Kaffee mit…

Gülsha Adilji, Autorin und Moderatorin

«Früher war ich berühmt», das sagt Gülsha Adilji manchmal zu Kollegen in Deutschland, wo sie heute auch arbeitet, wenn es um ihre Biografie in der Schweiz geht. «Ich hatte sogar meinen eigenen Lippenstift.» Tatsächlich brachte damals Revlon eine Serie mit dem Namenszug der heute 35-Jährigen heraus. Von 2011 bis 2015 war Gülsha das Gesicht des Jugendsenders Joiz. Während des Studiums bewarb sie sich dort, eigentlich als Redaktorin, wurde dann aber als Moderatorin eingestellt und stand plötzlich vor den Schweizer TV-Kameras. Es ging gut ein Jahr, dann erreichte sie Promistatus.

«Ich habe damals viel Aufmerksamkeit und auch Liebe bekommen.» Überall wurde sie erkannt, «auch im Wartezimmer beim Frauenarzt». Auf Festivals wurde sie belagert, musste für unzählige Selfies herhalten. «Das war eine sehr intensive Zeit.» Sie vermisst sie nicht. «Ich wollte nicht die Berufsjugendliche bleiben, ich wollte mich weiterentwickeln.» Gülsha zog weiter noch bevor Joiz 2016 den Betrieb einstellen musste. Auf der Strasse wird sie heute kaum noch angesprochen, höchstens von angeheiterten Jugendlichen von damals im Ausgang auf der Zürcher Langstrasse. Wir treffen uns ganz in der Nähe: in der «Sportbar» an der Kanzleistrasse. Kaffee trinkt heute nur der Autor, Gülsha nimmt sich ein Wasser. Kürzlich hat sich die Veganerin eine Woche lang ayurvedisch ernährt und intervallgefastet, wobei man in Phasen von sechzehn Stunden nichts isst. «Ich lebe in Pendelbewegungen», sagt Gülsha und im Moment steht das Pendel auf sehr gesund. «Wenn wir uns nächstes Mal hier treffen, sitze ich vielleicht wieder mit Bier und Zigarette da.» Heute verzichtet sie aber selbst auf Kaffee. Vorher habe sie noch einen Grüntee getrunken, weil der ja gesund sein soll. «Aber er war widerlich.»

Das liegt aber keinesfalls am Lokal. Im Gegenteil: «In der ‹Sportbar› habe ich fast mein ganzes Programm geschrieben.» Mit ihrem Comedy-Programm «D’Gülsha zeigt ihre Schnägg» war sie von 2017 bis 2019 erfolgreich auf Tour. Eigentlich wollte sie im Anschluss ein neues Programm schreiben, «aber ich war bühnenmüde». So langsam würde sie den Drang aber wieder spüren. Ideen seien bereits reichlich vorhanden.

Um das neue Programm zu schreiben, hat sie es jedenfalls nicht weit in die «Sportbar». Ihre Wohnung in Zürich liegt um die Ecke. Ihre andere Bleibe ist da etwas weiter entfernt: Berlin. Nach Joiz wollte sie in ihrer Arbeit als Redaktorin, Autorin und Regisseurin ihr Netzwerk erweitern, und bewarb sich – wie damals bei Joiz – einfach blind in Deutschland. Nach Station als Redaktorin bei Shapira Shapira, einem Comedian, der für ZDF Neo produziert, kam sie zur Produktionsfirma Turbokultur, wo sie unter anderem einen Podcast mit dem Comedian Till Reiners verantwortet. Zurzeit ist sie in Drehs für eine Serie und eine Show für das ZDF eingespannt. «Es läuft so einiges, fast als würde ich in einem Büro arbeiten.»

Doch sie geniesst ihre Zeit in Berlin. «Dort bin ich immer Gülsha die Schweizerin, das finde ich schön, das würde ich mir auch in der Schweiz wünschen.» Hier werde die in Uzwil aufgewachsene Tochter einer Türkin aus dem Kosovo und eines Albaners aus Serbien oft genau darauf reduziert. «Hat denn die unterschiedliche Herkunft unserer Eltern grosse Auswirkungen auf unser Treffen hier heute?» Gemeinsam haben Gülsha und der Autor zumindest den Anfangsbuchstaben der Nachnamen. Ein Garant dafür, dass beide in Kindergarten und Schule oft als erste an die Reihe genommen wurden. «Vielleicht hat das dazu beigetragen, wie ich heute bin.» Weil sie meist als erste dran kam, habe sie gelernt «die Flucht nach vorne zu ergreifen» – sie gibt bis heute gerne die Eisbrecherin.

In dieser Rolle steht Gülsha übrigens weiterhin in der Schweiz vor der Kamera. Zusammen mit der «Schweizer Illustrierten» hat sie das Internet-Gesprächsformat «Nahtalk-Erfahrung» entwickelt. Dabei sitzt sie unter einem stilisierten TV-Apparat, Schulter an Schulter mit ihren Gästen und kommt ihnen so nahe wie kaum eine andere Moderatorin. So hat sie bereits Anna Rossinelli, Ramon Zenhäusern, Hausi Leuttenegger oder Melanie Winiger interviewt. Trotz Coronazeit soll die Serie bald ihre Fortsetzung finden, dieses Mal allerdings mit einer Plexiglasscheibe zwischen Gülsha und Gast. Die neue Staffel beginnt dabei mit einer Spezialausgabe: Die Moderatorin unterhält sich mit sich selbst. Ihre Erfahrung: «Man geht viel härter mit sich selbst ins Gericht, man kennt schliesslich die eignen Schwachstellen ganz genau.» 

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