Kaffee mit…

Irene  Fischbach, Leiterin Kommunikation RSPO

Palmöl aus nachhaltiger Produktion spielt auf dem Weltmarkt eine ­minderheitliche Rolle. Zwar ist die Menge gestiegen, doch beträgt der Anteil immer noch erst ein Fünftel, weil die Gesamtproduktion im ­gleichen Ausmass zugenommen hat. Das versucht der Roundtable on Sustainable Palmoil (RSPO) mit Sitz in Malaysias Hauptstadt Kuala ­Lumpur zu ändern. In der Non-Profit-Organisation treffen kleine Farmer auf Ölproduzenten ebenso wie auf Vertreter der Konsumgüterindustrie und des Detailhandels.

Mittendrin in diesem Tummelplatz der Interessen ist die Schweizerin Irene Fischbach. Sie leitet von Singapur aus die Kommunikation des RSPO. «Palmöl war für mich Neuland», sagt sie, als wir uns im Café Privé im Wheelock Palace in Singapur treffen. «Interessiert hat mich vor allem das Arbeiten in einer Multistakeholder-Organisation», erklärt die Kommunikationsspezialistin. «Die Schnittstelle zwischen Privatwirtschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft war für mich schon immer ein spannender Arbeitsort.» Neben uns braust der Verkehr auf der Kreuzung ­Orchard Road-Patterson Road-Scott Road, eine Schnittstelle anderer Art im Zentrum der südostasiatischen Metropole.

Nach Singapur ist die Fünfzigjährige Ende 2019 und damit kurz vor Ausbruch der Pandemie gekommen. Ihr Mann wechselte arbeitsbedingt dorthin, und sie nutzte den Wechsel für eine Neuorientierung. An der Lee Kuan Yew University schrieb sie sich für ein Masterstudium in Public Administration ein, das sie als erste Schweizerin erfolgreich absolvierte. In einem Kurs in Umweltpolitik kam sie erstmals mit dem RSPO in Kontakt. «Mit dem Recherchieren und dem Schreiben fand ich immer mehr Spass am Thema Palmöl, und als letztes Jahr der Job als Leiterin Kommunikation ausgeschrieben war, habe ich mich beworben», schildert Fischbach.

Sie hat den 2004 gegründeten RSPO als sehr aktive Organisation kennengelernt. Am meisten Mitglieder zählt der RSPO in Nordamerika und in Europa, darunter sind einige Nichtregierungsorganisationen. Der RSPO legt Standards für die nachhaltige Produktion von Palmöl fest. Involviert sind, auf freiwilliger Basis, Beteiligte entlang der gesamten Wertschöpfungskette sowie NGO mit sozialer und ökologischer Ausrichtung und ­Finanzinstitute. Vor kurzem hat die alle fünf Jahre stattfindende Überarbeitung der Standards begonnen. An der Generalversammlung Ende 2023 sollen sie verabschiedet werden.

«Produzenten und Konsumenten bringen nicht immer genug Verständ­nis füreinander auf», meint Fischbach. Umso bedeutender sei die Aufgabe des RSPO, die Exponenten für die gegenseitigen Interessen und Lebensumstände zu sensibilisieren. Die wichtigsten Produzentenländer Indonesien und Malaysia, die 85% des Palmöls weltweit herstellen, kennen mit ISPO und MSPO Regierungsprogramme. «Malaysia hat auf Produzentenseite mit der Zertifizierung viel gemacht», sagt Fischbach, doch die Standards seien nicht so umfassend wie die des RSPO. Doch auch sein eigenes Siegel mit der grünen Palmenkrone ist nicht unumstritten. Kritiker führen an, dass sich die Organisation selbst kontrolliert und die Produktions­kriterien für die Plantagenbesitzer nicht Gesetzescharakter haben.

Um dem Ziel 100% nachhaltig produziertes Palmöl näher zu kommen, braucht der RSPO laut Fischbach eine verbesserte Kommunikation. So müssten mehr mittelständische Farmer und Verarbeiter von den Vorteilen der Nachhaltigkeit überzeugt und zur Mitgliedschaft geführt werden. Was die Plantagenbesitzer unter den Mitgliedern betrifft, gilt es Lösungen zur Umsetzung der Standards zu diskutieren. Auch das betrachtet Fischbach als wichtige Aufgabe des RSPO: «Die Einbindung aller Stakeholder, eine konstruktive Kommunikation mit ihnen aufbauen und erhalten, um gemeinsame Ziele zu erreichen. Das ist mein Auftrag und mein Ziel.»

Dabei kann sich die Espresso-Trinkerin, eher Ristretto und ungesüsst, auf ihre breite Erfahrung in der Kommunikation stützen. Nach dem Jusstudium in Zürich und Genf begann sie ihre berufliche Karriere in einem Trainee-Programm der damaligen Zürich-Versicherung. Es führte sie in die Kommunikationswelt, die sie sich mit einem berufsbegleitenden Studium an der Università della Svizzera italiana vertieft erschloss. Weitere Stationen in der Schweiz waren Swiss Life und Swissgrid, wo sie für Kommunikation und Stakeholder-Beziehungen verantwortlich war.

Singapur ist im globalen Palmölhandel sozusagen das Epizentrum. Von den dreissig grössten Händlern haben acht ihren Sitz im geografisch zwischen den Hauptproduzenten Indonesien und Malaysia gelegenen Staat. Seine Parks und das Radwegnetz, auf dem Irene Fischbach und ihr Ehemann gerne und viel unterwegs sind, haben ihr das Leben während der Pandemie erträglich gemacht. Auch zum Kochen ist sie in Singapur mehr als erwartet gekommen, weil Restaurantbesuche lange eingeschränkt waren. Ihr Favorit sind indische Rezepte. Nun, wo Treffen mit Freunden nicht mehr länger eingeschränkt sind, werden gemeinsame Besuche im Studiokino im Golden Mile Tower wieder einen Platz in Fischbachs Alltag haben. Der monströse Gebäudekomplex aus den Siebzigerjahren entging in letzter Minute der Abrissbirne und stellt nun eine Verbindung zwischen dem Singapur von heute und dem der ersten Aufbruchphase.

Wolfgang Gamma, Singapur

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