Kaffee mit…

Gabriel Baur, Regisseurin

«Ich bin sehr gern eine Frau. Die Frage ist, was das heisst.» Die definitive Antwort auf diese Frage hat Gabriel Baur im Gespräch mit «Finanz und Wirtschaft» nicht gegeben. Tatsächlich hat die Regisseurin wohl schon einige Zuschauer ihrer Filme in ihrer Gewissheit darüber erschüttert, was es heisst, eine Frau zu sein. Oder ein Mann.

Das Spiel mit diesen Erwartungen war der Grund, dass aus Gabrielle Gabriel wurde. Für ihren Film Venus Boyz, erschienen 2002, beschäftigte sie sich mit Drag Kings: Frauen, die als Männer auftreten. Im Lauf ihrer Recherchen begann sie, die hebräische Schreibweise ihres Namens zu verwenden, wo es zwischen weiblicher und männlicher Form keinen Unterschied gibt. «Es war interessant, das subversiv anzugehen», sagt die Filmemacherin. «Venus Boyz» wurde ein internationaler Erfolg. Vielleicht blieb teilweise deshalb der Name wie er nun war.

Zwanzig Jahre nach Baurs Recherchen ist der fliessende Übergang ­zwischen den Geschlechtern ein breit bekanntes Konzept. Das war zur Entstehungszeit dieser Dokumentation in einer verschworenen, verschwiegenen Szene nicht so. In der Schweiz war für das Projekt kein Geld zu finden. Stattdessen kam die Finanzierung aus Deutschland. «Ohne Ausland würde es mich vielleicht nicht mehr geben», sagt Baur, die nach dem Studium in Zürich in New York lebte und dort ihre ersten Kurzfilme drehte. «Die Schweiz ist zwar sehr innovativ in der Wissenschaft, der Wirtschaft. Die Kultur ist aber von einer vorsichtigen Haltung geprägt.»

Obschon sich diese Scheu vor Kontroversen auch in manchen Entscheiden der Schweizer Filmförderer zeigt, verteidigt Baur das Konzept. Das sei keine blosse «Hilfe», stellt sie die Formulierung des Journalisten richtig. «Das ist eine Investition.»

Doch das Problem geht über Geld hinaus: «Fast niemand kennt Schweizer Filmschaffende.» Das ein wenig zu ändern ist ein Grund für unseren Kaffee via Zoom. Baur hat sich explizit diese Applikation ­gewünscht, die sie als «visuell angenehmer» bezeichnet. Tatsächlich ist die Frau Ende fünfzig mit markanter Brille und breitem Lachen auf dem Bildschirm sehr präsent. Begeistert erzählt sie von ihrer Karriere, von der ­Suche nach Themen, von den Frauen, von denen ihr jüngster Film handelt. Glow erzählt die Geschichte von Irena Staub, die auch für die Zürcher Modedesignerin Ursula Rodel zur Muse wurde. Staub war Prostituierte, wurde Model, Schauspielerin, machte Musik in der roten Fabrik. Vor allem war Irena Staub durch keine Konventionen gebunden. Doch trotz zeit­weiser Berühmtheit gelang es ihr nicht, ihre Chance zu packen.

Weshalb nicht? Das gehört zu den Fragen, die Baur aufwerfen will. Über eine kontroverse Person wie Staub kommt das Gespräch zurück auf Frauen in der Gesellschaft. Weshalb werden Frauen, die viel sprechen, die ihre Meinung deutlich äussern, anders wahrgenommen, als Männer, die dasselbe tun? «Wenn man als Frau tough ist, heisst es, die sei kompliziert.»

Baur zitiert eine Studie, wonach die gleiche Redezeit bei Männern kürzer eingeschätzt wird als bei Frauen. Sie zitiert auch eine Studie wonach 2013/14 von über 55 Mio. Fr. Filmförderung in der Schweiz bloss knapp 15 Mio. Fr. an Frauen flossen. Und anekdotisch erwähnt sie, dass bei den in der Branche unverzichtbaren Empfehlungen und Seilschaften zu häufig Männer zuerst zum Zug kommen. Als Co-Präsidentin und Mitgründerin den Netzwerks Swan (Swiss Women’s Audiovisual Network) will sie das ändern. Dieses hat unter anderem ein schweizweites Verzeichnis für Frauen in der audiovisuellen Industrie lanciert, die so an Sichtbarkeit gewinnen.

Während sich Gabriel Baur für das Vorankommen ihrer Kolleginnen noch immer einsetzt, wird sie international gesehen: Glow sollte vergangenen Sommer auch in den USA ins Kino kommen, Venus Boyz war dort ab 2007 auf Netflix. Professionell wahrgenommen zu werden eines. Privates mag Baur nicht preisgeben, der Einblick in ihr Leben beschränkt sich auf den Bildschirm-Ausschnitt ihrer Wohnung in der Zweitheimat Lissabon. So sehr sie zudem betont, sie lasse sich im Erzählen manchmal kaum bremsen, so ruhig wird sie auf die Frage nach ihren nächsten Plänen.

Das kann auch daran liegen, dass Inspiration für eine Regisseurin, ­deren Werk von der Begegnung mit Menschen lebt, derzeit schwerer zu finden ist: Auch in Lissabon haben die Cafés zu. Wenn sich das ändert, werden sich wieder Szenen bieten, die Ideen zu einem neuen, realisier­baren Film mit herausfordernden Fragen keimen lassen.

, Closing Bell / Kaffee mit

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