Kaffee mit…

Richard Quest, CNN-Reporter

Wer öfters Finanzfernsehen schaut, kennt womöglich das Gesicht – ganz bestimmt aber die schroffe, stets leicht heisere Stimme: Richard Quest, Starmoderator und Anchor des amerikanischen TV-Kanals CNN. In «Quest Means Business», so der Titel seiner bekanntesten Sendung, schlägt der Brite erfolgreich eine Brücke zwischen Wirtschaftsthemen und Unterhaltung – auch wenn sein hibbeliger Moderationsstil nicht bei allen Zuschauern auf Anklang stösst.

Beim Treffen im Zürcher Hotel Baur au Lac, wo sich der sympathische 56-Jährige von den Strapazen des World Economic Forum erholt, ist von diesem Habitus nichts zu sehen. Ruhig und entspannt steht er Rede und Antwort. «Wef und Freizeit: Das sind zwei Begriffe, die einfach nicht zusammenpassen», meint Quest schmunzelnd. Den Anlass in Davos möge er zwar immer noch nicht. «Die Promenade? Eine einzige Orgie der Kommerzialisierung. Es war noch nie so schlimm wie dieses Jahr.» Journalistisch sei er mit dem Resultat aber durchaus zufrieden. Dass 2019 die grossen Namen gefehlt hätten, sei der Qualität des Wef durchaus zugutegekommen.

Quest nippt genüsslich an seiner Tasse Tee, bevor er unverhofft eine Gegenfrage stellt: «Zu welcher Gruppe zählen Sie: Tee oder Milch zuerst?» «Tee zuerst», entgegnet der Interviewer zögerlich, «habe ich mich in Ihren Augen gerade disqualifiziert?» «Keine Angst, Ihre Reihenfolge ist legitim – wenn auch komplett falsch», sagt Quest und setzt zu einem mehrminütigen Monolog an, in dem er die korrekte Zubereitung historisch herleitet. «Ich bin vor Kurzem dazu übergegangen, meinen Tee wieder mit richtigen Blättern zu brauen. Der Prozess erhält dadurch eine ganz neue, meditative Qualität. Diese Extraminuten sind es mir definitiv wert.»

Welche Momente sind ihm in seiner langjährigen Karriere als Journalist und Korrespondent besonders hängen geblieben? «Sicher Unterhaltungen mit Persönlichkeiten wie dem Dalai Lama», sagt Quest. Dass dabei auch immer wieder mal Dinge schiefliefen, gehöre zum Job dazu. Spontan falle ihm ein Erlebnis in Indien ein: «Wir besuchten die Bombay Stock Exchange, um den Parketthandel zu filmen – nur um dort mitgeteilt zu bekommen, dass die indische Börse bereits seit Jahren keinen Trading Floor mehr unterhält, sondern alles elektronisch abwickelt. Unser Produzent hatte sich auf veraltetes Infomaterial verlassen», grinst Quest.

Gibt es Erlebnisse, die ihn richtig genervt haben? «Was ich überhaupt nicht ausstehen kann, sind Gespräche mit CEO, die Unwahrheiten erzählen oder die Realität nicht wahrhaben wollen.» Natürlich sei es jeder Führungsperson erlaubt, Ansichten zu hegen, die vom Konsens abweichen würden. «Wenn allerdings jemand versucht, mir Schwarz als Weiss vorzumachen, gehe ich dagegen mit allen journalistischen Waffen vor.»

Welche Personen haben ihn, der unzählige Prominente getroffen hat, am positivsten überrascht? «Der inzwischen verstorbene Schauspieler Patrick Swayze etwa, der mit ‹Dirty Dancing› zum Star wurde. Eigentlich wollte ich das Interview zu Beginn gar nicht führen. Im Vorgespräch habe ich allerdings rasch gemerkt, dass sich Swayze nicht zu wichtig nimmt und Humor hat. Unser Interview erwies sich als superb.» Sehr gut sei jüngst das Gespräch mit Anwar Ibrahim herausgekommen, dem malaysischen Politiker, der wegen angeblicher homosexueller Beziehungen zu seinem Chauffeur zu neun Jahren Gefängnis verurteilt wurde – und nun mit den Urhebern dieser Schmierenkampagne eine Koalition bildet.

Neben seiner Tätigkeit für das Fernsehen hat sich Quest auch als Buchautor betätigt. Im 2016 publizierten Werk «The Vanishing of Flight MH370» arbeitete er den Absturz des Malaysia-Airlines-Fluges 370 auf, der weiterhin als eines der grössten Rätsel der Luftfahrtgeschichte gilt. Die Frage, ob er bereits ein neues Buch geplant habe, quittiert er mit einem klaren Nein. «Ich habe wahrlich kein Bedürfnis, ein weiteres Buch zu produzieren. Ab-so-lut nicht.» Der Stress sei ihm noch allzu präsent. «Damals erhielt ich den Auftrag im Oktober – mit dem Ziel, bis folgenden September 110 000 Wörter abzuliefern. Der Druck, jeden Tag zu schreiben, mit etwas Neuem aufzuwarten, die Quellen zu prüfen, das wurde mir einfach zu viel.» Wie wäre es denn mit etwas Einfacherem, einer Autobiografie vielleicht? Das würde doch niemand lesen wollen, meint Quest lachend.

Erachtet es der offen zu seiner Homosexualität stehende Brite als allgemeine Verpflichtung, sich zu outen und aktiv gegen die gesellschaftliche Diskriminierung vorzugehen? «Alle in der Öffentlichkeit stehenden Personen, die Erfolg haben und sich deshalb in einer Position befinden, etwas verändern zu können, sind verpflichtet, sich für die Gleichberechtigung einzusetzen. Das sind wir allen schuldig, die bereits schon in den Fünfziger- und Sechzigerjahren für die Entkriminalisierung gekämpft haben.»

Er wolle seinen eigenen Einfluss auf die Gesellschaft nicht überbewerten, hoffe aber, zumindest im Kleinen etwas bewirken zu können. «Ich stelle mir jeweils vor, wie ein Kind im Kreise der Familie meine Sendung schaut und den Eltern sagt: ‹Hey, habt Ihr schon gehört, dass Richard Quest schwul ist?› Und die Eltern entgegnen: ‹Sei ruhig, das ist doch völlig egal. Wir wollen seine Einschätzung zum Dollar hören.› Wenn wir so weit sind, habe ich wirklich etwas erreicht.»

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