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Myriam Reinle, CEO von Evolute

Myriam Reinle hatte sich ihren Start im neuen Job eigentlich anders vorgestellt. Anfang März übernahm sie als CEO beim Fintech-Unternehmen Evolute und musste alsbald erst einmal ihre achtunddreissig Mitarbeiter – vierzehn davon in Zürich, vierundzwanzig Entwickler in der Ukraine – ins Homeoffice schicken. Jetzt beginnt sich die Lage beim Anbieter von Vermögensverwaltungssoftware langsam wieder zu normalisieren. «Ich habe Anfang Juni zum ersten Mal überhaupt einen unserer Kunden physisch getroffen», sagt Reinle. Die Zeit ist hart für Start-ups. «Aber die Guten werden sich trotzdem durchsetzen.»  

Wir treffen Reinle an einem sonnigen Junitag im Kreis 3. «Das beste Quartier in Zürich», wie sie sagt. Der Lockdown ist aufgehoben, die Menschen trauen sich wieder vermehrt auf die Strasse. Im Grand Café Lochergut bestellt Reinle einen Cappuccino. Leute eilen vorbei, Autos und Trams sausen die Badenerstrasse entlang. «Hier erinnert es mich irgendwie immer an Frankreich, plus sie haben die besten Pain au Chocolat.» Seit dreiundzwanzig Jahren wohnt die gebürtige Elsässerin mit rotem Pass in der Schweiz. Wegen des Lockdown hat sie ihre Freunde und Familie in Frankreich seit Februar nicht mehr besuchen können. Dafür sah man sich via Videoanruf.

Eine Herausforderung war der Lockdown auch für Reinles Unternehmen, das sich gerade neu aufgestellt hat. Evolute entwickelt Software für unabhängige Vermögensverwalter und Multi Family Offices. Für diese hat in den vergangenen Jahren die Regulierung zugenommen, was die Kosten in die Höhe treibt. Zugleich sind in der Branche die Einnahmen seit Jahren unter Druck. Zwei Entwicklungen, die unterm Strich die Gewinne schmälern. «Eine moderne Software kann hier helfen, Kosten zu sparen und effizienter zu arbeiten», sagt Reinle. Doch: «Mitten in der Krise investieren die Leute selten in neue Systeme.» Zudem war die Kundenakquise erschwert. Denn, obwohl sich Reinle in der digitalen Welt bewegt, betreiben ihre Kunden «immer noch ein sehr persönliches Business». Will das Jungunternehmen hier neue Kunden gewinnen, müssen dessen Vertreter persönlich vorstellig werden, sich und das Produkt präsentieren. Evolutes Zielgruppe sind die rund tausend unabhängigen Vermögensverwalter in der Schweiz und Liechtenstein. Die fünfundzwanzig Kunden, die das Angebot von Evolute nutzen, verwalten gesamthaft fast 10 Mrd. Fr.

Evolute gibt es seit 2016, gegründet wurde es von Michael Hartweg, der einst zusammen mit Jan Schoch und Lukas Ruflin den Derivatspezialisten Leonteq aufbaute. 2018 wurde die Fusion mit dem Regulierungsspezialisten Swisscomply aufgelöst, die Geschäftsmodelle waren zu ungleich. ­Anfang 2019 wurde Evolute 10 Mio. Fr. frisches Kapital zugesprochen, unter anderem von Partners-Group-Gründer Urs Wietlisbach und dem Ende April verstorbenen Ex-Präsidenten von UBS, Marcel Ospel. Patrick Barnert, Gründer des Regtech-Start-up Qumram übernahm als Ver­waltungsrat und CEO ad interim, bevor im März dieses Jahres dann Reinle im Chefsessel Platz nahm.

«Wir sind der Überzeugung, dass man mit Software allein schwer Geld verdienen kann», sagt Reinle. Ein Vermögensverwalter sei bereit, höchstens zwei Basispunkte, sprich maximal 0,02% an seinen verwalteten Geldern für Software auszugeben. «Das ist bei unserer Zielgruppe vielleicht ein Potenzial von 20 Mio. Fr. Umsatz», sagt Reinle. Dazu gibt es auf dem Schweizer Markt rund dreissig Mitbewerber in Evolutes ursprünglichem Geschäft. Darum will sich Evolute weiter zu einem offenen Marktplatz für Finanzprodukte und Finanzdienstleistungen entwickeln. Und hier schliesst sich der Kreis zu Myriam Reinle. Online-Marktplätze sind seit achtzehn Jahren ihre Spezialität. Vor Evolute war sie Chefin des Crowd­lending-Portals Lendico. Von 2011 bis 2015 leitete sie die Auto-Occasions-Plattform Car4You. Ihren Einstieg ins Geschäft erlebte sie als damals erst zweite Mitarbeiterin beim Immobilienportal Homegate, wo sie, nach Stationen in der UBS-Kommunikationsabteilung, zehn Jahre lang tätig war und das Marketing und Verkaufsteam für Retailkunden leitete.

Bei Evolute will sie jetzt weitere Anbieter von Finanzprodukten und Dienstleistungen rund um Vermögensverwaltung auf den Online-Marktplatz bringen. Zuletzt schloss sie eine strategische Partnerschaft mit der Prüfgesellschaft BDO. Demnächst werden Kunden Zugriff auf struk­turierten Produkte haben. Diese und weitere Angebote sollen gezielt an die ­angeschlossenen Vermögensverwalter und ihre Kunden gebracht ­werden, auch dank der cleveren Auswertung ihrer Daten. «Aus den ganzen Daten von Portfolios, Assets und Transaktionen kann man in anonymisierter Form viele Erkenntnisse gewinnen und den Kunden relevante ­Angebote machen.» Anbieter und Kunden werden so aufeinander ab­gestimmt zueinanderfinden. Am Ende sollen davon alle profitieren und Evolute damit zusätzlichen Ertrag garantieren. Reinles Ziel ist es, dass ­Evolute einst den Umsatz vor allem durch die Nutzung des Marktplatzes macht. «Dann können wir die Software vielleicht irgendwann ­sogar gratis zur Verfügung stellen.»

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