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Matthias Hüppi, Präsident FC St. Gallen

Fussball zur Weihnachtszeit? Eigentlich kennt man das nur aus England, wo die Spiele besonders in der Altjahrswoche Tradition haben. In der Schweiz sind die Fussballprofis zu dieser Zeit normalerweise schon in den Ferien. Doch 2020 ist auch in dieser Hinsicht etwas anders. Die Schweizer Super League führt den letzten Spieltag des Kalenderjahres am 23. Dezember durch.

Die Tabelle zeigt sich nach gut einem Drittel der Saison unübersichtlich. «Es deutet einiges darauf hin, dass es in dieser Spielzeit eng wird – ganz eng», prophezeit Matthias Hüppi (62), Präsident des FC St. Gallen. Für ihn sind Basel und die Young Boys aus Bern klar zu favorisieren. «Doch wenn wir über uns hinauswachsen, können wir sie ärgern.»

Dem Ostschweizer Fussballclub ist das unter der Ägide von Hüppi bereits mehrmals gelungen. Seit der ehemalige SRF-Sportjournalist im Dezember 2017 zum Präsidenten nominiert wurde, zeigt die Trendlinie nach oben. St. Gallen hat sich wirtschaftlich stabilisiert und spielt nicht mehr nur abseits des Platzes eine Rolle. Der bisherige Höhepunkt war die Saison 2019/20. Die Espen führten lange die Tabelle an. Nach einem denkwürdigen Spiel Ende Februar gegen YB, das 3:3 endete, folgte die coronabedingte Zwangspause. Als die Meisterschaft im Sommer vor leeren Rängen wieder aufgenommen wurde, rutschten sie noch auf Platz 2 ab.

Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn Corona die Zuschauer nicht aus dem Stadion vertrieben und dem Club so einen enormen Rückhalt genommen hätte. Hüppi bläst deswegen nicht Trübsal. Er gibt aber zu, dass ihm die Bilder aus dem Jahr 2000 durch den Kopf geschwirrt sind, als die ganze Ostschweiz den letzten Meistertitel des FC St. Gallen gefeiert hat. Doch wenn man die Liga gewinne und nicht feiern dürfe sei das übel, besonders für die Ostschweiz, die so eine enge Beziehung zum Club pflegt.

Bis heute können die Fans nicht zu ihren Plätzen im Stadion und das wird für einige Zeit so bleiben. «Den Kybunpark so leer zu sehen, bereitet Schmerzen», gesteht Hüppi. Vor allem aber hinterlässt es finanzielle Schrammen. Wegen dem grossen Enthusiasmus in der Region hätte St. Gallen 2020 mehrere Heimspiele mit vollen Rängen durchführen können. Statt toller Stimmung und einer vollen Kasse sind aber «pro Spiel in einer vollen Arena Gesamteinnahmen von rund 400’000 Fr. durch die Finger geronnen». Deftig sei das, weil rund 45% des Budgets von unmittelbaren Einnahmen am Spieltag abhängen.

Trotz Einbussen sieht Hüppi den Verein in einer stabilen finanziellen Situation. Ein strukturelles Defizit, das im Fussball und im Eishockey weit verbreitet sei, wolle man vermeiden. Dafür setzen die Espen auf die eigene Jugend, bilden Spieler weiter und verkaufen sie bestenfalls mit Gewinn. Dass dies bisher gut gelungen ist, zeigt das Ergebnis zum Geschäftsjahr 2019/20.

Dass der FC St. Gallen heute auf einem soliden Fundament steht, hat viel mit seinen Sponsoren und Fans zu tun. «Die Solidarität ist überwältigend. Kein Partner ist bisher von Bord gegangen. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich», betont Hüppi. Auch die Fans halten die Treue. «Kaum einer forderte eine Rückerstattung seines Saisonabos, weder für die vergangene Spielzeit noch für die aktuelle.»

Als Dank an die Fans ist am Spielfeldrand eine achtzig Meter lange Solidaritätswand installiert. Auf ihr sind über 7500 Saisonkarteninhaber aufgelistet, die das ausgegebene Geld nicht zurück wollen. «Es stellt sich aber die Frage, wie oft wir das den Menschen zumuten können. Ewig können wir das nicht tun.» Darum seien der Ausblick für das kommende Jahr möglichst defensiv gehalten und Rückstellungen gebildet worden. «Wenn wir mit einem blauen Auge aus der Coronakrise herauskommen, ist das in Ordnung.»

Die Tribüne A im St. Galler Kybunpark mit der Solidaritätswand. (Bild: ZVG)

Persönlich fühlt sich Hüppi durch die Solidaritätswelle mit der Ostschweiz noch verbundener, als er es als gebürtiger St. Galler ohnehin schon war. «Die Beziehung mit den Fans ist eine Strasse mit Gegenverkehr. Wir müssen unbedingt dafür sorgen, dass wir mit ihnen in Verbindung bleiben.» Das versucht der Club einerseits über die sozialen Medien und andererseits mit einer eigenen Fernsehsendung. «Damit erreichen wir mehr Menschen, als wir das in einem ausverkauften Stadion tun.»

Die Verbindung zwischen Club und Fans steht und fällt mit transparenter und dynamischer Kommunikation. Wie sie in der Ostschweiz gelebt wird, zeigt Hüppi zum Beispiel auch bei seinen Besuchen in Fachhochschulen auf. Der Club hat zudem in Deutschland bei Borussia Dortmund oder dem 1. FC Union Berlin sowie in Hamburg bei FC St. Pauli angeklopft, um herauszufinden, wie diese ihre Beziehung zu den Fans und den Sponsoren pflegen. Die Vereine wurden sorgfältig ausgewählt. «Mir imponieren Clubs, die versuchen, ihre Tradition trotz Innovation zu bewahren.» Genau das hat der Präsident mit St. Gallen, dem ältesten Fussballclub auf dem europäischen Festland, vor.

Auf sportlicher Ebene will Hüppi keine Ziele bezüglich der Tabellenplatzierung abgeben. «Das ist in dieser Liga nicht sinnvoll.» Er plant lieber langfristig. Darum haben Alain Sutter als Sportchef und Peter Zeidler als Trainer auch Verträge bis 2025. Mit ihnen will Hüppi einen langersehnten Traum der St.-Gallen-Fans erfüllen: die Qualifikation für einen europäischen Clubwettbewerb. «Ich weiss, dass sie auf Reisen gehen wollen. Dafür werden wir alles tun, aber immer im Rahmen unserer wirtschaftlichen Vorgaben. Die werden wir nicht mehr verlassen.»

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