Kaffee mit…

Noël Studer, Schachprofi

Die grosse Brille sei hoffentlich das Einzige, was dem Klischee eines Schachspielers entspreche, grinst Noël Studer. Wenn es um seinen Sport geht, fehlt es dem 23-jährigen Grossmeister weder an Worten noch an Emotionen. Was in der Colonial Bar in Bern schnell deutlich wird: Die Welt der Schachprofis ist ein hartes Pflaster.

Zwanzig Stunden trainiert Studer die Woche und bestreitet zwischen neunzig und hundert Wettkampftage im Jahr. Auf die Frage, wie er Resultate überhaupt verarbeiten könne, wenn er fast jeden dritten Tag eine Höchstleistung abrufen müsse, entgegnet er, dass es schwieriger sei, mit den Resultaten von Partien innerhalb eines Turniers umzugehen.

«Es ist nicht wie im Tennis. Wenn du beim US-Open einen Match verhaust, bist du draussen. Beim Schach spielst du alle Partien des Turniers. Es geht immer noch um Weltrangpunkte.» Da sei es enorm schwierig, den Fokus zu behalten. «Ich versuche dann, mich auf meine langfristigen Ziele zu konzentrieren», sagt er, nimmt einen Schluck Eistee und rutscht auf dem Barhocker zurecht.

Im Schach werden die Partien nach Bedenkzeit unterschieden. Langpartien dauern bis zu sechs Stunden, Schnellschach bis zu einer Stunde und Blitzschach zwischen fünf und fünfzehn Minuten. Für Studer haben alle Formen ihren Reiz. «Beim Laufen kannst du entweder Marathondistanz oder Sprints auf Profilevel rennen. Beim Schach ist das anders. Hier kannst du sowohl im Lang- als auch im Schnellschach auf diesem Niveau spielen.» Die Königsdisziplin seien aber die Langpartien. «Spricht man vom Schachweltmeister, meint man den Sieger in den Langpartien.»

Neben Turnieren spielt der Berner im Ligabetrieb – in der Schweiz für Luzern, in Deutschland für den FC Bayern. «Für Bayern trete ich im Fussball-Trikot an. Viele Spieler des Clubs wissen wohl selbst nicht, dass der Verein auch eine Schachabteilung hat», schmunzelt er. Zu den Spielen könne er leider kaum, doch natürlich sei er grosser FC Bayern-Fan. Vom Salär eines Fussballers kann der Schachprofi aber nur träumen. Die Preisgelder im Schach fliessen nur in die Spitze. Sein Einkommen setze sich aus Geldern von Stiftungen, Sponsoring, Unterricht und Gagen aus Ligaspielen zusammen. Dennoch, den Unterhalt zu bestreiten, sei nicht einfach.

Hat er auch mal daran gedacht, seine Karriere hinzuschmeissen? «Ja, nach dem Grossmeistertitel 2017 war es schwierig. Schweizermeister war ich zu diesem Zeitpunkt schon, und dann fragst du dich: Was kommt als Nächstes? Der Europameister-Titel ist enorm weit weg, und ich hatte keine Ziele mehr.» Nach dem Grossmeistererfolg habe alles darum herum – mit Medien und Sponsoring – viel Platz eingenommen. «Ich musste zum vierzehnjährigen Noël zurückkehren, der einfach gerne spielt.»

Anspruchsvoll ist auch die Arbeit an der Psyche. «Viele Schachspieler denken wohl, dass ich entweder esoterisch oder durchgedreht bin, dass ich darüber rede», schmunzelt er. Emotionen am Schachbrett würden nicht gern gesehen. Zum einen störe man damit andere beim Turnier. Zum anderen schicke es sich nicht. «Es würde guttun, nach einer Niederlage einfach ‹Scheisse› sagen zu können.» Die Gefühle müssten aber zurückgehalten werden. Erst nach Spielende könne er sich über einen Sieg freuen oder sich über die Niederlage aufregen. «So bleiben die negativen Gedanken länger, und die positiven sind zum Teil bereits verpufft.»

Leider habe die Schweizer Schachszene mit mangelnder Wertschätzung zu kämpfen, stellt Studer fest. Wenn er bei der Schweizermeisterschaft im Anzug in einer Turnhalle spiele und auf einem schäbigen Plastikstuhl sitze, habe das zwar keine Auswirkung auf seine Leistung. «Doch hinsichtlich der Medienwirkung ist das Anti-Werbung.» Hier merke man, dass Schach in anderen Ländern einen ganz anderen Stellenwert erhalte.

Der Eistee ist inzwischen ausgetrunken. Nur noch die Eiswürfel sind im Glas. Das Vorurteil vom Schachspieler als Dauerdenker kann Studer nicht entkräften. Abschalten falle ihm oft schwer. Andere Sportarten, die Natur, Zeit mit Kollegen oder der Freundin würden helfen. Trotzdem verfolge ihn dauernd der Gedanke der Optimierung, nicht nur im Schachspiel, sondern generell. «Du könntest immer noch mehr machen.» Momentan steht Studer in der Vorbereitung für die klassischen Europameisterschaften im Mai. Zuerst geht es aber ans Schachfestival in Gibraltar. Den Wunsch erfolgreicher Turniere erwidert Studer entspannt: «Danke. Falls sie denn überhaupt stattfinden!» Und schwingt sich aufs Velo.

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