Kaffee mit…

Marion Schafroth, Präsidentin Exit

«Das kann es ja nicht sein», dachte sich die junge Ärztin Marion Schafroth. In ihrer Zeit als Assistenzärztin bekam die heute 61-jährige Anästhesistin mehrfach mit, wie sich unheilbar kranke Patienten aus dem Spitalfenster stürzten und so ihrem Leiden ein Ende machten. Nicht allen war zu jener Zeit dieses Ausmass an Selbstbestimmung vergönnt. Beim Kaffee (eigentlich Grüntee) mit FuW beschreibt sie auch eine Situation, in der eine Patientin zwecks lebensrettender Massnahmen auf die Intensivstation einge­liefert wurde – gegen ihren ausdrücklichen Wunsch. Sie hatte eine Lungenentzündung und war wegen einer erblich bedingten zunehmenden Verknöcherung der gesamten Muskulatur bereits bewegungsunfähig und pflegebedürftig. Statt sich am Willen der Patientin zu orientieren, wurde entschieden, mit dem Pfarrer zu reden und so sicherzugehen, dass es tatsächlich in Ordnung war, die Patientin sterben zu lassen.

Dass solche Szenen in der Schweiz grösstenteils der Vergangenheit ­angehören, ist auch das Verdienst der Sterbehilfeorganisation Exit, deren Präsidentin Schafroth heute ist. Der Verein bezeichnet sich selbst als eine der grössten derartigen Organisationen weltweit. Er hat gut 135 000 Mitglieder, obwohl er ausschliesslich in der Schweiz tätig ist. ­Vergangenes Jahr starben insgesamt 913 Menschen mit der Hilfe der ­Freitodbegleiter von Exit, wobei in mehr als jedem dritten Fall eine Krebserkrankung der Beweggrund war.

Marion Schafroths Karriere verlief nicht in einer geraden Linie von der Assistenzärztin an die Spitze von Exit. Als Ärztin spezialisierte sie sich auf Anästhesie – ein Fachgebiet, in dem man bei einer Behandlung sofort Wirkung sehe und entsprechend nah am Geschehen sei. Ohne jedoch so sehr im Vordergrund zu stehen wie die Chirurgen, die den eigentlichen Eingriff vornehmen. Ein Fachgebiet auch, das sich vergleichsweise gut mit dem Familienleben in Einklang bringen lässt, sagt Schafroth, die zwei erwachsene Kinder hat. Nach ihrer Zeit als Spitalärztin machte sie sich in Liestal mit einer Anästhesiepraxis selbständig. Sie arbeitet – heute noch an etwa zwei Tagen pro Woche – in Arztpraxen, in denen gewisse kleinere Eingriffe ambulant durchgeführt werden. Ebenfalls im Hauptort von Baselland politisierte sie von 2004 bis 2016 für die FDP im Stadtrat.

Die entsprechende Erfahrung merkt man der Vereinspräsidentin durchaus an: Beim entspannten Gespräch im Caffè Livro der Kantons­bibliothek Baselland bringen kritische Fragen sie nicht in Verlegenheit. Ihre Ausführungen machen deutlich, weshalb Exit die – gemessen an den Mitgliederzahlen – erfolgreichste der Schweizer Sterbehilfeorganisationen ist: 39 Jahre nach der Gründung ist die Idee, dass unerträglich leidende Menschen ein Recht auf einen selbstbestimmten Tod haben, in der Bevölkerung breit akzeptiert. Dennoch sind längst nicht alle Ärzte bereit, dabei zu helfen – teilweise aus ideologischen Gründen, manchmal wegen Unsicherheit bezüglich der Rechtslage. Schafroth wollte sich ursprünglich als Freitodbegleiterin engagieren. Stattdessen wurde sie auf Bitte von Exit als Konsiliarärztin tätig, die bereit ist, in begründeten Fällen nach Gesprächen mit den Sterbewilligen das dafür benötigte Mittel zu verschreiben.

Möglicherweise wäre Exit weniger erfolgreich, würde Schafroth – wie dies einzelne Stimmen innerhalb des Vereins gefordert haben – die rezeptfreie Abgabe von Natrium-Pentobarbital befürworten, das auch zum Einschläfern von Tieren eingesetzt wird. Dies würde es allen sterbewilligen Personen erlauben, ihrem Leben schnell und schmerzlos ein Ende zu setzen. Ohne diesen Wunsch zuerst mit einem Arzt diskutieren zu müssen.

Doch im internationalen Vergleich ist schon die zurückhaltende Position von Exit radikal. Schafroth berichtet von Einladungen nach Deutschland oder Österreich, wo allein ihre Anwesenheit schon einen kleinen ­Tabubruch darstellte. In Deutschland hat das Bundesverfassungsgericht das Verbot der Sterbehilfe erst Anfang 2020 annulliert. In Österreich wiederum habe vielleicht der vergleichsweise starke Einfluss der Kirche mit der Zurückhaltung zu tun, mutmasst die Schweizerin.

Sie findet es denn auch «erstaunlich, wirklich erstaunlich», dass sie kaum jemals mit negativen Reaktionen auf ihr Amt konfrontiert ist. Schafroth erinnert sich an vereinzelte Briefe, in denen vor negativen Auswir­kungen des Suizids auf das nächste Leben gewarnt wurde. «Unter die ­Gürtellinie» sei die Kritik aber nie gegangen.

Kommt doch Kritik, schwingen häufig Ängste mit. Namentlich der Altersfreitod löst Befürchtungen aus. Dabei nehmen die Sterbewilligen nicht aufgrund einer einzelnen schweren Krankheit, sondern wegen der verloren gegangenen Lebensqualität mit Exit Kontakt auf. Es bestehe die Gefahr, dass alte Leute aus dem Weg geschafft würden, um Pflegekosten zu sparen, so die Kritiker. «Ein Hirngespinst», sagt Schafroth, findet jede Freitodbegleitung doch nach strengen Vorgaben und sorgfältiger Abklärung statt.

Diese Gewissheit ist wichtig. Der Bedarf nach den Dienstleistungen von Exit wird mit dem steigenden Durchschnittsalter der Bevölkerung weiter zunehmen. Je weniger Diskussionen dabei über die Motivation von Leuten geführt werden müssen, die sich in ihrem Leiden an einen Arzt wenden, desto mehr von ihnen kann geholfen werden.

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