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Michèle Sandoz, Global Head of VIP Relations der Art Basel

Vier Mal klingelt ihr Telefon während unseres Gesprächs. Es findet 21 Tage vor der Art Basel und einen Tag vor der Art Hongkong statt. Michèle Sandoz, Global Head of VIP Relations der Art Basel, wirkt gelassen. Von Nervosität keine Spur. «Mich bringt fast nichts aus der Ruhe», sagt die 56-Jährige und lässt sich auch durch die Anrufe nicht stören.

Sandoz ist seit über acht Jahren für die VIP-Beziehungen verantwortlich. Sie und ihr vierzigköpfiges Team sorgen dafür, dass Galerien während der Messe neue Kunden kennen­lernen. Ihren Job und sich selbst beschreibt Sandoz als eine «Match Making Machine». Mit ihrer offenen Art, auf Menschen zuzugehen, und dem Verständnis für Kulturen verbindet sie schon ihr Leben lang Menschen mit Kunst. Passend also zur Art Basel.

Kunst und Kultur ziehen sich wie ein roter Faden durch ihre Vita. Vor der Art Basel arbeitete Sandoz für das Auktionshaus Christie’s, wo sie einen ersten Einblick in den Kunstmarkt erhielt. In dieser Zeit entdeckten europäische Galerien die zeitgenössische chinesische Kunst. Ein Glücksfall für Sandoz, die in China gelebt hatte und sich durch ihr Studium in Sinologie mit klassischer chinesischer und japanischer Kunst auskannte.

Den Zugang zur zeitgenössischen Kunst fand sie allerdings durch die lateinamerikanische Kunst, während einer Reise durch Kuba. «Es hat mich fasziniert, den Kommunismus in einem anderen Kontext zu sehen», erinnert sie sich. Also lernte sie nach der Geburt ihres Sohnes Spanisch und befasste sich mit der zeitgenössischen lateinamerikanischen Kunst.

Geboren ist Sandoz in Simbabwe, einen Teil der Jugendjahre verbrachte sie in Niger. Die Matura machten sie und ihre Zwillingsschwester in Neuchâtel. Im Alter von zwanzig Jahren wollte sie aber weg. «Das Zwillingsein ist speziell. Ich musste irgendwann ausbrechen.» Sie reiste nach Taiwan, an einen Ort, wo sie keine Referenzen hatte und niemand sie vergleichen konnte. Als einzige Schweizerin im Flugzeug flog sie nach Taipeh. Das Fremde habe ihr nie Angst gemacht. Auch dann nicht, als zwar sie, nicht aber ihr Koffer im Fernen Osten angekommen sei. «Ich fühlte mich immer irgendwie angezogen von anderen Kulturen», sagt Sandoz.

Vor dem Kulturschock bewahrt hat sie diese Einstellung trotzdem nicht: Die Schriftzeichen, die Sprache, die Essstäbchen. «Einfach alles war anders», beschreibt sie ihre Erfahrung in der Fremde und ergänzt: «Das hat mir den Ärmel reingezogen.» Nach drei Monaten fing sie an, Chinesisch zu lernen, und konnte bis zu 4000 Schriftzeichen auswendig.

Kaum ein Vorhaben also, das Sandoz nicht packt. So auch kürzlich, als sie für eine Gala für die Versteigerung von NFT-Kunstwerken ukrainischer Künstler angefragt wurde. «Es war eine echte Challenge, so etwas Abstraktes zu verkaufen», sagt sie, die zwar Erfahrung als Auktionatorin hat, aber noch nie zuvor digitale Kunstwerke versteigert hat. Eine Auktion von NFT-Kunstwerken sei komplexer, da zusätzlich erklärt werden müsse, wie ein solches Kunstwerk funktioniere. «Die Faszination für NFT ist bei vielen Leuten vorhanden, aber sie trauen sich oft zu wenig zu», meint Sandoz. Die Erklärungen waren erfolgreich: An dieser Auktion seien viele zu ihrem ersten NFT-Kunstwerk gekommen, und das für einen guten Zweck.

«NFT ist ein grosses Thema, das man nicht mehr umgehen kann», kommentiert Sandoz, die von der neuen Ästhetik der digitalen Kunstwerke fasziniert ist. Sie sieht darin eine Chance. «Neue Leute flirten dadurch mit zeitgenössischer Kunst. Gleichzeitig interessieren sich auch die klassischen Kunstsammler für das neue Medium», sagt sie. «Insofern treffen sich auf dieser Kunstplattform zwei Welten.»

Brücken bauen – das ist laut Sandoz eine der gesellschaftlichen Rollen von Kunst. «It’s an enabler, it’s a healer, it connects, it offers solutions», zählt Sandoz weitere Funktionen von Kunst auf. Wie so oft, wenn sie im Redefluss ist, wechselt sie dabei locker zwischen den Sprachen und ergänzt: «Kunst und Kultur sind für uns Menschen essenziell. Ohne das fehlt uns etwas.» Sie ist überzeugt: «Künstler finden Lösungen für die grossen gesellschaftlichen Themen. Künstler haben etwas zu sagen.»

Bei ihrem nächsten Job geht es denn auch genau darum, mit Kunst Brücken zwischen Kulturen, Ländern und Menschen zu bauen. Nach über acht Jahren bei der Art Basel wird Sandoz, die immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen ist, für das Internationale Komitee vom Roten Kreuz eine Kunstplattform mit und für Künstler in verschiedensten Ländern aufbauen. Das soll einen Dialog mit den Künstlern vor Ort ermöglichen. Im Fokus stehen dabei die 54 Länder Afrikas.

Mit diesem Projekt kommt Sandoz wieder näher zu ihrem Ursprung in Simbabwe. Den hat sie dem Mut ihrer Grossmutter zu verdanken. Mit 27 Jahren reiste diese 1939 mit dem letzten Schiff vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges von Genua nach Mosambik und folgte damit einer Annonce in der Zeitung. Das Inserat stammte von Sandoz’ Grossvater, der bereits davor ausgewandert war. Die Hochzeit fand an Ort und Stelle statt, sonst hätte die Grossmutter nicht weiterreisen können.

Nächste Woche öffnet die Art Basel die Tore. Worauf sie sich besonders freut? «Auf die Leute und darauf, die Kunstmesse so zu erleben wie noch nie.» Für Sandoz wird es die letzte als VIP-Chefin sein.

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