heimat. «Wenn wir in Montreux im Theater sassen, haben die Besucher immer zu uns geschaut, ob wir lachen», erzählt er. «Dabei haben wir gar nicht alles verstanden.» Dass er nicht zurück nach Luzern gegangen ist, hat seine Gründe. Mit der Stadt verbindet er nicht nur schöne Erinnerungen. Die Erwartungshaltung an ihn sei wegen seines Erfolgs stets gross gewesen. «Wäre ich zurückgegangen, hätte es sofort wieder geheissen: ‹Emil könntest du, Emil würdest du.› Luzern ist eine tolle Stadt. Aber der Druck war immens. Und dabei habe ich mich auch so stets engagiert.»

Die Bürde des Erfolgs wiegt schwer. Emil ist keiner, der nichts an sich heranlässt. Von Natur aus eher schüchtern, blühte der gelernte Grafiker und ehemalige Postbeamte erst auf, als er die Bühne für sich entdeckte. Von da an erlangte er dank seiner Paraderolle als Kleinbürger, in der er Alltägliches parodierte, rasch Bekanntheit. Dass die Bühnenfigur Emil oft nur künstlerisch verarbeitete, was die Privatperson Emil Steinberger beschäftigt hat, zeigt seine Kabarett-Nummer «Am Fenster», in der er Menschen vom Fenster aus beobachtet und taxiert. «Meine Mutter hat ständig andere Menschen beobachtet und ihre Beobachtungen mit mir teilen wollen», sagt er. «‹Komm her Emil, er hat wieder eine Neue›, rief sie dann. ‹Jetzt reden die wieder so lange. Was reden die wieder so lange?›» Ein Verhalten, das Emil belastet hat. «Ich habe mich lange Zeit regelrecht beobachtet gefühlt, weil ich dachte, das andere Menschen das auch machen», sagt er. Sogar einen Psychologen habe er deswegen aufgesucht.

Es ist nicht zuletzt diese feine Trennlinie zwischen Bühne und Leben, die Emils Humor so einzigartig gemacht hat. Und die ihm heute mehr Stoff denn je liefern würde. Doch die Widrigkeiten des Alltags sind komplexer geworden. Die Karikatur seiner selbst, der sich immer wieder mit den Online-Nutzungsrechten in Vertragsklauseln herumschlägt oder wie kürzlich versuchte, YouTube von der Sperrung seines Emil-Accounts abzuhalten – sie würden auf der Bühne kaum funktionieren.

Doch an ein Ende denkt Emil trotz allem nicht. Zwar fasst er dieser Tage sein Leben schriftlich zusammen. Ende Jahr soll die Biografie erscheinen. Was für viele Künstler am Karriereende steht, ist für ihn aber nur ein weiterer Zwischenhalt. Im Herbst tritt er erneut in Basel und Luzern vor Publikum. Die Säle wird er bis zum letzten Platz füllen. Der Name der Tournee wird Programm sein: «Emil schnäderet».

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