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Patrick Jungo, Mitgründer Edit Suits

Viele Geschäftsideen kommen auf, weil man selbst erlebte Probleme lösen will. Das war auch der Ansatz bei Patrick Jungo: Für den früheren Londoner UBS-Investmentbanker war ein Anzug Pflicht. «Wenn man sich aber nicht gleich einen teuren Massanzug aus der Savile Row leisten wollte, gab es kaum vergleichbare Alternativen», sagt Jungo im Videogespräch mit FuW. Anzüge von der Stange würden oft nicht gut sitzen, und das Shoppingerlebnis in einer Mall inmitten vieler Leute sei kaum inspirierend.

Heute ist er Mitgründer eines der aufstrebenden Londoner Jungunternehmen im Bereich Herrenmode – und ist damit ausgerechnet zu einem der Konkurrenten der ehrwürdigen Massschneider der Savile Row geworden. «Stoffe, die dort verarbeitet werden, findet man auch bei uns, aber einfach günstiger», sagt der 39-Jährige, der seit drei Jahren im Kreativviertel Clerkenwell wohnt. Sobald sich nach der Pandemie eine Erholung abzeichnet, wird eine weitere Expansion ein Thema – auch die Schweiz. «Zürich und Genf wären der natürliche nächste Schritt», sagt Jungo dazu.

Dass es den früher begeisterten Wasserballspieler und Schwimmer überhaupt in die Modebranche verschlagen hat, ist dennoch einem Zufall zuzuschreiben. 2013 verliess der Kapitalmarktspezialist UBS in London, als ihm bewusst wurde, dass er sich innerhalb der Grossbank immer mehr auf einzelne Bereiche spezialisieren musste. «Das war für mich keine Perspektive für die nächsten zwanzig Jahre», so Jungo.

Es ist nicht das erste Mal, dass der Düdinger seinen Lebensplan umstellen musste. «Ich bin auf dem Land aufgewachsen und wollte immer das erreichen, was ich mir in den Kopf gesetzt hatte», erinnert sich Jungo. Lange war für ihn klar, dass er Pilot werden wollte – bis zum 11. September 2001, als ein Flugzeug in einen Turm des World Trade Center in New York krachte. «Damals war ich in der Piloten-RS in Magadino», sagt Jungo. Der Zwischenfall sei der Anfang vom Ende seines Pilotentraums gewesen. Er entschied sich stattdessen für ein Wirtschaftsstudium.

Einen solchen Plan B hatte er beim Ausstieg aus der Finanzbranche nicht, und so reiste er erst durch Südamerika, später auch durch Asien. Dort sind ihm die vielen Schneider aufgefallen, die Massanzüge zu angemessenen Preisen anboten. In Europa habe ein solches Angebot jedoch weitgehend gefehlt. Bei einem längeren Aufenthalt in Singapur traf er zufälligerweise einen früheren Kollegen. Reto Peter hatte dort gerade eben ein Mode-Start-up lanciert. Aus einer spontanen Idee heraus ergab sich, dass Jungo ebenfalls ins Unternehmen einstieg. Angefangen hatte das Abenteuer mit Hemden, später kamen Anzüge dazu. «Wir wollten ein komplexes System mit Produktion und Vertrieb vereinfachen, um die Stückkosten tief zu halten», so Jungo. Das Herzstück des Unternehmens ist eine Plattform, mit der sie sehr schnell auf sich ändernde Konsumentenpräferenzen reagieren können. «Wir sehen uns mehr als Fashion-Tech-Unternehmen, nicht als herkömmliches Modegeschäft», sagt Jungo.

Heute ist Edit Suits noch immer in beiden Metropolen mit einem Showroom vertreten. «Davon haben wir gerade während der Pandemie profitieren können», sagt Jungo. Denn während sich London seit fast einem Jahr mit wenigen Unterbrüchen in einem Dauer-Lockdown befindet, hat Singapur die Wirtschaft bereits vor Monaten wieder geöffnet. «Einerseits sicherte uns das dortige Geschäft dringend benötigte Liquidität, andererseits sahen wir, wie gross der Nachholbedarf der Kunden ist», so Jungo. Heute liegt der Umsatz in Singapur wieder bei über 85% des Vorkrisenniveaus – Tendenz steigend. Das macht dem Jungunternehmer Mut, dass auch London sich in ähnlichem Ausmass erholen dürfte. Immerhin hatte Jungo während des Lockdown zumindest etwas Glück im Unglück. Im Bereich der City of London waren die Behörden sehr entgegenkommend gewesen, hatten Gebühren deutlich gesenkt und Darlehen, die nicht zurückgezahlt werden müssen, zur Verfügung gestellt.

Dass der Verkauf von Anzügen ausgerechnet in den Wochen vor dem Ausbruch der Pandemie so gut wie nie zuvor lief, machte die Flaute der vergangenen Monate nicht einfacher. Doch unterkriegen lassen hat sich Jungo nie: «Wir haben plötzlich gemerkt, dass die Krise ungeahnte Chancen bietet.» So habe man plötzlich Kreativleute und Designer angehen können, die zuvor für ein solch kleines Unternehmen nicht zugänglich ­gewesen wären. Gleichzeitig haben Jungo und Geschäftspartner Peter die Zeit genutzt, um in Technologie und Wachstumsfelder zu investieren. So soll in den kommenden Monaten eine Onlineplattform aufgeschaltet ­werden, mit der die Kunden Masskleider ohne akribisches Messen von Körperproportionen bestellen können.

Das ist zugleich der nächste Schritt auf dem Weg, das profitable Wachstum voranzutreiben. «Am Anfang ist alles einfach», sagt Jungo. Zuerst verkaufe man die Produkte an die sogenannten Low Hanging Fruits, also an Freunde und Bekannte, die einem wohlgesinnt sind. Der grosse Test folgt dann. «Niemand kennt dich, und doch muss man die Leute dazu bringen, bei dir zu kaufen», sagt Jungo. Vor dem Lockdown hat Edit Suits diesen Test bestanden. Die Aussichten stehen gut, dass die Erfolgsgeschichte auch nach der Pandemie weitergeht.

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