Kaffee mit…

Frank und Patrik Riklin, Konzept- und Aktionskünstler

An der Davidstrasse 42 in St. Gallen empfangen Frank und Patrik Riklin zum Kaffee. In den lichtdurchfluteten Räumen bieten unzählige Objekte einen Einblick in die Welt der beiden, denn hier im «Atelier für Sonderaufgaben» planen die Zwillinge, wie sie laut Frank «mit konstruktiven Störungen die Gesellschaft verändern möchten».

Beispielsweise mit Erika. Erika ist eine Fliege. Aber keine normale Fliege. Sie ist die erste Fliege, die ein Flugticket erhielt und mit der Lufthansa zu einem Wellnesswochenende flog. Auserwählt wurde sie aus 902 geretteten Fliegen. «Fliegen Retten in Deppendorf» hiess die Aktion 2012. Initiiert von einem Hersteller von Insektenvernichtungsmittel, der zu einem Insektenschützer transformiert wurde. Davon zeugt Erikas Flugticket.

«Wer mit uns arbeitet, muss bereit sein, gewisse Lasten zu ertragen, denn unsere Kunst ist kompromisslos und tut auch ein wenig weh», sagt Frank. Erst dann könne eine Veränderung stattfinden. Darum sprechen sie auch nicht von Kunden, sondern von Komplizen. Neun von zehn möglichen Komplizen verlassen nach dem ersten Gespräch gemäss Frank wieder das Atelier. Und selbst wenn sie bleiben, funktioniert es nicht immer.

In Mels beispielsweise gingen Bauern mit Mistgabeln auf die St. Galler los. Dabei wollten Frank und Patrik Riklin (48) den Melsern während drei Monaten jeden Tag für zehn Minuten den Strom abstellen. Eine konsequente Umsetzung des Auftrags der Gemeinde zu einer Denkpause. Als der Widerstand zunahm, führten sie eine wilde Volksabstimmung durch. Zu Fuss – ein Auto haben sie nicht – gingen sie sieben Tage durchs Dorf und verteilten Stimmzettel. Ja zum Stromunterbruch sagten 8%. Davon zeugt eine Schachtel Abstimmungszettel.

Trotz des Scheiterns war die «Melser Denkpause» 2010 für Patrik eine Schlüsselarbeit. Das Projekt habe nicht nur eine Kontroverse ausgelöst, sondern auch einen Diskurs. «Wir wollten herausfinden, welchen Gewinn man mit Verlust hat», ergänzt er. Die Melser wurden die Geister, die sie riefen, nicht mehr los, denn halbe Sachen machen die Riklins nicht. «Der Gipfel für uns war, als Kuratoren, die uns eingeladen hatten, uns mitteilten, dass sie es mit ihrem Thema Denkpause nicht so ernst meinten», sagt Frank. Die Riklins meinen es aber ernst, «Heiter Ernst», wie es Patrik sagt. Dabei führen sie laut Patrik aber niemanden hinters Licht. Ihre vorsätzlich-subversiven Störungen sind von Anfang an transparent.

Erfolgreich ein System gestört haben die Riklins 2008 mit dem «Null Stern Hotel». In einem Luftschutzkeller in Sevelen richteten sie ein einfaches Hotelzimmer ein, aber mit Butler. Damit wollten sie die Vielsternehotellerie hinterfragen und Luxus neu definieren. Das Konzept hatte einen durchschlagenden Erfolg und sorgte für Schlagzeilen rund um den Globus. Acht Jahre später folgte dann noch die Variante unter freiem Himmel. Davon zeugen mehrere Hotel-Wegweiser im Atelier.

Der Erfolg stieg ihnen aber nicht in den Kopf. Sie blieben sich treu. «Mit Geld kann man uns nicht kaufen, nur mit der Bereitschaft, sich auf unsere Kunst einzulassen», sagt Patrik. Sie schlugen gar ein Angebot über 1 Mio. Fr. aus für das «Null Stern Hotel», da die von den Investoren geplante Hotelkette nicht mit dem Konzept der beiden vereinbar war. Kunst vor Wirtschaftlichkeit. Dieser Leitsatz führte 2012 zur Schaffung der «Artonomie». Geprägt sind die Riklins auch von der Hochschule St. Gallen, respektive vom Rektor der Jahre 1982 bis 1986. Ihr Vater, Alois Riklin, brachte die Wirtschaftsethik auf den Rosenberg. Insofern ist ihre Arbeit die logische Fortsetzung. «Aus Artonomie wurde die X-onomie, wobei das X ein Platzhalter ist. Beispielsweise für das Klima. Also gibt es Klimonomie», sagt Frank.

Im «Atelier für Sonderaufgaben» zeugen Fotos, Plakate, Dokumente und andere Überbleibsel von den diversen anderen Störaktionen und böten damit die perfekte Grundlage für eine Ausstellung. Frank und Patrik wollen Kunst aber dort platzieren, «wo man sie nicht erwartet», wie die «Zehn Gebote Vol. 2», die 2020 im Zürcher Schanzengraben versenkt wurden oder der «Trinkbrunnen» in Zürich Leutschenbach 2013. Zwar waren die zwei nach dem Studium der Kunst anfangs im Kunstbetrieb, «die Schicklichkeit und der Elitarismus biederten uns aber an», ergänzt Patrik. Darum laden die zwei die Bevölkerung lieber ein, am «Bignik» teilzunehmen, dem jährlich wachsenden Picknicktuch, das Menschen näherbringt. Im Juni wird «Bignik» in St. Gallen und damit erstmals in einer Stadt durchgeführt, denn so bewirke Kunst mehr als in einem Museum.

, Closing Bell / Kaffee mit