Kaffee mit…

Franz Hohler, Schriftsteller

«Wie geht es Ihnen?» «Gut, danke.» Nach einer kurzen Pause hängt Franz Hohler an: «Wobei ich natürlich nicht unbeeinflusst bin vom Schatten der Gegenwart.» Für einen Kaffee ist bei unserem Videoanruf kein guter Zeitpunkt, die Gemüsesuppe für das Mittagessen wartet bereits. Vor kurzem konnte sich der Schriftsteller, Kabarettist und Liedermacher impfen lassen. Das sei beruhigend. So sei der Umgang mit den Enkel­kindern wieder entspannter. Dass er in Zürich zu den Geimpften der ersten Stunde gehörte, habe nicht er initiiert, die Gesundheitsdirektion habe ihn angefragt. Es mache ihn sehr betroffen, täglich die Zahlen von Todesfällen wegen Covid-19 zu sehen. Die Impfung sehe er daher als Beitrag, den er der Gesellschaft erbringen könne. Die psychischen Folgen für jüngere und ältere Menschen – was es heisse, wertvolle Lebensjahre zu verpassen – möchte er nicht gegeneinander abwiegen. Er stellt jedoch fest: «Es gibt keine verlorene Zeit.» Jede Erfahrung, ob schön oder schwierig, werde zum Lebensvorrat.

Auch wenn sich unsere Gesellschaft heute in einer besonderen Lage befinde, müsse man doch bedenken, dass seine Eltern während des Zweiten Weltkrieges jahrelang mit geschlossenen Landesgrenzen konfrontiert gewesen seien. Franz Hohler, geboren 1943, verbrachte seine Kindheit in Olten. Nach der Matura in Aarau begann er ein Studium der Germanistik und der Romanistik in Zürich. 1965, mit 22 Jahren, entschied er sich für eine Auszeit von der Universität, die er nutzte, um mit seinem ersten literarisch-musikalischen Soloprogramm «Pizzicato» in Zürich, Bern und Berlin aufzutreten. Für seine Freunde und die Familie sei das sehr gewagt gewesen, er habe das damals aber nicht so empfunden. Seither ist er als freischaffender Künstler tätig. An die Universität kehrte er nicht zurück.

Der künstlerische Ansatz seiner Anfangsjahre sei es gewesen, die Welt der Fantasie auf die Bühne zu bringen. Im Laufe der Jahre sei diese Welt immer mehr auf die Realität gestossen, die Programme seien politischer geworden. Die Liste an Kabarettprogrammen, Theaterstücken, Radio- und Fernsehsendungen, Belletristik und Kinderbüchern ist lang, ebenso die der Auszeichnungen, die ihm verliehen wurden. Vor ca. zwanzig Jahren verabschiedete sich Hohler von Bühne und Kamera und war zunehmend nur noch als Schriftsteller tätig. Es habe ihm irgendwann «gnüegelet» aufzutreten. Das habe nicht zuletzt mit seiner Lebenssituation zu tun gehabt. Das Bühnenleben sei bewegt, was oft bedeute, häufiger unterwegs als zu Hause zu sein. Mit einer Frau und zwei Kindern sei dies nicht einfach.

Trotz viel Bewegung in Hohlers Leben gibt es ein politisches Thema, das in seinen Werken immer wieder zu finden ist. «Als AKW-Gegner hast du in den Siebzigerjahren als verrückter Linker gegolten.» Er unterstütze einige Bewegungen, wie heute die Klimajugend, und sei auch an etlichen Demos dabei gewesen und aufgetreten. Als Aktivist sieht er sich aber nicht, «auch wenn ich mehrmals ins Tränengas gekommen bin». Dass der Bundesrat 2011 beschloss, schrittweise aus der Kernenergie auszusteigen, begrüsst er. Es sei schön zu sehen, wie diese Haltung mehrheitsfähig habe werden können, mit vier Frauen im Bundesrat notabene, bemerkt er.

Auch am Finanzsystem sei er interessiert, wobei ihm die Finanzmärkte doch suspekt seien. Es sei ihm ein Rätsel, wie unbeeindruckt die Börsen blieben, während die Realwirtschaft durch die Coronamassnahmen ins Schleudern kam, so Hohler. Für sein Theaterstück «Cafeteria» habe er sich eingehend mit der kryptischen Finanzsprache beschäftigt, von «seitwärts tendierenden Basiswerten» bis zu «Barrier Reverse». Die Geschichte: Aus der Not heraus, Frauen zu fördern, wird die Kassierin der Cafeteria einer Bankfiliale – die einzige Option – zuerst zur Chefin der Cafeteria und ­zuletzt zur Geschäftsführerin der Filiale. «Das Ganze geht dann aber nicht gut aus», nimmt der Autor vorweg. Geht es um die eigenen finanziellen Ausgaben, sagt der Schriftsteller: «Ich bin ein schlechter Konsument.» Die Mode sei gegen ihn. Ab und an gebe er aber gerne Geld für guten Wein aus.

Im Herbst erscheint sein neues Buch «Der Enkeltrick». Was ihn nach so vielen Jahren des Schaffens noch motiviere, weiter zu arbeiten, seien die Freude am Erzählen und die Freude an der Sprache. Er ergänzt sogleich: «Ich fühle mich nicht verpflichtet, etwas Lustiges oder etwas Zeitkritisches zu schreiben.» Von mehreren Seiten sei er gefragt worden, ob er einen ­Coronaroman verfassen werde. Das sei nicht in seinem Sinn. Er lasse sich vielmehr von Motiven leiten, die sich ihm aufdrängten. Lassen wir die Erklärung so stehen. Jetzt ist es Zeit, sich der Gemüsesuppe zu widmen. Bei unserem Gespräch knipst der 77-Jährige unter Anleitung auch gleich noch das Selfie. «So geht es uns Oldies mit diesen modernen Geräten», kommentiert er, nach zwei erfolgreichen Aufnahmen.

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