Kaffee mit…

Fredy Hiestand, Gipfelikönig

Stillsitzen liegt ihm nicht. Obschon vor einigen Monaten 75 geworden, scheint er immer noch voller Tatendrang zu sein. Dabei könnte sich Fredy Hiestand bequem zurücklehnen, hier auf einem roten Plüschsessel der altehrwürdigen, unter Denkmalschutz stehenden Conditorei Schober in der Zürcher Altstadt. Den Treffpunkt hat der vom Boulevard zum «Schweizer Gipfelikönig» gekrönte Unternehmer nicht zufällig gewählt. Schober zählt zu den prominentesten Kunden, die er mit vorgegarten, tiefgefrorenen Backwaren beliefert. Sein neustes Unternehmen ist schon wieder auf bald 150 Mitarbeiter und 30 Mio. Fr. Umsatz gewachsen.

Fast sein ganzes Leben lang hat sich Hiestand mit krummen Dingern, Gipfeli eben, beschäftigt. Zum Frühstück zieht er jedoch einen Smoothie vor: Früchte und Gemüse, gemischt mit Joghurt, einem Teelöffel Moringapulver und einem Esslöffel Weizenkeim. «Das stärkt das Immunsystem», meint er und fügt zur Bestätigung an: «Seit acht Jahren bin ich nicht mehr krank gewesen.» Weizenkeim, Moringa: Die zwei Ingredienzen haben mit den jüngsten Produkten und Projekten von Hiestand zu tun. Fredy’s, wie sein Unternehmen heisst, beliefert Bäckereien/Konditoreien und den Detailhandel mit bekömmlichen, besser verdaulichen Broten. In Schlieren führt seine Ehefrau ergänzend ein eigenes Verkaufsgeschäft, «Fredy’s Brotboutique».

In jedem Backprodukt steckt 2% Weizenkeim. «Weizenkeim ist mit über siebzig Vitaminen das wertvollste Element von Getreide», betont der Unternehmer. Er bedauert, dass der Keimling meist ins Tierfutter gemischt wird. Moringa wiederum gilt als «Wunderpflanze» mit grosser Heil- und Präventionskraft. Hiestand hat in Elfenbeinküste 100 Hektar Land privat erworben, wo er Moringapflanzen nach neusten biologischen Erkenntnissen anbauen lässt. Mit einem klaren Ziel, sagt er: «Ich will beweisen, dass man in Schwarzafrika mit biologischem Anbau rentabel arbeiten und zur Entwicklung der lokalen Bevölkerung beitragen kann.»

Von einer biologischen Landwirtschaft träumt Hiestand, der auf einem kleinen Bauernhof aufgewachsen ist, auch in der Schweiz. Er gerät in Rage, wenn er sagt, die Artenvielfalt hierzulande sei dramatisch gesunken, und viel Gemüse sei «mit Pestiziden verseucht». Naheliegend, dass er sich für die Volksinitiative «Sauberes Trinkwasser» engagiert hat; Anfang Jahr wurden über 100 000 Unterschriften im Bundeshaus deponiert. «Die meisten Leute haben nach achtzig keine Ziele mehr. Ich will noch etwas bewegen.» Und wann spannt er aus? Auf dem Liegestuhl selten, auf dem Golfplatz nie. Richtig abschalten kann Fredy Hiestand wohl nur beim Lachsfischen in Alaska. Seit 1985 geht er jedes Jahr während ein paar Wochen in eine einsame Lodge. 43 Pfund wog sein schwerster Fang. Ansonsten nimmt er es doch etwas ruhiger als früher. Ein Herzinfarkt und ein kleiner Schlaganfall vor drei Jahren waren für ihn «ein Schuss vor den Bug».

Fredy Hiestand ist der Erfolg nie in den Schoss gefallen. Höhen und Tiefen haben sein Leben geprägt. «Schon im Alter von sechs Jahren war mir klar, dass ich Bäcker werden wollte», erzählt er. Und schon als Jugendlicher sei es sein Traum gewesen, ein eigenes Geschäft zu führen. Vor fünf Jahrzehnten richtete er mit 5000 Fr. Startkapital seine erste Backstube in einem Zürcher Aussenquartier ein. Lange musste er kämpfen, litt unter einem schwachen Selbstwertgefühl. Seine besondere Liebe galt den Gipfeli: «Ich habe Tausende Tests durchgeführt, um sie zu verbessern.» Schub gab schliesslich in den Achtzigerjahren seine Erfindung vorgegarter, tiefgekühlter Backwaren, die die Kunden in bloss zwanzig Minuten aus dem Tiefkühler heraus ofenfrisch backen können.

Vor zwanzig Jahren ging das Unternehmen, unterdessen 100 Mio. Fr. Umsatz erwirtschaftend, sogar an die Börse – «ein grosser Fehler», wie er heute im Rückblick sagt. Die Unternehmenskultur veränderte sich, der Firmengründer wurde zunehmend an den Rand und 2002 schliesslich aus dem Unternehmen gedrängt: «Ich war das Bauernopfer.» Er musste seinen Aktienanteil verkaufen, fast auf dem Tiefstkurs. In den folgenden Jahren versechsfachte sich der Börsenwert, dann wurde die Backwarengruppe von der irischen IAWS übernommen – heute besser bekannt unter dem Namen Aryzta. Deren Niedergang hat er als späterer Aktionär miterlitten. Mit dem neuen Management pflegt er eine «gute und freundschaftliche Zusammenarbeit», doch an der geplanten Kapitalerhöhung macht er nicht mit: «Ich habe den Einsatz geistig abgeschrieben.»

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