Kaffee mit…

Ines Di Lelio, Restaurantbesitzerin

Zu den weltweit bekanntesten Rezepten der italienischen Küche zählen die Fettuccine Alfredo. In Nord- und Südamerika, Asien und Teilen Europas gelten sie als Inbegriff Italiens zu Tisch, vergleichbar nur  mit Pizza Margherita oder Spaghetti Carbonara. Das Erstaunliche daran: In Italien (und in der Schweiz) kennt diese besondere Art, Fettuccine zuzubereiten, kaum jemand. Dabei gab es Alfredo wirklich, und der globale Siegeszug seiner kulinarischen Erfindung ist kein Märchen, sondern ein glücklicher Zufall, wie ihn das Leben ab und zu bereithält.

«Alles begann 1908, als meine Grossmutter sich nach der Geburt ihres Sohnes Armando sehr schwach fühlte und mein Grossvater ihr eines Tages einen Teller Fettuccine mit Parmesankäse und Butter zubereitete, die ihr besonders gut schmeckten», erzählt Alfredo Di Lelios Enkelin Ines bei einem Kaffee. Da Alfredo ein Restaurant in der römischen Innenstadt besass, beschloss er, genau diese Fettuccine all’Alfredo fortan auch für seine Gäste zu kochen. Der Zufall wollte es, dass Mary Pickford und Douglas Fairbanks – damals die berühmtesten Leinwandidole Hollywoods – ihre Flitterwochen in Rom verbrachten, in Alfredos Trattoria haltmachten und dort seine Fettuccine serviert bekamen. Die Wirkung war die gleiche wie zuvor bei Ines’ Grossmutter: Liebe auf den ersten Biss.

Fortan schwärmte das prominente Paar daheim in Hollywood Freunden von der römischen Köstlichkeit vor und machte sie dort bekannt. Als es 1927 erneut nach Rom reiste, schenkte es Alfredo ein Besteck aus purem Gold mit der Inschrift «To Alfredo the King of the noodles». Alfredo, der beliebte Gaststättenbesitzer, wurde zu einem Botschafter der italienischen Küche weit über die Landesgrenze hinaus.

Während des Zweiten Weltkriegs musste Alfredo sein Lokal schliessen. 1950 eröffnete er zusammen mit Sohn Armando (Alfredo II genannt) ein neues Restaurant gegenüber vom Mausoleum des Kaisers Augustus. Es war nur logisch, dass der «Imperatore delle Fettuccine»  sich an der Piazza Augusto Imperatore ansiedelte. Die Trattoria wurde zu einer der wichtigsten Adressen der Dolce Vita. Wer Rang und Namen besass, kehrte dort ein. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Ein dickes Gästebuch und unzählige Fotos von Prominenten, die mit einem Teller Pasta in die Kamera lächeln, geben Zeugnis davon.

Der wachsende Ruhm machte sich selbständig. Vorsichtshalber benannte die Familie Di Lelio ihr Lokal in «Il vero Alfredo» um. Sie seien die Echten, betonten sie, während in Rom mehrere Restaurants gleichen Namens eröffneten. Der wichtigste Konkurrent bis heute ist ein Lokal an der alten Adresse, in der Via della Scrofa. Dort fand die Übergabe des Bestecks aus Hollywood statt. Alfredo hatte das Lokal seinen beiden Kellnern überlassen.

Auch wird die spezielle Sauce nicht nur frisch zubereitet. In Übersee kann man sie als Fertigsugo in jedem Supermarkt kaufen. Knorr, Barilla, Bertolli und alle anderen grossen Marken bieten «Alfredo Pasta Sauce» an, je nach Wunsch im Glas oder dehydriert als Pulver in Tütchen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Besonders beliebt scheint die Variante mit Hühnchen zu sein. Ines Di Lelio verzieht beim Erzählen lachend das Gesicht. In ihrem Lokal gebe es solche Varianten nicht. Man fühlt sich der Tradition verpflichtet. Die Familie Di Lelio erhält von dem globalen Millionenbusiness keine Tantiemen. Name und Rezept sind verständlicherweise rechtlich nicht geschützt.

Aber die Fangemeinde ist gross. Zahlreiche US-Präsidenten nutzten einen Staatsbesuch in Italien, um bei Alfredo zu speisen. Präsident Bush senior lud Alfredo III, Ines’ Bruder, ins Weisse Haus nach Washington ein, damit er bei einem Empfang kocht. Barack Obama oder Donald Trump seien jedoch nicht mehr bei ihr eingekehrt, erzählt die Restaurantbesitzerin. Die Sicherheitsvorkehrungen seien inzwischen so enorm, dass solche Ausflüge kaum noch möglich seien. Stattdessen werde man in die US-Botschaft geladen, wo sich die amerikanischen Staatsgäste sicherer fühlten.

Amerikaner sind weiterhin die treuesten Gäste. Woody Allen wählte das Lokal zum Schauplatz für eine Schlüsselszene seines Films «To Rome with Love», den er im Sommer 2011 in der italienischen Hauptstadt drehte. Und sogar Mickey Mouse war hier: Der Zeichner der berühmten Maus aus Kalifornien verewigte sie nach einem Besuch im Gästebuch des Lokals.

Nach dem frühen Tod des Bruders übernahm die heutige Besitzerin das Familienunternehmen. Ines Di Lelio hängte dafür ihren Beruf als Journalistin an den Nagel. Heute leitet sie es zusammen mit ihren beiden Töchtern Chiara (auf dem Selfie rechts) und Asia. «Nach drei Generationen haben nun die Frauen der Familie das Zepter übernommen», sagt sie stolz.  Die Zeiten, als ein Alfredo mit charakteristischem Schnauzbart die frisch gekochten Fettuccine mit dem goldenen Besteck vor den staunenden Gästen durch die Luft wirbelte und dafür Applaus erntete, sind vorbei. Die drei Frauen haben einige sanfte Veränderungen vorgenommen, denn sie müssen die Familientradition in die Zukunft führen. Eines der Ziele ist, dafür zu sorgen, dass Alfredos weltweit bewunderte Fettuccine auch dort zu einem festen Bestandteil der lokalen Küche werden, wo sie ursprünglich herkommen: daheim in Italien.

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