Kaffee mit…

Hans Fässler, Historiker

Eins ist klar. Ohne Hans Fässler wäre die Aufarbeitung der Schweizer Sklavereigeschichte nicht dort, wo sie heute ist. «Pionierarbeit» hat der unterdessen pensionierte Gymnasiallehrer geleistet, sagte Harald Fischer-Thiné, Geschichtsprofessor an der ETH, in einem Interview 2020. Doch wie kommt ein Englischlehrer an der beschaulichen Kantonsschule Trogen in Appenzell Ausserrhoden, der im Unterricht Folksongs singt sowie Monty Python und Celebrity ­Deathmatch zeigt, dazu, die Verstrickung der Schweiz in den Sklavenhandel aufzudecken?

Die Antwort gibt der zweifache Vater im «Schwarzen Engel», in der Altstadt von St. Gallen. Die Wahl des Lokals ist konsequent. Das genossenschaftliche Restaurant passt zum ehemaligen SP-Kantonsrat, der Mitinitiant der Volksinitiative «Für eine Schweiz ohne Armee» war und für die Rehabilitierung des St. Galler Polizeikommandanten und Flüchtlingsretters Paul Grüninger kämpfte.

Angefangen hatte es mit Napoleon. Respektive mit der durch den französischen Herrscher beauftragten Gründung des Kantons St. Gallen 1803. «Als die Kantonsregierung die Zweihundertjahrfeier plante, fragte sie Kulturschaffende, ob sie etwas beitragen wollten», sagt der 68-Jährige nach einem Schluck Kaffee. Fässler hatte sich als Kabarettist und Chansonnier einen Namen gemacht. «Ich hatte zwar ein paar Ideen, aber schnell auch das Gefühl, dass es langweilig würde, da zum Kanton St. Gallen und zu Napoleon bereits fast alles gesagt wurde.» Also suchte er weiter. Vielleicht gab es 1803 ja ein anderes Ereignis mit weitreichenden Folgen.

Er stiess auf den Haitianischen Sklavenaufstand, angeführt von Toussaint Louverture, «einer absoluten Jahrhundertfigur». Was fehlte, war der Bezug zu St. Gallen. «In einer älteren Dissertation las ich, dass im Dienst der Franzosen 600 hauptsächlich Schweizer Soldaten nach Haiti mussten, um den Aufstand niederzuschlagen.» Das Kabarettprogramm «Louverture stirbt 1803» war geboren. Weil er so viel Material gesammelt hatte, schrieb er ein Buch: «Reise in Schwarz-Weiss. Schweizer Ortstermine in Sachen Sklaverei». «Seither hat mich das Thema nicht mehr losgelassen.»

Im Herzen ist der studierte Historiker aber vor allem Aktivist. Ein Beispiel: Die Gemeinschaft der karibischen Staaten – Caribbean Community (Caricom) – hatte 2013 eine Initiative für Reparationen lanciert und die grossen Kolonialmächte Frankreich, Spanien, Portugal und England angeschrieben. «Als ich das gehört hatte, dachte ich, die Schweiz muss auch auf die Liste.» Er überzeugte die verantwortliche Kommission in einer viertelstündigen Präsentation über Zoom. All die Informationen über die Verknüpfung der Schweiz mit der Sklaverei sammelt er im Caricom Compilation Archive, das er mit einem anderen Historiker betreibt. «Ich schätze den Schweizer Anteil am transatlantischen Sklavereisystem auf zwei bis drei Prozent.» Bisher habe ihm kein Historiker widersprochen.

Als er in Antigua an einer Konferenz den Fall der Schweiz schilderte, wurde er gefragt, ob es in der Schweiz eine Organisation gebe, die sich für Reparationen einsetze. Fässler meinte, das sei nur er. «Da ich nicht einfach eine nette Antwort geben wollte, gründete ich nach meiner Rückkehr SCORES, das Swiss Committee on Reparations for Slavery.» Mit dabei sind 100 Personen aus Politik, Kultur und Kunst, die ebenfalls Reparationen fordern. «Ich habe gestaunt, wie einfach es war, die Namen zu sammeln.»

Seitdem er sich mit dem Thema befasst, habe sich viel verändert. Anfangs wurde die Verstrickung der Schweiz hinterfragt. Heute nicht mehr. «Explodiert ist das Thema im Sommer 2020. Ausgelöst von der Bewegung Black Lives Matter. Da war ich im Ausnahmezustand.» Debattiert wird seither auch der Umgang mit Denkmälern und Namen von Orten, die Rassisten gewidmet sind. Für Fässler kein neues Thema. Bereits 2007 lancierte er den Versuch, das Agassizhorn umzubenennen, das den Namen des rassistischen Naturforschers Louis Agassiz trägt. Bisher erfolglos. Im Umgang mit rassistischen Denkmälern präferiert er die Kontextualisierung, also die Erklärung mit einer Tafel. Er versteht aber auch, wenn Aktivisten bestimmte Statuen stürzen wollen. Wichtig sei, dass debattiert werde.

Die Entwicklung nach Black Lives Matter hat ihn auch hinterfragen lassen, ob er noch der Richtige ist, um in St. Gallen Führungen zum Thema Rassismus anzubieten. «Ich bin ein alter, weisser, Schweizer Mann, habe sämtliche problematischen Privilegien. Wenn eine Person of Color die Führungen kompetent machen würde, dann würde ich mich zurückziehen.» Mehr Zeit hätte er dann für die Enkelkinder und für Kabarett.

«Meine Frau sagte immer wieder, mach doch mal wieder ein lustiges Kabarettprogramm. Ich antwortete, ‹wenn ich pensioniert bin›. Irgendwann war ich dann Pensionär und der Druck stieg.» Vor zwei Jahren trat er dann wieder auf und las sein Buch «Nicht ohne meinen Carbonschuh. Eine Toggenburger Passion» vor – eine inoffizielle Biografie von Simon Ammann. Ein Fan von Skispringen ist Fässler nicht, generell mag er Sport nicht. Ihn interessiert jedoch die kollektive Identifikation mit sportlichen Helden. Zudem ist das Programm, wie auch schon bei «Louverture stirbt 1803», eine wohl durchdachte Analyse der Welt, mit Nebeneinanderstellungen und Verflechtungen von scheinbar Gegensätzlichem, ohne dass dabei der Humor auf der Strecke bleibt.

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