Kaffee mit…

John Chester, Farmer und Filmemacher

Eigentlich war es Todds Schuld. Weil der Hund von John und Molly Chester mit seinem Bellen die Nachbarn zum Verzweifeln brachte, drohte ihnen der Rauswurf aus ihrem Appartement in Santa Monica. Doch statt sich einfach nach einer neuen Wohnung in Los Angeles umzusehen, beschlossen die beiden, die Gelegenheit zu nutzen und ihren Traum zu verwirklichen. 2011 zogen sie auf eine Farm sechzig Kilometer nördlich der Stadt. Den Weg zu ihrer Farm hat der 48-Jährige in einem Film verarbeitet.

«The Biggest Little Farm» erzählt von einem Idyll in den kalifornischen Hügeln, von grünen Wiesen, Obstbäumen und glücklichen Tieren. Doch der Beginn war alles andere als einfach. Molly und er hätten keine Erfahrung mit Feldarbeit oder der Aufzucht von Tieren gehabt – bloss Interesse und Leidenschaft dafür, wo denn die Lebensmittel herkämen, die sie konsumierten. Sie arbeitete als Köchin und Food-Bloggerin, er als Kameramann, erzählt Chester beim Kaffee in der Lobby eines Zürcher Hotels. Dann war da auch noch das Problem der Finanzierung. Schlussendlich fanden sie jedoch einen privaten Kapitalgeber. Nach etwa fünf Jahren hätten sie den Kredit zurückzahlen können. Heute rentiert die Farm.

Möglichst gesund, reich an Nährstoffen und schmackhaft sollten ihre landwirtschaftlichen Produkte sein. Doch bis Früchte und Gemüse oder die Eier ihrer eigenen Hühner den Ansprüchen genügten, mussten sie erst dafür sorgen, dass der Boden ihrer Farm wieder genügend Nährstoffe enthält. Klimawandel, Dürre und exzessive Bewirtschaftung hatten dafür gesorgt, dass ein Grossteil der oberen Bodenschichten, die normalerweise für ausreichend Biodiversität sorgen, verschwunden war. Damit sich diese rekonstruieren konnte, nutzten sie den Mist ihrer Tiere als Dünger.

Ein natürliches Gleichgewicht wollten sie zwischen Pflanzen und Tieren, Nützlingen und Schädlingen auf ihrer Farm herstellen. Bis dahin dauerte es allerdings mehrere Jahre. Immer wieder tauchten neue Hindernisse auf. Schnecken und Erdhörnchen vernichteten ihre Ernte, Kojoten taten sich an ihren Hühnern gütlich. «Wir haben mindestens 350 Hühner in den acht Jahren, seit wir die Farm haben, verloren.» Die Kojoten zu jagen, sei allerdings keine Lösung gewesen. Um sie auf natürliche Weise loszuwerden, hätten sie einerseits über Nacht Herdenschutzhunde bei den Hühnern platziert und ihnen andererseits die Erdhörnchen schmackhaft gemacht. Um eine Ratten- und Mäuseplage zu beseitigen, siedelten sie Schleiereulen als natürliche Fressfeinde bei sich auf der Farm an. Auf diese Weise versuchten John und Molly für alle Schädlinge auf der Farm eine natürliche Lösung zu finden. Oft sei dies auch kostengünstiger. «Die Behausungen für die Schleiereulen kosteten 700 $. Kein Vergleich mit dem Geld, das wir vorher für die Beseitigung der Ratten ausgegeben haben.»

Neunzig Terabyte hat Chester seit 2011 auf seiner Farm gefilmt. Erst nach fünf Jahren hat er sich entschlossen, das Material zu einem Dokumentarfilm zu verarbeiten. Die Bilder in «The Biggest Little Farm» sind sorgfältig komponiert und ausgewählt. Manche Aspekte der Geschichte scheinen jedoch zu konstruiert, etwa wenn die Tiere auf der Farm zwischendurch etwas zu sehr vermenschlicht werden. Es sei doch ganz natürlich, dass man eine Beziehung zu seinen Tieren entwickle, entgegnet der Regisseur. Zudem habe er ihnen ganz bewusst eine Stimme gegeben, um die Geschichte auch durch ihre Augen erzählen zu können.

Neben ihrem Hund Todd ist so in dem Film eine ganze Reihe weiterer Protagonisten anzutreffen. Unvergesslich sind etwa Emma und Mr. Greasy. Das riesige Schwein mit rostroten Borsten und der Hahn sind ein ungleiches Paar, doch Emma teilt sogar ihren Schlafplatz mit ihm.

«The Biggest Little Farm» profitiert auch von der momentanen Klimadebatte. John Chester will allerdings niemanden zu einer bestimmten Lebensweise bekehren. Fleischesser wie Vegetarier hätten alle ihren Platz. «Wir müssen die Tiere jedoch so fair wie möglich behandeln, gerade wenn wir sie für die Fleischproduktion brauchen.» Auch wenn er immer wieder versucht, sich dies zu vergegenwärtigen, wird es für ihn nicht einfacher, ein Tier zum Schlachter zu bringen. Emma bleibt ein solches Schicksal erspart. Sie kann ihren Lebensabend in Ruhe geniessen. Bei den Führungen, die John und Molly regelmässig auf ihrer Farm veranstalten, gehört sie zu den Stars. Es gehe ihr gut, einzig eine strenge Diät müsse sie einhalten. Seit dem Ende der Dreharbeiten habe sie sich doch etwas gehen lassen und tüchtig an Gewicht zugelegt.

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