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Julia Stierli, Investor Relations

Haben Glück oder Zufälle im Leben Regie geführt, fragt sich Julia Stierli. Die Pandemie ist zwar eher ein Schicksalsschlag, aber auch sie hat nun eine unerwartete Wendung gebracht. Die Investor-Relations-Beraterin hat in den vergangenen Monaten kaum Aufträge erhalten. Ihre Kunden sind ausländische Unternehmenschefs, vorab Amerikaner. Für sie hat Stierli fast dreissig Jahre lang Europatourneen organisiert, vor allem Treffen mit potenziellen Investoren in London, Paris, Frankfurt, Genf, Zürich und anderen Städten. «Zurzeit reist niemand, Investorentreffen finden höchstens online statt», sagt Stierli. Doch die böten keinen adäquaten Ersatz für die realen Begegnungen. Viele Banken seien nicht bereit, vertrauliche Informationen in Video-Chats oder am Telefon auszutauschen. «Ausserdem sind die scheinbar nebensächlichen Gespräche am Rande der Gruppenveranstaltungen, bei Apéros und Essen enorm wichtig, um Vertrauen aufzubauen», ist Stierli überzeugt. Auch wenn vor Investitionsentscheiden viel Zahlen herumgereicht werden, spiele das Bauchgefühl, Sympathien oder Antipathien, nach wie vor eine wichtige Rolle, wenn es darum geht, jemandem sein Geld anzuvertrauen.

Auch um die eigene Story an den Mann zu bringen, setzt Stierli auf ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht. Da coronabedingt alle Cafés geschlossen sind, findet es kurzerhand bei ihr zu Hause statt. Die gebürtige Engländerin zieht Tee vor. Die dazu servierten selbst gebackenen Scones mit Rahm und hausgemachter Erdbeerkonfitüre schmecken ausgezeichnet. Auch Stierli glaubt, dass sie heute besonders gut gelungen sind. «Jahrelang waren meine Scones zu trocken und brüchig», räumt sie offen ein. Aber zurück zu den glücklichen Wendungen in ihrem Leben.

Dass sie nach einigen Umzügen ins Parterre eines alten Herrenhauses im Zentrum einer Goldküstengemeinde gezogen ist, sei auch so ein Zufall. «Mein Sohn sagt zwar, ich schaffe mir mein Glück selbst, weil ich immer offen für neue Ideen bin, flexibel, transparent und absolut ehrlich.» Sie glaubt, dass auch ihre Kunden diese Eigenschaften schätzen. Im Kommunikationsgeschäft sind sie nicht unbedingt üblich. Es tummeln sich viele Spin-Doktoren, die Schattenseiten in helles Licht zu verwandeln suchen. Es gibt aber auch Unternehmen, die es mit der Wahrheit nicht immer so genau nehmen. Diesbezüglich hat Stierli in all den Jahren ebenfalls Glück gehabt, wie sie sagt.

Die Kunden, für die sie Präsentationen organisierte, hätten sich in der Regel als gute Investments erwiesen. Angefangen hat das Ganze mit einem glücklichen Zufall. 1991 musste die PR-Agentur in Zürich dichtmachen, für die Stierli gearbeitet hatte. Bei einem Galeriebesuch in London sei sie mit einem Mann ins Gespräch gekommen. Es stellte sich heraus, dass er eine neue US-Börse namens Nasdaq in Europa vertrat und einen Investor-Relations-Partner suchte. «Fünf Jahre lang habe ich dann fast ausschliesslich für die gearbeitet», erinnert sich Stierli. Regelmässig habe sie Unternehmensführer auf ihren Werbetouren durch Europa begleitet. Darunter seien auch Gründer und CEO von heute weltbekannten Technologiefirmen gewesen. Sie will in diesem Artikel kein Namedropping sehen, aber FuW darf immerhin schreiben, dass einer der Software-Unternehmer einige Jahre lang als reichster Mensch galt. «Nach drei, vier Jahren habe ich eine gewisse Bekanntheit erlangt», sagt Stierli. Weitere Aufträge seien durch Empfehlungen eingetroffen. «Ich habe nie Werbung gemacht», beteuert die Investor-Relations-Spezialistin.

Natürlich gab es auch einige peinliche Momente und Pannen zu überstehen. Der CEO eines Unternehmens, das anderen CEO beibringen wollte, wie sie ihre Präsentationen verbessern können, habe während seines Vortrags andauernd mit dem Kleingeld in seiner Hosentasche gespielt, was wegen des Mikrofons für alle gut hörbar gewesen sei. «Vor dem nächsten Auftritt habe ich ihn aufgefordert, mir seine Münzen auszuhändigen», erzählt Stierli lachend. Die häufigsten Fehler, die CEO begingen, sei zu lange reden, zu viel Fachjargon und bei Fragen nicht genau hinzuhören. Stierli hofft, dass das Geschäft bald wieder anläuft und sie mit ihren Kunden wieder auf Vortragstournee gehen kann. In der Zwischenzeit hat sie auch den Onlineshop thjngs.ch gegründet, über den sie einige ihrer Sammelobjekte verkauft.

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