Kaffee mit…

Katharina Ammann, Direktorin des Aargauer Kunsthauses

Künftig soll ein Jahresthema den Rahmen für die Ausstellungen setzen. Ein roter Faden durch das Jahr. So stellt es sich Katharina Ammann, die neue Direktorin des Aargauer Kunsthauses, vor. Fokussieren möchte sie die Sammlung – die umfassendste an Schweizer Kunst – mit Werken aus dem 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Doch auch aktuelle Trends wie Klima, Gender oder ­Entglobalisierung sollen behandelt werden. Einen Gegensatz stellt das für Ammann nicht dar. «Die Kunst ist heutzutage global geprägt. Themen enden nicht an den Landesgrenzen.» Künstlerinnen und Künstler studierten oft im Ausland. Ihre Erfahrungen fänden immer auch Niederschlag in ihrer Kunst. «Diesem freien Denken, das vielleicht auch mehr Fragen als Antworten bringt, möchten wir eine Plattform geben», stellt die Direktorin nach dem Mittags-Espresso in der lichtdurchfluteten Cafeteria des Kunsthauses Aarau fest.

Die gebürtige Thurgauerin kennt die Kunstwelt der Schweiz. Fach­wissen bringt sie aus den Kunstmuseen Solothurn und Graubünden mit, wo sie unter anderem als Kuratorin wirkte. Die vergangenen fünf Jahre widmete sie sich der Wissenschaft, als Leiterin der Abteilung der Kunst­geschichte des Schweizerischen Instituts für Kunstwissenschaften (SIK-ISEA). Die Tätigkeit in Aarau umfasse vor allem klassische Führungs­aufgaben wie Personalführung, Finanzen, Fundraising, die Kontaktpflege mit dem Kanton und vereinzelt kuratorische Aufgaben, sagt sie.

Sichtbar werden die Akzente von Ammann erst im Herbst 2021. Dass das Kunsthaus wegen der coronabedingten Schliessung die Digitalisierungsprojekte schneller vorantreiben musste, sieht die 47-Jährige positiv: «Wir schöpfen unser Potenzial nicht aus.» Interessant seien Ansätze wie derjenige des Tate Museum. Dort sei es nicht nur möglich, virtuell durch die Ausstellungen zu gehen. Auch blieben sie für Besucher selbst nach Ausstellungsende weiterhin zugänglich. Für das Kunsthaus Aarau biete die Digitalisierung die Chance, ein neues Publikum zu erschliessen und einen neuen Zugang zur Kunst zu schaffen. Während des Lockdown habe das Kunsthaus ein Pilotprojekt realisiert, bei dem die Nutzer eine eigene Ausstellung schaffen konnten. Partizipation sei besonders für das jüngere Publikum zentral. «Es ist eine gewisse Selbstermächtigung der Kunst. Jede und jeder kann so ein eigenes Referenzsystem schaffen.»

Als Allzwecklösung sieht Ammann die Digitalisierung aber nicht. Heute komme vermehrt das Gefühl auf, alles speichern und aufbewahren zu können. «Nicht alles ist es wert, aufbewahrt zu werden.» Die Bewertung sei extrem wichtig. Ammann erklärt: «Sammeln ist immer auch ein Auswählen. Man schafft eine kollektive Erinnerung, wenn man eine Sammlung aufbaut.» Eine Frage, die sich bei der Entwicklung einer Sammlung stelle, sei beispielsweise, ob die Geschichte, die man schreibe, Mehrheiten oder Minderheiten repräsentiere. Es sei wichtig zu beurteilen, wie man eine Sammlung langfristig weiterentwickeln wolle. «Aber diese Entscheidungen treffe ich nicht allein in meinem Chämmerli. Sie werden gemeinsam mit der Sammlungskommission gefällt.»

Finanziell unterstehen das Gebäude und sein Betrieb dem Kanton. Die Ausstellungen und ihre Vermittlung werden vom Aargauischen Kunst­verein getragen. Das jährliche Ausstellungsbudget beträgt zwischen 1,5 und 1,8 Mio. Fr. Um Projekte zu finanzieren, werden daneben Drittmittel gesucht, zum Beispiel von Unternehmen, Stiftungen oder Privaten.

Die Sammlung des Kunsthauses ist etwas über Jahrzehnte Gewachsenes. Sie entstand durch Zukäufe, Schenkungen und Erbschaften. Was passiert mit Werken, die im Laufe der Zeit aussortiert werden? «Das gibt es bei uns nicht. Als öffentliche Institution sind wir verpflichtet, nichts abzustossen.» So könne nachvollzogen werden, was wann gekauft worden sei. Werke und der Zeitpunkt ihrer Anschaffung sagten immer etwas über die Zeit aus, in der man sich für sie interessierte. «Würden wir Werke verkaufen, wäre das Geschichtsklitterung.» Das löse das Platzproblem in den Lagern natürlich nicht. Wie wirkt man dieser Knappheit entgegen? «Heute sind wir viel strikter in der Auswahl. Schenkungen nehmen wir nicht mehr als Ganzes entgegen, sondern prüfen sie Stück für Stück.» Denn ­jedes Werk bedeute konservatorischen Aufwand und Erhaltungskosten. Was gesammelt werde, sei kontextabhängig – von globalen Trends wie auch von der Strategie des Kunsthauses.

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