Kaffee mit…

Markus Cadruvi, Jeans-Legende

Ledergeruch liegt in der Luft, Leder hängt an den Kleiderständern und steht in den Schuhgestellen. Daneben stapeln sich Jeanshosen bis unter die Decke, Motorrad-Accessoires liegen auf, Filzhüte und hochwertige Strickwaren. Das ist das Reich von Markus Cadruvi, der auf mehr als dreissig Jahre im Jeans-Business zurückblickt. Er verabschiedet sich von einem Kunden, den er soeben noch beraten hat, dann setzen wir uns vor das Geschäft an einen Metalltisch, direkt am Talacker beim Zürcher Paradeplatz. Kaffee gibt es keinen, aber eine schöne Aussicht auf das Treiben im Bankenviertel.

Im August 2009 eröffnete Cadruvi das Bekleidungsgeschäft DeeCee style ganz bewusst an dieser Lage, nahe bei zahlungskräftiger Kundschaft. «Bei uns kosten Jeans bis zu 400 Fr. Dafür erhält man ein hochstehendes, langlebiges Produkt. Das muss man sich leisten können und wollen», sagt er. Die Anzugträger seien offener geworden gegenüber alternativen Kleiderstilen und würden bewusst die textilen Gegensätze suchen. Zwar spüre auch er, dass die ganz fetten Jahre im Banking erst mal vorbei seien: «Die Unsicherheit hat zugenommen, das Geld sitzt weniger locker.» Doch im Unterschied zu anderen Händlern rund um die Bahnhofstrasse sei er zufrieden. Sieben Mitarbeitende kann Markus Cadruvi beschäftigen, jedes Jahr bleibt ein Gewinn übrig.

Nicht nur sind die Banker weniger spendierfreudig, im DeeCee style beobachtet man allgemein eine Abnahme der Laufkundschaft und weniger Frequenz. Eine mögliche Folge des Erfolgs von Zalando und Co. Das Internet habe aber auch viel Positives: «Viele Kunden entdecken online eine Marke und kommen dann zu uns, weil wir als eine der Wenigen diese Produkte führen.» Diese Exklusivität des Sortiments sorgt auch für einen gewissen Schutz vor Konkurrenz. Viele Produkte sind im Netz nicht erhältlich oder dann in einer Preisklasse, wo Anfassen und Anprobieren einfach Sinn ergeben. Ein eigener Webshop existiert deshalb bis jetzt nicht. Markus Cadruvi kann sich den Gang ins Netz nur mit Einschränkungen vorstellen. Etwa eine kleine Auswahl an «Basics» für Kunden, die Shirts oder Jeans nachbestellen möchten. «Das Erlebnis, das wir im Geschäft bieten, ist im Internet ohnehin nicht möglich.»

Im DeeCee style – der Name steht für Denim Casual – kann man schnell den Überblick verlieren. Die Regale sind randvoll, auch am Boden sind die Waren in mehreren Reihen aufgestellt. Anders als in vielen Kleidergeschäften orientiert man sich hier drin nicht an kurzfristigen Trends – Slowfashion könnte man es nennen. Weil der modische Druck praktisch fehlt, findet aber auch seltener ein Ausverkauf statt. Ganz bewusst werden Artikel geführt, die selten über den Ladentisch gehen, aber jemandem eine spezielle Freude bereiten. Das macht das Lagermanagement des sowieso schon kapitalintensiven Geschäfts noch anspruchsvoller. Bei einem derart breiten Sortiment ist die Beratung entscheidend – ein weiterer Grund, weshalb sich der Gang an den Talacker lohnen soll. Das Team hat den Anspruch, dass Kunden die Geschichte hinter jedem Produkt erfahren, über Herstellung und Herkunft informiert werden. Das Gespräch dreht sich dann um das traditionelle Nähen eines Lederschuhs oder die Fertigung einer japanischen Jeans. Die Japaner haben sich unter Denim-Kennern einen Namen gemacht, weil sie auf Webstühlen produzieren, welche die Amerikaner einst nach Asien verkauften. Die Kundschaft ist gleichzeitig die grösste Inspirationsquelle: «Die Zürcher Männer sind offener und mutiger geworden. Das ist auch wieder ein Vorteil des Internets: Die Lust am Experimentieren nimmt zu», sagt der Ladenbesitzer.

Trotz aller Offenheit zählen die Zürcherinnen und Zürcher nicht zur modischen Avantgarde. Die grossen Trends werden nach wie vor in London, New York oder Tokio gesetzt und kommen hierzulande mit einer Verzögerung an. «Wenn ich im Ausland einkaufe, entdecke ich Produkte, die in der Schweiz noch gar nicht angesagt sind. Dann muss ich eine oder zwei Saisons warten, bis die Nachfrage anzieht.» Derzeit baut Markus Cadruvi sein Sortiment ganz leicht aus in Richtung «Street Style». Das kann zum Beispiel eine Trainerhose sein, die auch im Alltag funktioniert. Damit sollen etwas jüngere Personen angesprochen werden. Was Cadruvi im eigenen Laden anbietet, lebt er selbst vor. Sein persönlicher Stil hat sich in den letzten Jahren nicht verändert: Jeans oder eine Arbeitshose trägt er täglich, seit er zwanzig ist. Die Lederschuhe von Alden aus den USA stecken schon jahrelang an seinen Füssen. «Momentan lese ich überall über Nachhaltigkeit. Wenn ein Bio-T-Shirt aber 9 Fr. kostet und dann nach wenigen Wochen wieder weggeworfen wird, ist das nicht nachhaltig.»

Nach zehn Jahren DeeCee style ist Markus Cadruvi noch voller Tatendrang, seine eigene Zukunft hat er deshalb nicht durchgeplant. Noch fehlt ihm eine Nachfolgelösung, finanziell ist er aber abgesichert. Einerseits konnte er regelmässig Geld zur Seite legen. Andererseits besitzt er eine zweite Firma, die wiederverwendbare Einkaufstaschen für den Detailhandel herstellt. Damit könnte er auch nach der Pensionierung noch weiterarbeiten. Etwas hat der gebürtige Basler aber noch vor. «Ich möchte die Banken dazu bringen, ihre Kleidervorschriften weiter zu lockern», sagt er mit einem Schmunzeln.

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