Kaffee mit…

Ramon Zenhäusern, Ski-Olympiasieger

An diesem Wochenende startet Ramon Zenhäusern (27) in seine achte Weltcupsaison. Den Auftakt der Ski-Alpin-Saison 2019/20 machten vor einem Monat standesgemäss die Riesenslalomspezialisten am Rettenbachgletscher in Sölden. «Irgendwann will ich auch in dieser Disziplin an den Start. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Ich will nicht in zwei Disziplinen nur Mittelmass sein. Ich bevorzuge es, in einer Top zu sein.» Im Slalom ist er das – zweifellos.

«Ein langsamer, aber stetiger Steigerungslauf, mit einem exponentiellen Wachstum in den vergangenen zwei Wintern», so fasst der Walliser aus Visp seine bisherige Karriere zusammen. Ein amüsantes Detail: Seine Entwicklung hat erstaunliche viele Parallelen mit dem Fünfjahreschart des im Oberwallis wichtigsten Arbeitgebers Lonza.

 

So richtig Fahrt nahm Zenhäuserns Laufbahn in Pyeongchang an den Olympischen Spielen 2018 auf. Nach Rang neun im ersten Durchgang des Slaloms trumpfte er im zweiten auf und gewann noch die Silbermedaille. Es war das erste Edelmetall eines Schweizers in dieser Disziplin seit 1980. Damals belegte Jacques Lüthy Platz drei, hinter Phil Mahre und Ingemar Stenmark. Den Erfolg bezeichnete Zenhäusern im TV-Interview unmittelbar danach als «biruweich», was ihn auch ausserhalb der Landesgrenze bekannt gemacht hat. «Es kommt vor, dass ich zwischendurch Passanten auf der Strasse höre, die mich sehen und sagen ‹das ist doch Mr. Birnenweich›.» In seinem Lieblingsrestaurant, das mit 14-Gault-Millau-Punkten bewertet ist, wird inzwischen auch ein Kaffee Biruweich serviert, in einer Tasse, die er mitgestaltet hat.

Der Aufschwung ging im vergangenen Winter weiter – trotz gebrochenem Daumen. Lediglich sieben Tage nach der Operation schaffte er es in Oslo am Neujahrstag im Weltcup-Parallelslalom auf das Podest. Ende Januar wiederholte er am City Event von Stockholm den Sieg vom Vorjahr, und im slowenischen Kranjska Gora triumphierte er das erste Mal in einem Weltcupslalom. Die Art und Weise, wie er den Sieg in Slowenien herausfuhr, beeindruckte den Skizirkus. Mit 1,15 bzw. 1,17 Sekunden Vorsprung verwies er Henrik Kristoffersen und Marcel Hirscher auf die weiteren Plätze.

«Es wird zunehmend schwer, mich zu steigern. Die Luft nach oben wird immer dünner», meint er. In der letzten Saison belegte er in der Disziplinenwertung Rang vier. Der Rücktritt Hirschers bringt das Fahrerfeld noch enger zusammen. Auch deshalb will Zenhäusern keine konkreten Ziele für die am Sonntag im finnischen Levi startende Slalomsaison nennen. «Viel wichtiger ist es, gesund zu bleiben und Spass zu haben. Die Resultate kommen dann von allein.»

Auf dem Weg an die Weltspitze wurde Zenhäusern von seinem Vater Peter sowie seinem Personaltrainer Didier Plaschy begleitet. Nach Erfolgen in den Jugendjahren geriet seine Karriere während seines körperlichen Wachstums zunächst ins Stocken. Ein Umdenken war nötig. Unkonventionelle Trainingsmethoden und Ratschläge von Plaschy waren rückblickend der Schlüssel zum Erfolg. «Mit meiner Grösse von zwei Metern bin ich auf viele Koordinationsübungen angewiesen. Ich brauche viel weniger Rohkraft als kleinere Athleten, wie beispielsweise Hirscher. Die grosse Herausforderung ist, den Oberkörper ruhig zu halten. Deshalb integrieren wir stets neue Methoden ins Training, die ein hohes Mass an Koordination erfordern. In diesem Sommer war ich etwa auf der Aare Bungeesurfen oder mit Rollerblades auf Pumptracks. Zudem reizt mich die Idee, auf Gras-Ski zu stehen. Solche Sachen liebe ich, und sie entsprechen genau unserer Philosophie – harte Arbeit mit Spass zu verbinden.»

 

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Zenhäusern zeichnete seine ersten Schwünge in der Moosalpregion bei Bürchen in den Schnee. «Die Winter verbrachten wir stets in unserem Chalet. Mit meinem Vater bin ich dann auf die Piste, die gleich vor der Tür liegt.» Früh trat er dem Skiclub Brandegg-Bürchen bei. Da verging nicht viel Zeit, bis sein Talent erkannt wurde. Für Sondereinheiten steckte Vater Peter etliche Male am Pistenrand einen Slalom aus. Noch heute verbindet Ramon viel mit dieser Region. Es verwundert daher kaum, dass er die Moosalp ausgesucht hat, um mit «Finanz und Wirtschaft», am Tag des Oberwalliser Schwingfests, zu sprechen. Auf der Postautofahrt dahin – und bei einem Kebab, es sei ihm verziehen – schwärmt Zenhäusern vom Bietschhorn, das das Panorama von hier aus ziert. «Es ist doch genauso schön wie das Matterhorn. Und dann diese kleinen Bergseen auf dem Plateau sowie dieser 360-Grad-Blick auf das ganze Oberwallis. Einfach traumhaft.»

Zenhäusern ist Walliser durch und durch. So setzte er sich als Botschafter für die Olympia-Kandidatur «Sion 2026» ein. In einer kantonalen Abstimmung ist das Projekt allerdings knapp gescheitert. «Hätte es geklappt, wäre es auch ein Zeichen für das Thema Nachhaltigkeit gewesen. Obschon wir Skifahrer in dieser Debatte eigentlich nur verlieren können.»

Für Olympia 2026 hat in diesem Sommer Mailand/Cortina d’Ampezzo den Zuschlag erhalten, was immerhin Zenhäuserns Vorstellung von Olympischen Spielen entspricht. «Sie sollten dort stattfinden, wo der Schnee liegt und wo die Infrastruktur bereits vorhanden ist.» Diese Winterspiele in rund sechs Jahren werden voraussichtlich die letzten seiner Laufbahn sein. «Wenn alles gutgeht, habe ich noch zehn Jahre im Profibereich vor mir.» Von dem, was danach kommen soll, hat er bereits eine leise Ahnung. Er lehnt sich aber nicht weit aus dem Fenster. «Mich interessiert Sport, und ich habe im September mein Bachelordiplom in Wirtschaftswissenschaften erhalten. Es wird daher schon etwas in diesem Bereich sein.» Bis dahin sollen aber noch viele «biruweiche» Momente zwischen den Slalomstangen folgen.

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