Kaffee mit…

Marie Tuil, Mitgründerin von Direct Coffee und Solarbalkon

«Der Dorfälteste nahm mir den Kürbis aus der Hand, der randvoll mit Honigwein gefüllt war, nahm einen Schluck und spuckte uns mit dem klebrigen Getränk an», schildert Marie Tuil amüsiert ein Erlebnis während ihrer Hochzeitsreise in Äthiopien. Die dazu servierte gebratene Ziege vermochte den Kater durch den Genuss des Honigweins nicht ganz zu verhindern. Die Dorfbewohner hatten die Hochzeitsfeier für die frisch Vermählten spontan auf die Beine gestellt, das Bespucken ist eine schöne Tradition in diesem Dorf im Süden des Landes. Doch die Kopfschmerzen am nächsten Tag sollten nicht die einzige Folge der Flitterwochen bleiben.

Land und Leute faszinierten Marie und Michael Tuil, die damals, im Jahr 2015, noch in Casablanca lebten. Äthiopien ist das Ursprungsland des Kaffees und das einzige Land auf dem afrikanischen Kontinent, das nie kolonialisiert wurde, auch wenn die italienischen Besatzer dies von 1936 bis 1941 anstrebten. Das junge Paar war fasziniert von der Gastfreundschaft der Leute und bewunderte die Kaffeezeremonie, die fester Bestandteil der Bewirtung auch in den einfachsten Behausungen ist. Kurzentschlossen hängten die beiden ihre Jobs als Wirtschaftsjournalistin und als Unternehmensberater an den Nagel und beschlossen, fortan äthiopischen Kaffee in die Schweiz zu importieren und hierzulande zu vertreiben.

Der Deutschen aus Stuttgart und ihrem Genfer Mann ist dabei wichtig, so viel Wertschöpfung wie nur möglich in dem afrikanischen Land zu belassen. Mit einem Teil des Gewinns aus Direct Coffee finanzieren sie sorgfältig ausgewählte Sozialprojekte. Pro Päckchen Waldkaffee à 350 Gramm mit Verkaufswert von 15.50 Fr. fliesst 1 Fr. in Projekte. «Als wir Schulen in Äthiopien besuchten, fiel uns auf, dass keines der Kinder eine Brille trug», erklärt Marie. Dabei kostet eine lokal produzierte Brille oft nur 1 $. Dieses Jahr wollen sie daher Sehtests organisieren und Brillen für die Kinder herstellen lassen, sobald das Reisen wieder möglich ist.

Der Kaffee der Tuils ist nicht als Fair-Trade-Produkt zertifiziert, obwohl der grösste Teil der Herstellung in Handarbeit geschieht und die Bauern mehr am Gewinn beteiligt werden, als dies sonst üblich ist. Das Zertifikat ist teuer. Fair Trade bedeutet, dass einmal im Jahr ein Kontrolleur vorbeikommt – mit Voranmeldung –, um Herstellung und Arbeitsbedingungen zu überprüfen. Stattdessen organisiert das Paar Kundenreisen in das Land, wo man sich vor Ort von den fairen Herstellungsbedingungen überzeugen kann. Kinder, die mitarbeiten müssten, hat Marie Tuil auch bei Überraschungsbesuchen noch nie angetroffen, wie sie mir versichert.

Äthiopien ist eines der grössten Exportländer für Kaffeebohnen, die heimischen Arabica-Bohnen sind unter Geniessern für Spitzenqualität und aussergewöhnliche Aromen bekannt. Anders als in Südamerika, wo die Kaffeeplantagen mehrheitlich in Monokultur betrieben werden, wachsen die Kaffeestauden in Äthiopien oft in naturbelassenen Waldgärten. Geerntet wird nur einmal im Jahr, im November und Dezember, und der Ertrag wird dann in einer Kooperative gebündelt. Die Tuils importieren die ungerösteten Bohnen jeweils nach der Erntezeit in Afrika. «Ungeröstet bleiben die Bohnen viel länger frisch», erklärt mir die Unternehmerin während unseres Videogesprächs mit einer dampfenden Tasse des hauseigenen Kaffees in der Hand. Das Geschäft wächst erfreulich. Anfangs importierten die Start-up-Gründer zwei Tonnen Kaffee pro Jahr, jetzt sind sie bei fünfzehn Tonnen angelangt, obwohl sie bei der Vermarktung nur auf Mundpropaganda setzen. Fremdkapitalgeber brauchen und wollen sie nicht. «Wir streben nachhaltiges und langsames Wachstum an und verzichten auf grosse Werbeausgaben», erläutert Marie.

Kaum Kenner des Kaffeemarktes, wendeten sich die Unternehmer einer neuen Idee zu. Die Klimakrise beschäftigt die jungen Eltern. Auf einem Spaziergang mit den Kindern kam ihnen die Idee, mit Solarzellen auf dem Balkon eigenen grünen Strom zu erzeugen. Mit dem Start-up Solarbalkon ist die Geschäftsidee bereits umgesetzt worden. Neben ­Kaffee vertreiben die Tuils seit letztem Jahr auch leichte Solarpanels, die sich unkompliziert an einem Balkongeländer oder einem anderen exponierten Ort befestigen lassen. Einmal angebracht, muss das Panel noch in die Aussensteckdose eingesteckt werden, und schon fliesst der selbst erzeugte Strom durch die Leitungen. Die so erzeugte Energie wird von den Haushaltsgeräten, die ständig eingeschaltet sind, wie Kühlschrank oder Internetbox, direkt aufgebraucht. Der Solarstrom wird vor dem Zähler in der Wohnung eingespeist, sodass sich der Bezug aus dem allgemeinen Stromnetz entsprechend verringert.

Ein durchschnittlicher Single-Haushalt in der Schweiz könne dadurch ein Drittel des Strombezugs einsparen. Das grosse Panel erzeugt 600 Kilowattstunden an Strom pro Jahr. Weil die Panels einfach zu handhaben sind, hatte auch das eidgenössische Starkstrominspektorat keine Einwände gegen das Produkt. Ideentechnisch scheint das Paar selbst unter Strom zu stehen. Man darf gespannt sein, welches nachhaltige Projekt als Nächstes angegangen wird.

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