Kaffee mit…

Pascal Bieri, Co-Gründer von Planted Foods

Pascal Bieri bezeichnet sich selbst als Geniesser. Er liebt feines Essen und guten Wein. Es geht bei ihm aber durchaus auch einfach – etwa mit einem Reisgericht mit Planted Chicken. Planted? Das ist pflanzliches Fleisch, das das Start-up Planted Foods auf dem Areal der ehemaligen Maggi-Fabrik im zürcherischen Kemptthal herstellt. Planted Foods ist ein Spin-off der ETH Zürich und wurde 2019 vom heute 36-jährigen Bieri zusammen mit drei Kollegen gegründet.

Die Geschichte des Start-ups begann 2017. Bieri, der an der Uni St. Gallen einen Master in Business Innovation gemacht hatte, befand sich damals beruflich in den USA. Öfters legte er einen fleischlosen Tag ein. Er probierte dabei auch erste Versionen von veganen Burgern aus – mit mässigem Genuss. Er kontaktierte daraufhin per Whatsapp seinen Cousin Lukas Böni, der gerade daran war, an der ETH ein Doktorat in Lebensmittel-Verfahrenstechnik abzuschliessen. Er fragte ihn, ob es möglich sei, einen pflanzlichen Burger besser und mit weniger Zutaten herzustellen.

ETH-Professor Erich Windhab brachte die beiden dann mit einem anderen seiner Doktoranden, Eric Stirnemann, zusammen. Dieser hatte bereits in seiner Masterarbeit erste erfolgreiche Versuche mit dem Nassextrusionsverfahren gemacht. Christoph Jenny, ein Betriebsökonom und Finanzfachmann, der unter anderem bereits Knowhow in der Gastro-Branche besass, komplettierte das Team. Ihn kannte Bieri von der gemeinsamen Schulzeit an der Kanti Sursee.

Die vier begannen, an pflanzlichem Fleisch zu forschen, das die Textur, den Nährwert und den Geschmack von tierischem Muskelfleisch haben sollte. Ziel der Jungunternehmer war es, die Art, wie Fleisch wahrgenommen und konsumiert wird, zu revolutionieren. Sie wollten ein grundlegendes Umdenken anstossen, um die verheerenden Folgen der Nutztierhaltung auf der Erde zu reduzieren. Der Fleischersatz sollte «natürlicher und nachhaltiger produziert sowie gesünder zum Essen» sein, erklärt Bieri bei einem Kaffee im Planted Bistro by Hiltl in Kemptthal, das sich im selben Gebäude befindet wie die Büros und die Produktion von Planted Foods und dem Team unter anderem auch als Kantine dient. «Wir wollen zum Konsum von tierischem Fleisch eine Alternative bieten, die Freude macht beim Essen.»

Erste Versionen ihrer Fleischalternative testeten die vier mit Restaurant-Köchen und an Passanten bei einem Wettbewerb im Zürcher Hauptbahnhof, denen sie ein Chicken-Curry mit Reis servierten. Das pflanzliche Chicken bestand damals wie heute aus nur vier Zutaten: Erbsenprotein, Erbsenfasern, Rapsöl und Wasser. Den Produktionsprozess erklärt Bieri so: Die Zutaten werden zu einem Teig verarbeitet und in einem Extruder bei abwechselnden Temperaturen erhitzt und unter Druck gesetzt. Schliesslich wird dieser heisse Teig durch eine Kühldüse aus dem Extruder gepresst und erhält dadurch die unverkennbare Struktur von Fleisch.

Einer, der in dieser Entwicklungsphase auf die vier Tüftler aufmerksam wurde, war der Unternehmer und Financier Stephan Schmidheiny. Er degustierte das pflanzliche Chicken in einem Besprechungsraum an der ETH und war sofort begeistert, wie sich Bieri erinnert. Schmidheiny machte daraufhin 1 Mio. Fr. locker; zusätzliche 6 Mio. Fr. sammelten die vier bei weiteren Investoren ein. Damit konnten eine Produktion aufgebaut und erste weitere Märkte erschlossen werden. Dieses Jahr haben Bieri und seine Kollegen in zwei weiteren Finanzierungsrunden nochmals 17 und 19 Mio. Fr. aufgetrieben.

Heute produziert Planted Foods in Kemptthal täglich 5 bis 6 Tonnen Fleischersatz – rund 500 Kilogramm pro Stunde. Die Mitarbeiterzahl beträgt gemäss Bieri mittlerweile 115; davon sind etwa ein Drittel WissenschaftlerInnen – um die Produkte ständig weiterzuentwickeln. Neben Chicken gibt es inzwischen auch Pulled Pork und Kebab. Planted Foods vertreibt diese Produkte über einen Webshop, direkt und mit Partnern an Restaurants und via den Detailhandel in der Schweiz sowie in Deutschland, Österreich und Frankreich. Hierzulande sind die Fleischkopien im Coop und in der Migros erhältlich.

Das Jungunternehmen wächst rasch. In ein paar Wochen soll gemäss Bieri als viertes Produkt ein pflanzliches Schnitzel im Webshop und im Detailhandel erhältlich sein. Heute schon serviert wird es im berühmten Wiener-Schnitzel-Restaurant Figlmüller in der österreichischen Hauptstadt. Zudem ist Planted Foods daran, mit Grossbritannien und Italien zwei weitere Märkte zu erschliessen. Und im nächsten Februar soll in Kemptthal eine zweite Produktionslinie eingerichtet werden. Die Produktion lässt sich dadurch auf 1 Tonne Fleisch aus Pflanzen pro Stunde verdoppeln. Weiter soll 2022 die Planung einer Fabrik im europäischen Ausland beginnen. «Wir wollen näher beim Konsumenten produzieren», sagt Bieri. «Das ist nachhaltiger.»

Der Erfolg der Foodtech-Firma spricht sich herum. Dieses Jahr gewann Planted Foods den Top 100 Swiss Start-up Award und wurde am Swiss Economic Forum in Interlaken als bestes junges Produktionsunternehmen ausgezeichnet. Doch Bieri hat nicht nur den Erfolg des von ihm mitgegründeten Start-ups im Auge. Es geht ihm auch um das grosse Ganze: Er will einen Beitrag zur Rettung der Biodiversität und der Umwelt leisten. «Wir wollen die Welt etwas besser machen», sagt Bieri. «Das geht am besten durch gute Produkte, die die Konsumenten weder beim Geschmack noch bei den Anwendungsmöglichkeiten einschränken.» Trotzdem seien aber weder er noch alle Mitarbeiter von Planted Foods gänzlich vegan unterwegs, betont Bieri. «Wir sind keine Dogmatiker und ich bin kein Kampfveganer.»

Martin Gollmer

, Closing Bell / Kaffee mit