Kaffee mit…

Paavo Järvi, Dirigent

Hotel, Konzertsaal, Hotel, Flughafen, Hotel, Konzertsaal: Paavo Järvi führt ein Leben ohne Mittelpunkt. Der Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich pendelt für seine Engagements zwischen Zürich, Japan, Deutschland, der neuen Heimat in den USA und der alten in Estland. Wirklich zuhause ist er nur wenige Wochen im Sommer und über die Weihnachtsfeiertage. Dazwischen lebt er in Hotelzimmern. Wie dem des Renaissance Zürich Tower Hotels, wo der zweifache Vater an diesem Nachmittag vergangener Woche in der menschenleeren Club Lounge sitzt, Kaffee trinkt und sein Leben fern der Familie reflektiert. «Man kann es ein Opfer nennen, vielleicht ist es auch einfach Dummheit», sagt er. «Aber meine Orchester kommen nun mal nicht zu mir. So wie der Prophet zum Berg muss, muss ich zu ihnen.»

Seine Orchester, das sind neben dem Tonhalle-Orchester das NHK Symphonieorchester Tokio und die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen. Als wäre das nicht genug, ist der Achtundfünfzigjährige als Gastdirigent auf der ganzen Welt unterwegs. Einmal jährlich verwandelt Järvi das estnische Pärnu für eine Woche in ein internationales Musikfest. In der Hafenstadt ist die Familie tief verwurzelt. Bevor Järvi vor gut zehn Jahren die Durchführung übernahm, leitete sein Vater Neeme Järvi das Festival. «Der Meister», wie ihn Sohn Paavo mit spürbarem Respekt nennt, dirigierte ab 1982 über zwanzig Jahre lang die Göteborger Symphoniker und tourte mit unzähligen Orchestern durch Spielstätten rund um den Globus – unter anderem in den Siebzigerjahren mit den Leningrader Symphonikern durch die USA. Auch Paavo Järvis inzwischen verstorbener Onkel Vallo war Dirigent, genau wie sein Bruder Krjstian. Die Järvis atmen Musik.

Dass es nicht immer Klassik sein muss, zeigt ein Blick in die Vergangenheit. Ausserhalb der heimischen vier Wände bearbeitete der junge Paavo Järvi als Schlagzeuger der estnischen Rockband «In Spe» die Drums. Zu seinen Wegbegleitern gehörte der Komponist Erkki-Sven Tüür, der ihm Jahre später eine Symphonie widmete. Trotz Faible für Rockmusik entschied sich Järvi am Ende für eine Karriere als Dirigent. Warum? «Wenn man mit einer Musik aufgewachsen ist, die eine solche Komplexität hat wie klassische Musik, nährt einen Rock zu wenig», sagt er.

Doch die Verbundenheit zu populären Stilrichtungen blieb. In Frankfurt initiierte Järvi 2007 das Music Discovery Project, eine Konzertreihe, in der sich die Klänge des hr-Sinfonieorchesters mit denen berühmter Popkünstler vermischen. Es war sein optimistischer Versuch, klassische Musik einer jungen Generation schmackhaft zu machen. Heute wirkt Järvi abgeklärter. «Die meisten Ideen funktionieren nicht», sagt er. «Wir könnten morgen mit einem berühmten Rockstar auftreten. Die Show wäre grossartig, aber gewinnen würden wir junge Menschen damit kaum.»

Das Gedankenspiel entlarvt Järvis Aversion gegen Purismus. Béla Bartóks erstes Klavierkonzert nennt er «mehr Heavy Metal als vieles, was das Genre produziert». Das anspruchsvolle Werk ist ein Grund, warum er an diesem Nachmittag müde wirkt. Mit Bartók, Enescu und Schubert brachte das Tonhalle-Orchester vergangene Woche gleich drei Komponisten vors Publikum – teils mit drei Konzerten an einem Tag. Für die grosse Anstrengung ernteten die Musiker nur kleinen Applaus. Vor mehr als fünfzig Personen durften sie nicht auftreten. «Die Atmosphäre ist dadurch eine ganz andere», sagt Järvi. «Über die Wichtigkeit der Interaktion zwischen Publikum und Orchester haben wir in den vergangenen Monaten viel gelernt.» Auch darüber, wie es sich ganz ohne Publikum spielt. Die konzertlose Zeit hat das Tonhalle-Orchester genutzt, um über Livestreams aufzutreten und Aufnahmen für Alben einzuspielen.

Järvi spricht ruhig, mitunter leise. Immer wieder hält er inne, verschafft seinen Gedanken Raum. Es entsteht ein Gespräch wie ein Adagio. Mit Gestik ist er zurückhaltend. Untermalt er seine Worte doch mit einer Handbewegung, wirkt sie so zärtlich und natürlich, als würde er den Gedanken selbst dirigieren. Selbst als der Meinungsaustausch über die Wichtigkeit komplexer Werke in der Programmplanung und generelles Kunstverständnis zur Kulturarmut gewisser politischer Eliten gleitet, bewahrt er seine ruhige Aura. Mit politischen Äusserungen ist Järvi zwar zurückhaltend. Dass er, der 1980 mit seiner Familie in die USA emigriert ist, kein Fan von Donald Trump ist, hat er aber schon mehrmals durchblicken lassen.

Inzwischen ist in die Club Lounge Leben eingekehrt. Gesprächsfetzen, Hintergrundmusik und das regelmässige Klappern von Geschirr wirken wie ein Crescendo, das die Illusion der Zeitlosigkeit vertreibt, die die Ruhe geschaffen hat. Noch ein paar Minuten, dann eilt Järvi zum nächsten Termin. An der Zürcher Hochschule der Künste wollen Dirigenten im Rahmen eines Meisterkurses von ihm lernen. Viele werden ihn kopieren. Ihm ist das nur recht. «Junge Dirigenten sollen andere kopieren», sagt er. «Picasso hat auch erst lernen müssen, wie man zeichnet, bevor er einen eigenen Stil entwickeln konnte.» Järvi selbst gehört längst zu den Grossen seiner Zeit. In den kommenden Wochen wird er das in Tokio unter Beweis stellen. Ein Jahr lang hat er sein Orchester nicht besucht. Die zweiwöchige Quarantäne, die er für zwei Konzerte auf sich nehmen muss, ist nur ein weiteres Opfer in einem Leben für die Kunst.

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