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James Taylor, Knowledge Keeper der Curve Lake First Nation

Es gab eine Zeit in Kanada, da war das Erzählen bestimmter Geschichten verboten. Derjenigen etwa über den weissen Raben, der die Sonne stiehlt, oder der über den Wolf, der sich im Ozean in einen Orca verwandelt. Mittlerweile haben die Legenden der First Nations aber einen festen Platz in Kanada: Sie wurden in Büchern zusammengetragen und werden in Schulklassen gelesen und nachgespielt. Einer, der viele dieser Geschichten kennt, ist James Taylor, Knowledge Keeper (Wissensbewahrer) der Curve Lake First Nation aus der Provinz Ontario. Sein Volk nennt ihn Kind Lightning, weil er als Dreissigjähriger vom Blitz getroffen wurde. Seither festigte sich bei Taylor immer mehr der Wunsch, seine Gabe – Geschichten zu sammeln und weiterzugeben – besser zu nutzen.

Heute lebt der Neunundvierzigjährige mit seiner Familie auf Vancouver Island, in der kanadischen Provinz British Columbia. Mit seinem knallblauen Eishockey-Trikot der Toronto Maple Leafs, einem Stirnband und der Starbucks-Kaffeetasse in der Hand fällt er auf. Die Menschen reagieren auf ihn. Wenn er aus dem Bus aussteigt und neben dem Rucksack eine Trommel über seiner Schulter hängt, halten nicht wenige die Luft an und schütteln erst einmal den Kopf.

Im Frühjahr 2022 ist der Umgang mit den First Nations immer noch kompliziert. Gesellschaftlich und politisch sowieso. Der Mai ist einer ­dieser Monate, um an die Taten der Vergangenheit zu erinnern und anzuerkennen, «was unseren Ureinwohnern hier im sogenannten kolonialen Kanada widerfahren ist», wie Taylor es formuliert. Vor genau einem Jahr sorgte die Entdeckung von über tausend nicht gekennzeichneten Kindergräbern in Kamloops und anderen Gemeinden Kanadas für weltweites Entsetzen. Es handelte sich um die sterblichen Überreste von indigenen Kindern, die Ende des 19. Jahrhunderts und noch bis in die Neunzigerjahre in Internate (Residential Schools) gesteckt und dort seelisch und körperlich misshandelt wurden. Die Kinder verbrachten Monate oder Jahre isoliert von ihrer Familie, ihrer Sprache und ihrer Kultur. Tausende von ­ihnen starben an Krankheiten, Unterernährung, Gewalt und Vernachlässigung oder gelten als vermisst. Auch heute noch werden indigene Kinder dem Fürsorgesystem übergeben und in Pflegefamilien oder Heimen untergebracht, wenn der Sozialdienst der Meinung ist, das Kindeswohl sei durch die Lebensumstände in seinem Zuhause gefährdet.

In Gedenken an die Opfer der Residential Schools bricht Taylor immer wieder zu langen Heilwanderungen auf. Es ist seine Antwort auf den Ruf seiner Vorfahren, die ihn einst baten, die Überlebenden und deren Nachkommen zu ehren. «Mir selbst blieb eine Pflegefamilie erspart, aber viele von uns haben nicht so viel Glück und sind durch die Trennung von ihrer Familie und Kultur lange traumatisiert», berichtet Taylor. Seine Wanderungen sollen die Öffentlichkeit noch mehr auf das Thema Truth and Reconciliation aufmerksam machen, wie der Prozess der Versöhnung mit den First Nations in Kanada mittlerweile genannt wird. Bereits drei Mal marschierte Taylor von der Westküste bis in die Hauptstadt Ottawa, wofür er gut fünf Monate brauchte. Auch während der Corona­viruspandemie wanderte er jeden Tag über Vancouver Island. «Ich wollte Zeichen setzen und den Leuten zeigen, dass alles wieder gut wird und sie nicht aufgeben sollen.» Diesen Mai läuft er von Swartz Bay an der Ostküste der Insel gut 33 Kilometer bis zur Provinzhauptstadt Victoria.

Seit einigen Jahren arbeitet Taylor zudem auch offiziell als Ausbilder für indigene Kultur mit verschiedenen Schulen auf Vancouver Island zusammen. Dann erzählt er die Geschichten seiner Vorfahren oder geht mit den Klassen der Unter- und der Oberstufen in einen Park oder an den ­nahegelegenen Strand. Die Natur ist ihm wichtig. Dort erklärt er die alten Traditionen, Symbole und Heilpflanzen, die noch heute bei Zeremonien der First Nations verwendet werden. Er singt Lieder, trommelt und räuchert mit weissem Salbei, dessen Rauch er mit speziellen Vogelfedern sorgsam über die Anwesenden verteilt. Manchmal zeigt er den Schülern auch, wie Traumfänger gebastelt werden.

«Die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen ist grossartig. Ich bin da sehr privilegiert und fühle mich geehrt durch den Respekt, der mir ­entgegengebracht wird», berichtet Taylor und presst seine Hände zum Nachdruck der Dankbarkeit leicht an die Brust. Natürlich haben die ­Schüler viele Fragen. Etwa, warum er einen kleinen Schildkrötenpanzer an einer Kette um den Hals trägt (die First Nations nennen Kanada wegen seiner geografischen Umrisse Turtle Island) oder warum das Tuch, das er auf dem Boden ausbreitet, am Rande vier Farben hat (sie repräsentieren die vier Himmelsrichtungen). «Die meisten wollen von mir wissen, wie sie bei der Versöhnung helfen können.» Die Antwort darauf sei allerdings nicht einfach. «Doch letztendlich ist Reconciliation nur so kompliziert, wie man sie sich selbst macht», sagt er.

Taylor möchte mit seiner Arbeit an den Schulen ein Bewusstsein für die Folgen der kolonialen Vergangenheit Kanadas und das Leben der First Nations schon früh an die jungen Menschen herantragen. «Vielleicht wächst nun eine Generation heran, die viel besser versteht, warum es vielen von meinem Volk nicht gutgeht, warum wir so leben, wie wir leben, und was uns wichtig ist.» Jeder Schritt in diese Richtung ist wichtig.

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