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Nicolas Senn, Volksmusiker und Moderator

Die Volksmusik gehört zur Schweiz genauso wie Eiger, Mönch und Jungfrau, der Gruyère sowie die Milchschokolade. Trotzdem wird sie zum Teil belächelt. «Viele haben ein Bild von ihr, das wir eigentlich gar nicht ver­körpern wollen. Sie denken dabei an den Musikantenstadl oder an irgendwelche Menschen in Trachten, die in die Kamera lächeln.» Hinter diesem Zitat steckt Nicolas Senn (31). Er ist begeisterter Hackbrettspieler und moderiert Volksmusiksendungen im Schweizer Fernsehen.

Senn lebt für die Volksmusik. Man hört schnell, mit welch grosser Passion er seinen Beruf ausübt. Begonnen hat alles an der Olma zu Beginn der Neunziger. Drei oder vier Jahre alt sei er gewesen, als ihn seine Eltern erstmals an die beliebte Messe in der Ostschweiz mitgenommen hätten. «Dort sah ich einen Mann Hackbrett spielen, ich war von diesem Instrument sofort begeistert und sprach immer wieder davon.» Danach war erst einmal Geduld gefragt. Lange gab es niemanden, der ihm das Hackbrettspielen hätte beibringen können. Keine leichte Situation für einen solch jungen Bub, «der tagtäglich neue Ideen hat». Senn blieb hartnäckig, und im Alter von sieben Jahren konnte er seinen ersten Unterricht besuchen – endlich. «Witzig dabei ist, dass mein damaliger Musiklehrer zunächst selbst lernen musste, Hackbrett zu spielen.»

Heute unterrichtet Senn selbst. Während er damals der Einzige im Dorf war, der dieses Instrument erlernte, kommen heute zwanzig Schüler in seine Lektionen. «Man kann durchaus sagen, dass das Hackbrett jüngst einen Boom durchlebt hat. Die Lehrer und die Instrumentenbauer kamen zwischenzeitlich der Nachfrage gar nicht mehr nach.» Zu ­behaupten, dass Senn massgeblichen Anteil an diesem Aufschwung hat, ist nicht allzu fern von der Realität.

Schon in jungen Jahren begeisterte Senn das Ostschweizer Publikum. Doch schnell entdeckte man ihn auch in der restlichen Schweiz oder in Deutschland. Unter anderem war er mit dem Rapper Bligg auf Tournee, spielte vor 120’000 Zuschauern mit der Swiss Army Band am Basel Tattoo oder erklärte in «TV total», dem damals sehr beliebten TV-Format von Stefan Raab das Hackbrettspiel. Als er 2012 die Moderation der SRF-1-Sendung «Potzmusig» sowie der erst vor kurzem abgesetzten Live-Gala «Viva Volksmusik» übernahm, machte er sich auch im breiten Schweizer TV-Publikum einen Namen.

«Bis anhin lief in meiner Karriere alles organisch. Es hat sich irgendwie alles ergeben», meint Senn. Er habe nie aktiv nach etwas gesucht. Das zeige sich an der Zusammenarbeit mit Bligg. «Seine erste Anfrage musste ich ablehnen, da ich mich auf die Matura vorbereiten musste.» Als er sie erfolgreich hinter sich gebracht hat, hat der Rapper noch einmal nach­gefragt – diesmal mit Erfolg. Ebenso wenig forcierte Senn sein Engagement beim SRF. Hätte er damals eine Ausschreibung als TV-Moderator für Volksmusiksendungen gesehen, hätte er sich bestimmt nicht dafür beworben, verrät er. «Doch als mich das SRF zum Casting eingeladen hat, habe ich mir gedacht, komm, ich packe diese Chance.»

Ungeplant war auch das aktuelle Jahr, das ohnehin das Leben vieler auf den Kopf gestellt hat. «Rein zahlenmässig ist dieses Jahr brutal. Über hundert Auftritte mussten gestrichen werden.» Allerdings sieht er sich in einer privilegierten Situation, da er mit seinen Jobs als Musiklehrer und Moderator nie in existenzielle Not gekommen sei. «In der Musikszene sind längst nicht alle so unversehrt davongekommen. Ich denke dabei an alle, die nicht noch ein zweites Standbein haben, wie reine Berufsmusiker, Techniker, Bühnenbauer und Eventmanager. Das ist schon hart.» Nichtsdestotrotz hatte diese Zeit für Senn auch etwas Gutes. «Ich habe den Frühling sehr genossen und war viel in der Natur.» Einige Wanderungen habe er direkt von seiner Wohnung aus gestartet. Sein Wohnort ist zugleich auch sein Lieblingsort: der Alpstein im Appenzellerland. «Ich kenne da jeden einzelnen Weg und habe meine Geheimrouten.»

Senns Lieblingsort ist der Alpstein im Appenzellerland. (Bild: Keystone)

Geboren ist Senn im Kanton Thurgau. Doch seit dem Alter von neunzehn lebt er im Appenzellerland. Das sei kein Verrat – im Gegenteil. «Ich habe Wurzeln in Innerrhoden, im Toggenburg, in St. Gallen und bin am Bodensee aufgewachsen. Daher sehe ich mich primär als Ostschweizer.» Die Traditionen aus dem Appenzellerland haben es ihm schon als Kind angetan. «Ich habe unzählige Collagen mit Bildern vom Alpaufzug erstellt, und zur Erstkommunion wünschte ich mir eine Appenzeller Tracht.»

Die Tracht spielt in Senns Leben auch heute noch eine wichtige Rolle. An allen seinen Auftritten trägt er sie, und er hat dazu auch eine klare Meinung: «Ich habe grosse Mühe damit, wenn jemand die Tracht als Verkleidung benutzt. Sie ist kein Kostüm für die Fasnacht. Sie ist auch mehr als bloss ein Kleid. Das Tragen von Trachten muss man leben.» Zudem sei sie ein wichtiger Bestandteil der Volksmusik. Doch wie soll seine Stilrichtung künftig so wahrgenommen werden, wie Senn es will? Bei einem Cordon Bleu im Restaurant Kriegersmühle offenbart er: «Seid offen und neugierig, und dann entdeckt man an Orten, an denen man es nicht unbedingt erwartet, eine Perle – auch in der Volksmusik.»

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