Kaffee mit…

Lior und Morris Etter, Social Entrepreneurs

Das «Nordpol» bleibt an diesem regnerischen Nachmittag Ende August geschlossen. Statt im Lokal, an dem sie selbst beteiligt sind, erwarten mich die Brüder Lior und Morris Etter im Restaurant «Pura» in der Luzerner Altstadt. Natürlich wird auch hier Leitungswasser in den beschrifteten Karaffen ausgeschenkt: Gemeinsam haben die Brüder vor sieben Jahren Wasser für Wasser (WfW) ins Leben gerufen.

Das «Puro» ist eines von 62 Lokalen in der Schweiz, die zugunsten der Non-Profit-Organisation kein Wasser aus Flaschen mehr verkaufen, sondern nur auf Leitungswasser setzen. WfW Green, wie das Konzept heisst, gibt es seit 2016. «Im Schnitt überweisen uns die Wirte 10% der Einnahmen aus dem Wasserverkauf, die in die WfW-Projektarbeit Afrika fliessen.» Damit sei das Modell nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern im Schnitt sogar lukrativer als das ursprüngliche Konzept WfW Classic, bei dem mittlerweile 248 Restaurants neben dem herkömmlichen Angebot Leitungswasser anbieten und den Ertrag für die Projekte in Sambia und Mosambik spenden.

Zu Beginn des gemeinsamen Unternehmens stand ein Schicksalsschlag: der Tod des dritten Bruders 2011. Eine Rückkehr in den Alltag war für Lior und Morris Etter, damals Anfang und Mitte zwanzig, nicht denkbar. «Die Geschehnisse haben auch unsere Idee einer Karriere verändert», sagt Morris heute.

Jobaussichten und frühere Interessen hätten plötzlich eine untergeordnete Rolle gespielt. WfW ist für beide so etwas wie ein zweiter beruflicher Lebensabschnitt. Lior spielte im Mittelfeld des FC Luzern in der höchsten Schweizer Liga und war dabei, sich als Profifussballer zu etablieren. Morris wollte nach dem Bachelor in Internationalen Beziehungen eine Laufbahn im diplomatischen Dienst einschlagen.

Aus der Idee, gemeinsam etwas anzupacken, wurde schnell Ernst: «Wir hatten keinen Businessplan.» Aber von Anfang an seien sie mit einer grossen Ernsthaftigkeit dabei gewesen. «Wir hatten uns schon vorher auf jede mögliche Frage eine Antwort überlegt.» Gänzlich neu war ihr Konzept nicht, andere hatten bereits Ähnliches probiert – ohne vergleichbaren Erfolg. «Wir wussten, was wir nicht wussten, und waren uns nicht zu schade nachzufragen», wirft Lior ein. «Selbst wenn einer schon abgewinkt hatte, bist du nochmals hingegangen, Lior, und hast gesagt ‹Ich hätte nur noch eine kurze Frage›.»

Heute profitiert das Unternehmen von diesem Netzwerk. «Wir hatten eine grosse Resilienz gegenüber Vorurteilen», blickt Morris zurück. Viele hätten ihre Idee von Beginn weg abgetan, die Projekte mit afrikanischen Partnern umzusetzen und dann erst noch im Bereich der Gastronomie zu arbeiten. Am Anfang hätten ihnen der Gründer-Drive und die Überzeugung, etwas Positives bewirken zu können, geholfen, Wirte und andere Partner trotz ihrer geringen Erfahrung zu überzeugen. Zu zweit fuhren sie durch die Innerschweiz und stellten ihre Idee in ganz verschiedenen Lokalen vor. Die grosse Beharrlichkeit zahlte sich aus. Im Gespräch wird schnell klar: Die beiden Brüder ergänzen sich.

Die Einnahmen aus dem Schweizer Geschäft investiert WfW zum einen in die Förderung des Leitungswasserkonsums in der Schweiz und zum anderen in Projekte in urbanen Gegenden Afrikas – in Sambia und Mosambik. «Es geht um die Wasser- und die Abwasserversorgung als Ganzes.» Das Engagement ist vielfältig. So haben die Luzerner in der sambischen Hauptstadt Lusaka ein Programm ins Leben gerufen, in dem Sanitäre ausgebildet werden.

Das Ziel ist der Wasseranschluss im Privathaushalt. Das ist aber nicht überall so realisierbar. Sambia stehe stellvertretend für viele Länder des südlichen Afrikas: In den rasant wachsenden städtischen Gebieten fehlt das Verteilnetz zu Beginn oft gänzlich. Als Übergangslösung gibt es «Wasserkioske», wo die Bevölkerung sauberes Trinkwasser kaufen kann.

«Auch dort soll der Service für sauberes Wasser seinen Preis haben.» Das ist ein wichtiges Anliegen von WfW: die Bevölkerung zu sensibilisieren, dass sauberes Wasser einen Wert hat – ob in der Schweiz oder im Ausland. Die Non-Profit-Organisation investierte nie à fonds perdu. «Jeder in sauberes Trinkwasser investierte Dollar bringt einen vier- bis zwölffachen wirtschaftlichen Ertrag, etwa weil Krankheiten vorgebeugt wird.»

Heute arbeiten bei WfW fünfzehn Personen, unterstützt von Ehrenamtlichen. «Dadurch verteilt sich die Verantwortung, und mehr Entwicklung ist möglich.» Gleichzeitig brauche es klarere Strukturen. Eine Trennung zwischen Privatleben und Beruf gebe es aber auch heute kaum, sagt Lior – und checkt seine E-Mails. Kürzlich hat wieder eine neue Phase begonnen, für das Unternehmen und privat.

WfW Büro –  2014 lanciert – ist dank mittlerweile 185 Partnern sichtbarer geworden. Dabei verzichten Betriebe wie der Liftbauer Schindler auf Wasser aus Flaschen und haben in allen Büros Wasserspender installiert. «Jedes Unternehmen braucht eine Lösung für den Wasserkonsum. Dieses Geschäft ist skalierbar.»

Im August ist Lior zudem Vater geworden, als Erster im Betrieb. «Ich nehme zwei Wochen frei – mehr lässt meine Arbeit derzeit nicht zu. Sollten andere im Team Kinder bekommen, hoffe ich, dass mehr Vaterzeit möglich sein wird.» Morris reiste nach dem Treffen weiter. Die letzten Jahre hat er mehrheitlich im Ausland verbracht – auch für WfW. Für beide ist klar: «Es gab keine andere Möglichkeit, als das alles zusammen zu tun.»


Mehr zu Wasser für Wasser (WfW) finden Sie hier.

, Closing Bell / Kaffee mit