Kaffee mit…

Roger Law, Karikaturist

Es ist doch etwas aussergewöhnlich, wenn jemand mit der Neuauflage einer einst erfolgreichen Fernsehshow über dreissig Jahre lang zuwartet. Roger Law, der Mitbegründer von «Spitting Image», kennt das gut genug. Immer wieder sei er danach gefragt worden, sagt der inzwischen 79-jährige Brite beim virtuellen Kaffee. In Grossbritannien darf man sich wegen der Coronamassnahmen nicht mehr in einem Café treffen. Zudem gehört Law schon wegen seines Alters zur Risikogruppe. «Damit ‹Spitting Image› funktioniert, braucht es eine existenzielle politische Krise», sagt er. Diese Situation herrsche nun dank US-Präsident Donald Trump und dem britischen Premierminister Boris Johnson wieder vor.

«Spitting Image» war in den Achtzigerjahren eine bitterböse Polit­karikaturshow gewesen. Bekannte Politiker wie Ronald Reagan oder Margaret Thatcher wurden mit überzeichneten Latexpuppen auf die Schippe genommen. Auch die britischen Royals waren nicht ausgenommen. So wurde die Queen als leicht verrückt dargestellt. Es war eine Form der Kritik am damaligen Diskurs in Politik und Gesellschaft, die selbst von den persiflierten Personen zumindest geduldet wurde. Nach dem Abgang von Reagan und Thatcher ebbte der Erfolg ab, die nachfolgenden Politiker sorgten für deutlich weniger Kontroversen.

«Als Mister Trump vor vier Jahren gewählt wurde, machte ich mich an die Planung der Neuauflage von ‹Spitting Image›. Jetzt, wo auch Johnson Premierminister ist, haben wir eine perfekte Situation wie damals», erzählt Law. Allerdings ist es nicht ganz einfach, eine Show nach solch langer Zeit in praktisch unveränderter Form wieder aufzunehmen. Allein in technischer Hinsicht hat sich vieles geändert. Andere Serien wie «South Park» benutzen eine mindestens so derbe Sprache und so bösen Humor wie damals «Spitting Image». Zudem sind Plattformen wie YouTube und Facebook entstanden, die ebenfalls sarkastisch-satirische Inhalte verbreiten. «Die Sprüche von damals würden heute nicht mehr funktionieren», sagt Law. Er engagierte deshalb Jeff Westbrook, Autor von unzähligen Folgen der TV-Serie «Die Simpsons», als Texter. Nur etwas war unumstösslich: «Trotz all den Möglichkeiten, die Computeranimationen bieten, mussten auch dieses Mal Puppen in der Hauptrolle stehen», so Law.

Auch bei der Neuauflage von «Spitting Image» geht Law mit seinen Mitarbeitern an die Schmerzgrenze des Erträglichen. So sieht man etwa die Trump-Puppe im Bett mit Ehefrau Melania liegend twittern – nicht etwa mit seinem Finger, sondern mit seinem Darmausgang, in Anlehnung an ein verbreitetes Schimpfwort. Da mag es kaum verwundern, dass sich im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen kein US-Sender bereiterklärte, «Spitting Image» auszustrahlen. Aber auch britische Politiker bekommen ihr Fett weg. So verkörpert die Innenministerin Priti Patel eine Domina, während die Wangen von Michael Gove, dem Minister für das Kabinettsamt, einem Skrotum ähneln. Nicht weniger als hundert Puppen wurden für die zehn aktuellen Folgen geschaffen.

« ‹Spitting Image› muss auch heute so richtig wehtun», sagt Law. Es kümmere ihn wenig, wenn Gefühle anderer verletzt würden. «Wenn man sieht, was in der Politik schlecht läuft, dann muss solche Kritik möglich sein.» Trotz Laws Euphorie goutieren nicht alle Anhänger von damals die neuen Folgen. Die Gags seien eher flau, die Inszenierung zu stereotyp, liest man in Fan-Foren. Law kümmert dies kaum. «Heute muss man vorsichtig sein, dass man gewisse Grenzen nicht überschreitet», sagt der Künstler, der mit seiner Frau in der ostenglischen Grafschaft Norfolk wohnt. So hätten Bewegungen wie Black Lives Matter auch Folgen für seine Puppenshow.

Das Revival läuft bis Dezember auf dem Streamingdienst Britbox, der von BBC und ITV als Konkurrenz zu Netflix betrieben wird. Zudem werden die Folgen kostenlos auf YouTube angeboten. Vor dreissig Jahren war «Spitting Image» noch exklusiv vom Privatsender ITV vertrieben worden. Der Druck, die Einschaltquoten hoch zu halten, war gross. «Wir waren damals eine der wenigen Sendungen, die von oberen Schichten wie von der Arbeiterklasse geschaut wurden.» Mit dem Wegfall der Sendung aus dem TV-Programm geniesst er ungleich grössere Freiheiten. Keine Ziele mehr, die erfüllt werden müssen, keine TV-Direktoren, denen die Sprüche zu weit gehen. Bereits plant Law für 2021 eine weitere Staffel. An Stoff für verbale Gratwanderungen wird es ihm nicht fehlen.

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