Kaffee mit…

Helen Uffner, Spezialistin für Vintage-Kleider

Viel Zeit hat Helen Uffner nicht mehr. «Ende Monat läuft mein Mietvertrag aus», sagt die Amerikanerin während eines Kaffees in einem privaten Park an der Upper West Side von Manhattan. «Dann muss ich aus der ­Lagerhalle in Long Island City raus.» Einfacher gesagt als getan, denn die Modespezialistin besitzt die grösste Sammlung von Kleidern der Jahre 1860 bis 1980 an der amerikanischen Ostküste.

Wie viele Stücke es genau sind, weiss sie nicht. «Es dürften mehr als 50 000 sein.» Zur Sammlung gehören nicht nur Kleider, Anzüge, Pullover und Lingerie, sondern auch Hüte, Schmuck, Uhren, Gehstöcke und ­Regenschirme. Mit ihrer umfassenden Sammlung ist «Helen Uffner Vintage Clothing» im Stadtteil Queens eine der wichtigsten Anlaufstellen für Film-, Fernseh- und Theaterproduzenten, die ihre Schauspieler mit ­authentischen Kleidern aus vergangenen Epochen ausstatten wollen. Eingekleidet hat Uffner unter anderem Beyoncé in «Cadillac Records», Brad Pitt in «The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford» oder Tom Hanks in «Bridge of Spies».

Als Rechtsanwalt während des Kalten Kriegs in «Bridge of Spies» wurde Tom Hanks von Helen Uffner eingekleidet. (Bild: Martin Lüscher)

Die Leidenschaft fürs Sammeln hat Uffner seit sie klein war. «Ich war schon immer von alten Dingen fasziniert und ging gerne in Secondhand-Läden», sagt Uffner, die als 11-Jährige mit ihren Eltern nach New York kam. «Vielleicht liegt es daran, dass meine Eltern ohne nichts in die USA ­kamen.» Als sie auf der Mittelstufe war, ging sie mit dem Geld, das sie fürs Babysitten bekommen hatte, an eine Nachlassversteigerung und kaufte alles, was sie sich leisten konnte.

Während der High School suchte sie dann Schmuckauktionen auf und ersteigerte kleine Objekte wie viktorianische Fingerringe für Babys, die sonst auf kein Interesse stiessen. «Wenn ein Stein fehlte, setzte ihn der Auktionator gratis ein.» In Secondhand-­Läden suchte sie nach schönen, alten, handgefertigten Stickereien, «nicht um sie zu tragen, sondern um sie zu betrachten». Ihrer Leidenschaft entsprechend studierte sie an der High School und auf dem College Kunst.

Nach dem Studium reiste sie ein Jahr lang um die Welt. «Wo immer ich war, ging ich auf Flohmärkte und schickte Sachen an meine Eltern zurück.» Um das Reisen zu finanzieren, arbeitete sie unter anderem auf Kreta als Koch für eine amerikanische Familie sowie in Israel dank ihres Kunststudiums als Stylistin für einen Fotografen. Zurück in Amerika stieg sie in einem Beratungsunternehmen ein. Glücklich wurde sie dabei aber nicht. Und als ein Magazin über ihre Sammlung von Vintage-Kleidern berichtete, öffneten sich andere Türen.

Neben Kleidern und Anzügen sammelt Helen Uffner auch Schmuck, Uhren und Taschen. (Bild: Martin Lüscher)

Das wiederum weckte das Interesse von ­Kaufhäusern wie Macy’s, die antike Lingerie verkaufen wollte. An einer Strassenkreuzung überhörte sie zudem per Zufall das Gespräch von zwei Einkäufern für das Luxuskaufhaus Bergdorf Goodman, die auf der Suche nach Vintage-Kleidern waren. «Ich stellte mich vor und sagte, dass ich ­Vintage-Kleider habe. Sie kamen vorbei und kauften mehrere Stücke». ­Bezahlt wurde mit einem Scheck, ausgestellt auf den Namen «Helen ­Uffner Vintage Clothing». «Ich selbst hätte das Geschäft nie nach mir ­benannt. Aber um den Scheck einzulösen musste ich das Unternehmen dann unter diesem Namen registrieren.» Das war vor 43 Jahren.

Aus den über tausend Produktionen, die Uffner ausgestattet hat, sticht eine hervor. Dabei handelt es sich aber weder um den Film «Zelig» von Woody Allen aus dem Jahre 1983, der den Beginn von Uffners Karriere markierte, noch um die Filme «Out of Africa» mit Merryl Streep oder «The Color Purple» von Steven Spielberg aus dem Jahre 1985, die Uffner bekannt machten, oder die Fernsehserien in den Jahren darauf, für die sie für einen Emmy mitnominierte wurde.

Besonders am Herzen liegt Uffner ein Kurzfilm namens «Torte Bluma» aus dem Jahre 2005. «Ein Kostümbildner suchte Kleider, hatte aber nur ein sehr kleines Budget. Als er mir sagte ­worum es ging, sagte ich ohne Entschädigung zu, mit einer Bedingung.» Im Gegensatz zu Uffners Eltern starben ihre Grosseltern und drei Onkel mütterlicherseits während des Holocausts im Konzentrationslager ­Treblinka. Der Film zeigte die wahre Geschichte eines Führers und seines Angestellten. «Die Bedingung war eine Widmung am Ende des Films für meine Grosseltern und Onkel die während des Holocausts gestorben ­waren, sowie für meinen Eltern, die überlebt hatten.»

Noch hängt die Kollektion von Helen Uffner fein säuberlich aufgereiht in einem Lagerhaus in Queens. (Bild: Martin Lüscher)

Was sie ab Oktober mit ihrer Sammlung macht, weiss sie nicht. «Eine andere bezahlbare zentral gelegene Lagerhalle ist in New York nicht zu ­finden», sagt Uffner, die bereits 2018 die damaligen Räumlichkeiten ­verlassen musste. Bleiben kann sie aber auch nicht. Der Eigentümer will ein Hochhaus bauen – Long Island City eben. Eine Möglichkeit ist ein Verkauf. Darauf läuft es wohl hinaus, steckt Uffner doch mitten in Verhandlungen. Abschied genommen hat die Modespezialistin von ihrer Sammlung aber noch nicht.

«Auch wenn ich von morgens früh bis abends spät am Arbeiten bin, ich liebe es, ich liebe den Umgang mit den Stoffen, ich liebe die Aufregung, wenn ich die Gegenstände sehe.» Darauf zu verzichten dürfte Uffner schwerfallen. Ein Verlust ist es aber auch für die Filmindustrie. Doch selbst wenn sie dereinst nicht mehr die Stars einkleiden wird, ganz verzichten auf Antikes wird sie nicht. «Meine Lieblingsstücke sind in meiner Privatkollektion.» Zudem dürfte sie wohl auch in Zukunft zugreifen, wenn sie ein altes Objekt entdeckt.

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