Kaffee mit…

Natascha Beller, Regisseurin und Drehbuchautorin

Drinnen ist es an diesem Montagmorgen im Grand Café Lochergut fast leer. Die Sonne scheint, die Temperatur ist mild – der Frühling ist da. Nur eine Handvoll Leute sitzt im grossräumigen Café. Eine von ihnen ist Natascha Beller, über ein Drehbuch gebeugt, der Cappuccino bereits halb leer.

Das Thema der Stunde ist die «Lex Netflix» – die Abstimmung vom 15. Mai darüber, ob unter anderem Streaming-Anbieter wie Netflix 4% des in der Schweiz erzielten Umsatzes ins hiesige Filmschaffen investieren sollen. «Das Gesetz ist enorm wichtig», sagt Beller. Ein Grund ist das Ausland. «Um uns herum gibt es vielerorts eine Investitionspflicht. In Italien beträgt sie 20% in Frankreich bis zu 26%. Wenn wir nicht mitziehen, dann wird der Unterschied bei der Förderung noch grösser.» In der Schweiz fliessen jährlich 80 Mio. Franken in die hiesige Filmbranche. Viel ist das nicht. Das Zürcher Opernhaus allein erhält mit 84 Mio. mehr. Schätzungen gehen davon aus, dass mit dem neuen Gesetz zusätzliche 18 Mio. Fr. in das Schweizer Filmschaffen fliessen wird.

Die Folge der wenigen Subventionen ist ein Teufelskreis. «Schon jetzt ent­stehen in der Schweiz wenige Filme, dadurch haben hiesige Filmschaffende weniger Übung und bekommen weniger Chancen», sagt die Vierzigjährige. Viele Talente gehen darum ins Ausland. «Sobald jemand etwas Grösseres produzieren will, müssen sie weg. Das ist schade.» Dass die Qualität vorhanden ist, zeigen unter anderem die Oscar-Nominierung 2022 für den Kurzfilm «Ala Kachuu – Take and Run» von Maria Brendle oder die Emmy-Nominierung 2018 von Lisa Bühlmann für die Regie bei «Killing Eve».

Wie hürdenreich es ist, in der Schweiz einen Film zu drehen, weiss ­Beller aus eigener Erfahrung. Weil sie mit der Verfilmung eines ihrer Drehbücher eine schlechte Erfahrung gemacht hatte, wollte sie bei der Komödie «Die fruchtbaren Jahre sind vorbei», selbst Regie führen. Fördergelder erhielt sie aber keine. Auch weil sie wohl bei einem Spielfilm noch nie ­Regie geführt hatte. Also investierte sie selbst mehr als 100’000 Franken in die Produktion. Der Film war ein Erfolg. Er lief am Filmfestival von ­Locarno, an den Solothurner Filmtagen und lockte mehr als Zehntausend Menschen in die Kinos. Darum erhielt Beller von der Schweizer Film­förderung auch eine Erfolgsprämie und bekam ihr Geld zurück. «Ein Haus kaufen kann ich mir davon aber nicht. Ich muss das Geld reinvestieren.»

Darum schreibt sie Drehbücher. Und auch weil sie so den Tag besser einteilen kann, um mit ihrer bald zweijährigen Tochter Zeit zu verbringen. Eines der vier Drehbücher an denen sie schreibt, ist für einen Historienfilm. Nicht ganz günstig. «Dafür bräuchte ich Subventionen.» Das würde sie gerne als Nächstes umsetzen. Die Zeit drängt aber nicht. Im Sommer macht sie endlich mal wieder Ferien. Deswegen hat sie auch diverse ­Anfragen ablehnen müssen. Darunter das Angebot, eine Netflix-Serie zu schreiben. «Das hat weh getan», aber sie will in ein paar Jahren nicht ­bereuen müssen, zu wenig Zeit mit ihrer Tochter verbracht zu haben.

Ganz auf Regie verzichtet sie aber nicht. Nach neun Monaten Mutterschaftsurlaub – «eigentlich hatte ich geplant ein Jahr Pause zu machen» – führte sie Regie bei der ZDFneo-Sitcom «Ruby». «Ich wollte schon immer mal eine Sitcom drehen, in der Schweiz gibt es aber keine.» Der Dreh in Köln klappte nur, weil die Produktion familienfreundlich war, und sich ihr Partner Patrick «Karpi» Karpiczenko in Deutschland um die Tochter ­kümmerte. Kennengelernt haben sich Beller und Karpi während des Filmstudiums. Seither arbeiten die zwei, die seit 2016 das Unternehmen Apéro Film leiten, immer wieder zusammen, unter anderem bei der Late-Night-Sendung «Deville» von 2016 bis 2020.

Für Beller war das der «stressigste Job» bisher. «Während der Staffel arbeitete ich sieben Tage die Woche», sagt die Tochter des vor zwei Jahren verstorbenen Bauunternehmers Walter Beller. Aber auch zwischen den Staffeln machte sie kaum Pausen. Sie schrieb für «Der Bestatter», arbeitete an ihrem Film und drehte die Serie «Advent, Advent». Damals war sie eine Workaholic. Auch wenn sie seit rund zehn Jahren nur Sachen macht, hinter denen sie stehen kann, damit sie die Freude an der Arbeit nicht verliert. Heute nimmt sie es lockerer. Auch weil die Tochter oft im Zentrum steht. Wenn auch nicht immer. Zwei Tage ist sie in der Krippe. «Diese Zeit nutzen wir, um auch mal zu zweit Zmittag zu essen. Wie heute», sagt sie und gibt die Bestellung für sich und Karpi auf.

, Closing Bell / Kaffee mit

Leser-Kommentare